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Verein „Hoffest hilft helfen“: Von der Pfalz in die Welt und umgekehrt

Verein „Hoffest hilft helfen“ : Von der Pfalz in die Welt und umgekehrt

Weit länger als zwei Stunden ließen sich 60 Geschichtsinteressierte aus Lambsborn und den umliegenden Gemeinden bis Homburg und Zweibrücken von dem Historiker und Volkskundler Roland Paul in den Bann der Pfälzer Migrationsgeschichte ziehen.

„Wir Pfälzer haben alle einen Migrationshintergrund“, erklärt Roland Paul. Fast zweieinhalb Stunden lang skizzierte der Direktor i.R. des Instituts für pfälzische Geschichte und Volkskunde auf Einladung des Lambsbornder Vereins „Hoffest hilft helfen“ über die Geschichte der Pfalz als Aus- und Einwanderungsland vom 16. bis zum 20. Jahrhundert.

Lebendig, spannend und detailreich schilderte er seinen rund 60 Zuhörern, weshalb zu bestimmten Zeiten die Pfalz so interessant war für Menschen aus anderen Ländern und weshalb sich zu anderen Zeiten viele Tausend Menschen dazu entschieden, ihre Heimat zu verlassen und vorzugsweise in Amerika oder Russland ein neues Leben zu wagen. „Darunter waren auch alleinstehende Frauen, oft mit Kind“, bewundert er deren Mut, sich den Strapazen einer dreimonatigen Schiffsreise auszusetzen, die viele nicht überlebten. „Da gab es keine Vollpension, sondern die Verpflegung für diese Zeit musste selbst mitgenommen werden“, erinnerte er.

Doch zunächst beschrieb er die Zuwanderströme im 16. und 17. Jahrhundert. Zu dieser Zeit ließen sich in der Pfalz zahlreiche Wallonen und Hugenotten nieder, die in den spanischen Niederlanden und in Frankreich ihres evangelischen Glaubens wegen verfolgt wurden. Sie waren besonders bewandert im Textil- und Gerberhandwerk und ließen sich in vier Regionen, darunter Otterberg und später Annweiler, nieder. Lehrer und Priester lehrten zunächst auf Französisch. Namen wie etwa Agne seien eingedeutscht und seien französischen Ursprungs. Immer wieder zählte er im Zusammenhang mit den unterschiedlichen Migrantenströmen die typischen Namen auf. „Schauen Sie in Ihre Stammbäume, dann wissen sie, von wem Sie abstammen“, lud er seine aufmerksamen Zuhörer ein.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg und dem Pfälzischen Erbfolgekrieg siedelten sich in dem völlig entvölkerten Landstrich auf Einladung der Fürsten zahlreiche Menschen aus der Schweiz, aus Tirol, Luxemburg, Italien und anderen Ländern an. Bei den Schweizern handelte es sich meist um Mennoniten, die dort wegen ihres Glaubens als „Täufer“ verfolgt wurden. Sie waren geschickte Bauern und trugen maßgeblich dazu bei, das zerstörte Land mit Äckern, Feldern und Weinbergen wieder aufzubauen. Aus Tirol und dem Allgäu stammten vielfach Maurer und Steinhauer, die auch nach dem Bau des Jagdschlosses in Pirmasens in der Pfalz blieben. Deshalb werden die Fehrbacher bis heute „Tiroler“ genannt.

In Italien wurden rund um den Comer See Schornsteinfeger angeworben, um die neue „Brandschutzordnung“ des Kurfürsten umzusetzen. Dieser Befahl, um Bränden vorzubeugen, den Schornstein jährlich zu reinigen, was in der Region niemand konnte. In Lambsborner Häusern seien bis heute Terrazzo-Böden von Sacinelli zu finden. Der wohlhabende italienische Kunstsammler Benzino stiftete seine Werke der Stadt Kaiserslautern und legte damit den Grundstein für die Pfalzgalerie. Außerdem gelangten mit den Italienern bis dahin unbekannte Südfrüchte wie Orangen und Zitronen in die Pfalz. Im 18. Jahrhundert begann dann ein großer Exodus. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse bewogen viele Pfälzer, ihre Heimat zu verlassen und nach Nordamerika, Ungarn, Galizien oder Russland zu ziehen.

Dort gründeten sie pfälzische Siedlungen und pflegten über Generationen hinweg ihre deutsche Heimatkultur. So auch die Amish, eine Gruppierung der Täufer, die bis heute nach Art ihrer Vorfahren leben. „Sie alle können kein Hochdeutsch. Wenn ich mit ihnen ‚pälzisch rede’, verstehen sie mich“, berichtete Roland Paul, der die meisten Siedlungsgebiete der Pfälzer persönlich kennt. „Sie haben allerdings keine Wörter für moderne Errungenschaften, die es zur damaligen Zeit noch nicht gab. So werde ein Flugzeug als „Luftschiff“ bezeichnet, das TV als „Guck-Kasten“. Der engagierte Historiker war sichtlich in seinem Element und sprudelte nur so vor interessanten Informationen.

Flora Einson, die in Amerika den ebenfalls emigrierten, späteren „Puzzle-King“ Morris Einson heiratete und zu großem Wohlstand gelangte, bürgte für ihre gesamte Verwandtschaft und holte diese im Dritten Reich in die Staaten. „Mehr als 70 Menschen“, weiß Roland Paul aus den Unterlagen, die dem Auswanderungsforscher in aller Welt zur Verfügung gestellt werden. Ein idealer Fundort für seine Recherchen sind Friedhöfe in Brasilien. „Die Grabsteine waren alle in Deutsch“, belegte Roland Paul am einem Foto. 1940 dann wurde die deutsche Sprache in Brasilien verboten, so dass auch die deutschen Schulen in der Landessprache lehren mussten. Aus den Briefen, die ehemalige Auswanderer in die Heimat schickten, ließ sich viel über ihr neues Leben und auch die Strapazen der Überfahrt erfahren. So bedauerte ein schwer seekranker Pfälzer nur, wie schade es um Wein und Branntwein im Keller sei, wenn diese ungetrunken untergehen müssten.

Elisabeth Singer schrieb an ihre Freundin, Friederike Dingler (Vorläufer von Kranbauer Terex in Zweibrücken): „In New York gefällt es mir gar nicht. Die Häuser sehen aus wie Dielenböden, schwarz von Kakalaken. Und die Moskitos beißen sehr“.

„Das war eine super spannende Geschichtskunde. Wir haben alle viel gelernt“, bedankte sich die Vereinsvorsitzende, Christine Gortner, am Ende mit einer Flasche Lambsborner Grumbeerschnaps. Sie findet das Thema absolut aktuell. „Man muss sich einmal klar machen, dass niemand von uns ursprünglich von hier stammt und dass auch unsere Vorfahren nicht nur aus poltitischen Gründen wie in der Nazizeit oder als Verfolgte während der Revolution, sonden auch wegen wirtschaftlicher Probleme ausgewandert sind“, wirbt sie um Verständnis für die Situation und die Beweggründe unserer heutigen Migranten. In Einzelgesprächen berichtete Roland Paul im Anschluss an seinen Vortrag Interessierten über das Schicksal von Auswanderern aus Lambsborn und Umgebung.

Infos zum Gastgeber im Internet unter www.hoffestev.de