Tierärztin informiert Vorher an nachher denken

Wallhalben · Veterinärin Anne Grunder gibt potenziellen Tierhaltern im Internet Tipps zu Anschaffung und Haltung.

 Neben ihrer Tierarztpraxis klärt Anne Grunder, hier mit ihrer Praxiskatze Opossi, im Internet über die Bedürfnisse von Hund und Katze auf.

Neben ihrer Tierarztpraxis klärt Anne Grunder, hier mit ihrer Praxiskatze Opossi, im Internet über die Bedürfnisse von Hund und Katze auf.

Foto: Cordula von Waldow

„Nach-denken – und zwar vorher! Bevor sie sich ein Tier zulegen.“ Das würde sich Anne Grunder von vielen Menschen wünschen. Nicht nur in ihrer Praxis in Wallhalben stellt die Tierärztin immer wieder fest: „Wir erleben jetzt bereits die zweite Generation von Menschen, die nicht mehr auf dem Land und mit Tieren groß geworden sind.“ Die meisten hätten überhaupt keine Ahnung mehr, welche Bedürfnisse ein Tier wirklich hat und zwar nicht nur physisch, sondern auch psychisch und vor allem sozial.

Sie führt aus: „Ein Hund ist ein Rudeltier. Er braucht ein Alpha-Tier, dem er sich anvertraut, weil es ihm Schutz und Nahrung bietet und die Richtung für das Rudel angibt. Ein Hund kann nicht gleichberechtigt mit allen Familienmitgliedern leben. Das geht niemals gut.“

Dabei hätten viele Menschen nach wie vor das Bedürfnis, mit Haustieren zusammen zu leben. Hund und/oder Katze im Haushalt gehöre mittlerweile zum Lifestyle. Und dies nicht nur zu Weihnachten, wo die Familie sich ein knuddeliges Hündchen oder ein liebreizendes Kätzchen auf den Gabentisch oder unter den Christbaum setzt. Die Leidtragenden des Nicht-Wissens seien in erster Linie die Tiere, doch letztlich auch die Menschen. Da werde aus dem beabsichtigt glücklichen „Wauwi-Kuscheln“ oder „Kätzchenschmusen“ ganz schnell eine krasse Überforderung.

„Was kann ich tun?“, hatte sich die Tierfreundin mit Leib und Seele gefragt. Kommen die Tiere mit ihren Haltern in ihre Praxis, liege das Kind ja bereits im Brunnen und sie könne lediglich lindern statt möglicherweise verhindern helfen.

So startete die Tierärztin Anfang des Jahres eine Facebook-Seite mit dem Titel „Unser erstes Tier“ in der Hoffnung, auf diesem Weg auch Tierarzt-Kollegen, Züchter und vor allem Tierheime für die Aufklärungs-Kampagne zu gewinnen. Sie stellte enttäuscht fest: „Fehlanzeige. Es scheint niemanden zu interessieren.“ Denn aus eigener Erfahrung weiß die Reiterin mit vier eigenen Pferden, die zudem zwei Katzen hält, wie viel Zeit und vor allem auch, wie viel Geld ein Tier wirklich kostet.

Die Anschaffungskosten seien dabei der geringste Faktor. Nicht erst mit der neuen Gebührenordnung für Tierärzte seien 2000 Euro plus für einen mittleren Hund im ersten Jahr aufgebraucht. Sie zählt auf: „Grundausstattung, Aus- und Weiterbildung, Tierarztkosten von Standard wie Impfungen bis hin zu Sonderausgaben bei Krankheit oder Verletzungen.“ Denn was passiert, wenn der Hund älter wird, die Treppenstufen zur Haustür oder den Sprung ins Auto nicht mehr alleine bewältigt und zu schwer ist, um ihn zu tragen?

Immer wieder werde sie von Tierschutzorganisation um Geld angebettelt, doch für Anne Grunder beginnt der eigentliche Tierschutz mit der Aufklärung der Menschen, BEVOR sie sich ein Tier zulegen. Die Tierärztin betont: „Das ist eine Entscheidung fürs Leben und stellt weitaus mehr Fragen als die nach dem Budget.“ Habe ich genug Zeit für mein Tier? Es gibt sowohl Hunde als auch Katzen, die sehr menschenbezogen und agil sind und ständige Bespaßung benötigen.

So, wie Anne Grunders Praxiskatze „Opossi“. Sie habe sich gründlich überlegt, ihren tiermedizinischen Findling selbst zu behalten. Sogar an freien Tagen, Wochenenden, Feiertagen fährt sie viermal täglich in die Praxis, um die Katze zu bespielen und zu beschäftigen, damit diese nicht vereinsamt und dann auf dumme Gedanken kommt. Eine weitreichende Entscheidung nach gründlicher, vorausschauender Abwägung. Aus diesem Grund auch hält sie keinen eigenen Hund, wohl wissend, dass sie ihrem Ideal – groß, sportlich und agil – bei 14 Arbeitsstunden täglich und vier Pferden nie gerecht werden könnte.

Die mittlerweile zahlreichen Artikel zum Thema „Unser erstes Tier“ auf ihrer Facebook-Seite sind ihr Beitrag zum Tierschutz und sollen demnächst als Blog-Artikel auch auf ihrer Homepage nachlesbar sein. „Damit habe ich etwas für meine Tierarztseele getan“, erklärt sie ihr ehrenamtliches Engagement.

Tiergeschichten aus der Praxis, doch auch Erfahrungen aus Anfangsfehlern ihrer Patienten-Menschen teilt sie dort ebenso wie ein Alphabet zum Thema Tierhaltung. Zudem strickt sie bereits an einem ausführlichen Erste-Hilfe-Kurs für Hund und Katze, der im Frühjahr 2023 starten soll. Dieser wird über mehrere Wochen hinweg mit zahlreichen Videos als Selbstlernkurs gestaltet und von der Tierärztin begleitet. Sie beantwortet Fragen und es soll auch praktische Übungseinheiten geben, so dass jeder Teilnehmer am Ende in der Lage ist, Auffälligkeiten an seinem Tier wahrzunehmen und dieses selbstständig zu untersuchen, um den Handlungsbedarf festzustellen. Bei bestandener Abschlussprüfung gibt es dazu ein Zertifikat.

Noch nicht sicher ist Anne Grunder bei der Frage, wie sie Menschen in der Findungsphase erreichen und zum tieferen, wissensbasierten Nachdenken bewegen kann, bevor sie sich ein Tier zulegen. Sie weiß: „Ideal sind Kooperationen und Netzwerke. Schließlich geht es um das Wohl der Tiere und letztlich auch der Menschen.“

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