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„Sortimentsliste war ein Schuss in den Ofen!“

„Sortimentsliste war ein Schuss in den Ofen!“

Die Mieten , die Mieten , die horrenden Mieten - wer in Sachen Zweibrücker Fußgängerzone über Leerstände spricht, zieht schnell diesen Schluss. Ein Trugschluss, findet Andreas Ehrmantraut von Immobilien-Bohrmann. Das Unternehmen sitzt selbst seit 1967 in der Hauptstraße und hat derzeit etwa ein halbes Dutzend freier Gewerbeimmobilien in der Innenstadt, auch der Fußgängerzone.

"In den letzten Jahren sind die Mieten nicht gestiegen, sondern gefallen!", sagt Ehrmantraut. Bei Neuvermietungen lägen sie im "moderaten Bereich". Die Probleme, Leerstände zufüllen und lukrative Läden anzuziehen, sieht Ehrmantraut woanders. Stichworte: Umsätze und Kaufkraft. Diese seien heute entscheidend. Die früher in der Regel inhabergeführten Geschäfte, bei denen auch die Immobilie meist im Besitz der Inhaber war, kauften oder übernähmen heute Filialisten, die bundesweit oder international agierten. "Die haben Expansionsabteilungen, in denen exakt umrissen wird, wo sie hingehen. Städte unter 50 000 Einwohnern fallen bei denen meisten durchs Raster. Die kämen nicht, auch wenn man in Zweibrücken Mieten von 2,50 Euro pro Quadratmeter anbieten würde", erklärt Ehrmantraut. Zweibrücken ergehe es hier wie anderen Städten dieser Größe: "Starnberg wäre vielleicht eine Ausnahme. Aber generell haben Mittelstädte strukturelle Probleme, die nur schwer lösbar sind." Da spielten auch die Style Outlets keine größere Negativrolle, denen schon oft unterstellt wurde, dem innerstädtischen Einzelhandel das Wasser abgegraben zu haben. Wenn überhaupt, fragten außer Optikern und Hörgeräteherstellern Systembäcker, Ein-Euro-Märkte, internationale Imbisse sowie Handyläden und Textilläden im unteren Preissegment bei ihm an. Diese könnten offenbar noch die erforderlichen Umsätze erzielen. "Bei mancher Anfrage fragt man sich schon, ob wir das wirklich brauchen."Aber als Makler und Verwalter vermittele man nur. Im Interesse der Stadtentwicklung könne man hier in den seltensten Fällen steuernd eingreifen, und das auch nur, wenn der Vermieter mitspiele.

Manche Ansiedlung scheitere auch daran, dass ein passender Laden nicht verfügbar sei. Oft liege das an der zu geringen Größe der Verkaufsfläche. Die Zweibrücker Sortimentsliste zum Schutz innenstadtrelevanter Sortimente hält Ehrmantraut für eine wenig sinnvolle Lenkungsmaßnahme: "Die war ein Schuss in den Ofen. Sie nützt der Innenstadt nichts und hemmt die Ansiedlung von größeren Filialmärkten im Umfeld", klagt Ehrmantraut. So beinhalte sie etwa Babyfachmärkte, die es zu Zeiten der inhabergeführten Passage Schreiner gab, die sich heute aber nicht mehr in der Innenstadt ansiedeln würden, da die Innenstadtlage nicht zum Anforderungsprofil der Marktketten passe. Interessenten aus solchen Bereichen, die wegen der Beschränkungen der Liste abgewiesen würden, eröffneten dann in Homburg oder Pirmasens und zahlten dort ihre Gewerbesteuer.

Eine Kehrtwende für Zweibrücken sei schwierig, da es sich um strukturelle Probleme handele, befürchtet Ehrmantraut. Sinnvoll sei in jedem Fall, die Stadt über den löblichen Ausbau der Fußgängerzone hinaus attraktiver zu machen, großzügiger zu werben, die Leute durch Aktionen der Händler zu motivieren, in der Innenstadt einzukaufen. "Wir alle fahren in den Globus, in den Media-Markt, auf die Grüne Wiese - und dann beschweren wir uns, dass solche Läden im Zentrum fehlen." Sein bitteres Fazit: "Wir haben die Innenstädte, die wir verdienen!"

In Amerika, das bei solchen Entwicklungen Deutschland meist Jahrzehnte voraus sei, gebe es schon lange keine Innenstädte mehr, nur noch Malls, in denen man das Auto teilweise nicht einmal mehr verlassen müsse.

Ehrmantraut hat wenig Hoffnung, dass sich weitere Zugpferde vom Schlage Thalia ("Über solche Anker müssen wir froh sein, weil sie viel Publikum anziehen") in Zweibrücken niederlassen. Der Immobilienexperte plädiert dafür, verstärkt Neugründungen zu unterstützen. Die Stadt müsse ihre Fördermöglichkeiten ausschöpfen, um Schritte in die Selbstständigkeit zu erleichtern und vor allem bürokratische Hürden senken. Vielleicht gelänge es so, das eine oder andere interessante Ladenkonzept in die Innenstadt zu bekommen. Dann müsse der Verbraucher aber auch das Seine tun und dort einkaufen. Die wenigen schönen Lädchen, die es noch oder wieder in der Rosenstadt gebe, kämpften ums Überleben. Sie müsse man erhalten helfen. In diesem Zusammenhang hält Ehrmantraut Aktivitäten wie den von Gemeinsamhandel-Chef Andreas Michel ins Auge gefassten Runden Tisch (siehe Seite 15) für sinnvoll.

Das sieht der Makler Hans-Peter Lanninger genauso. Auch Existenzgründer müsse man unterstützen, dem Trend gerade bei jungen Leuten zum Onlinekauf entgegenwirken. Immobilien Lanninger bietet derzeit zwei Gewerbeimmobilien in der Fußgängerzone an, drei in der Fruchtmarktstraße. Lanninger: "Ich denke sowieso, dass viel zu wenige solcher Gespräche geführt werden. Man ist nicht immer der Schlaueste, auch als Stadtverwaltung nicht." Er rechnet mit "einigen Anregungen", wenn man die Immobilienverwalter mit ins Boot nähme. Ihm mangelt es in Zweibrücken an der Eigeninitiative und Erleichterungen, die der Attraktivitätssteigerung dienten. Ein Beispiel, wie klein solche Maßnahmen ausfallen können (und woran es im Bürokratiedschungel Zweibrücken mitunter hakt) hat Lanninger für die Fruchtmarktstraße, in der sein Büro untergebracht ist: "Kunden hätten da schon gemietet, wenn die Straße sauberer wäre. Das ist ein ernstes Thema. Wer da durchfährt, verliert die Lust am Einkaufen." Gerade im Herbst liege die Straße voller Laub. Er habe mit dem UBZ gesprochen, dass dieses als Geste des guten Willens wenigstens zweimal im Jahr aufgesaugt werde. Laut UBZ sei das aber Sache der Eigentümer - vielen davon sei das Laub in der Fruchtmarktstraße egal. Er zahle jetzt einige Euro im Monat für einen täglichen Kehrdienst.

Große Ketten wie H+M oder Primark seien für Zweibrücken nicht zu machen, glaubt auch Lanninger. Nur kleinere Ketten interessierten sich für die Rosenstadt. Die Flächen und das Einzugsgebiet seien zu klein. Letzteres gelte auch für das arabische Lebensmittelgeschäft Babylon-Markt in der Fruchtmarktstraße 23, das er vermarktet: "Das das hat leider nicht geklappt, es musste schließen. Ein ähnliches Geschäft hat an der Ecke Hauptstraße/Lammstraße aufgemacht. Das war zu viel für die Region."

Positivmeldungen hat Lanninger für den früheren Handyladen gegenüber dem Pizza Per Tutti: Hier verhandele man aussichtsreich, eine Entscheidung erwarte er in den nächsten zwei Wochen.

Auch bezüglich des Ex-Sparda-Bank-Gebäudes in der Hauptstraße verhandele er mit Firmen. Anfragen habe es aus dem Textilbereich gegeben, aber auch von einer Spielothek, die er abgelehnt habe. Ein drohender Leerstand ist der nahegelegene Wolle Rödel, der ab dem 1. März 2018 frei stehe. Der Laden werde dann umgebaut, neue Schaufenster, neue Dämmung. Man habe Wolle Rödel halten wollen, das sei aber misslungen. "Im Moment ist nicht unklar, ob jemand übernehmen möchte." Zwei Interessenten hätten kurzfristig mieten wollen, was nicht gegangen wäre.

Ebenfalls auf Nachmietersuche ist Lanninger für die erste Etage im Bürohaus in der Von-Rosen-Straße über dem Mrs. Sporty, das zum 31. März frei wird. "Wir hatten schon jemanden, der hat aber zurückgezogen." Sieht er die Schwierigkeiten bei der Nachmietersuche auch bei zu hohen Mieten ? "Nein, das kann man so nicht sagen. Bei Wolle Rödel etwa ist der auf den Quadratmeter umgelegte Preis nach dem Umbau nicht zu viel."

Mehr aktuelle und künftige Leerstände in der Zweibrücker Innenstadt gibt es auch in unserer Bildergalerie:

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