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Rezension „Wohin sollen wir ziehen?“ von Bernd Kaufmann

Buchkritik : Ein Stück Heimatkunde zum Lesen

Bernd Kaufmanns neues Buch „Wohin sollen wir ziehen?“ erzählt vom Leben der Mennoniten in der Region.

„Warum schreiben Sie nicht mal einen Historienroman über die Region hier?“, war der Zweibrücker Autor Bernd Kaufmann nach seinem dritten Buch gefragt worden. „Die Tür war damit geöffnet, es ging dann Schlag auf Schlag“, erinnert sich der Unternehmer.

Zuerst schenkte ihm Dieter Götz, Inhaber des Kirschbacherhof bei Dietrichingen ein Buch über die Geschichte des Hofguts, das bis heute von Mennoniten geführt wird. Dann fand in der Bibliotheca Bipontina eine Ausstellung über die Mennoniten statt. Im regen Austausch mit der damaligen Standortleiterin des Landesbibliotheks-Zentrums, Sigrid Hubert-Reichling, stellte Bernd Kaufmann fest: „Nirgendwo ist die Geschichte der Mennoniten hier in der Region wirklich aufgearbeitet.“

Der geschichtsbegeisterte Autor begab sich auf die Suche und tat, was er neben dem Schreiben am liebsten tut: gründlich recherchieren. Das war 2015. Im Gegensatz zu seinen übrigen Werken, die ihn unter anderem quer durch Italien führten, musste er diesmal nur ins Elsass.

Hier beginnt mit der Frage „Wohin sollen wir ziehen? die gleichnamige Geschichte der Täuferfamilie Stelter (angelehnt an den typischen Mennoniten-Namen Stalter). Von der Kirche und der Obrigkeit auf Grund ihres abweichenden Glaubens gejagt, sind die Erwachsenen-Täufer bei der Bevölkerung verhasst und werden bedroht, gedemütigt, angegriffen.

Um das Leben seiner Familie zu schützen, entschließt sich Vater Johannes Jakob Stelter, mit seiner Frau Ruth und den beiden Kindern, dem 15-jährigen Johannes „Jos“ und seinem kleinen Schwesterchen Katharina „Trienchen“ Magdalena auszuwandern. Eine gefährliche, abenteuerliche Reise bringt sie schließlich ins Herzogtum Pfalz-Zweibrücken nach Hornbach, wo sich die Stelters in das fruchtbare Land verlieben.

Die menschlichen Schicksale sind es, die Bernd Kaufmann rund um das Gerüst historisch belegter Fakten einfühlsam in einen mitreißenden, zu Herzen gehenden Roman verwebt. Dabei war ihm wichtig, unter anderem die Stellung der Frau und ihren Stellenwert mit allen seinen Ungerechtigkeiten zu beleuchten.

Es gibt dazu verschiedene Schlüsselszenen. In einer geht es beispielsweise um eine uneheliche, mennonitische Mutter, die nur mit einem Kunstgriff aus ihrer „Meidung“, ihrem vollständigen Ausschluss aus der Gesellschaft und dem Dorfleben, gerettet werden kann. Wortmalerisch lässt Bernd Kaufmann seine Leserschaft Szenen und Landschaften gleichermaßen mit erleben in einer Sprache, die sehr bildhaft und zugleich der damaligen Zeit angeglichen ist.

Während der „Keschbacherhof“ im Roman ja tatsächlich existiert, ist der Nymphenbrunnerhof, den er zwischen Hornbach und Zweibrücken bei Rimschweiler ansiedelt, reine Fiktion. Der 69-Jährige beschreibt: „ Meine Intention war es, das Leben und Denken, den Glauben der Mennoniten, ihre Herausforderungen und ihre Leistung für diese Region, die sich bis heute auf das Leben der Menschen hier auswirkt, auf interessante und spannende Art und Weise einzufangen, bekannt zu machen und zu würdigen.“

Ein Stück Heimatkunde, das man gerne liest. Renate Guth vom Wörschweilerhof hat am meisten beeindruckt, wie gut es Bernd Kaufmann gelungen ist, das Leben, die Denkweise und die innere Haltung der Mennoniten zu erfassen und erlebbar zu machen. Zudem ist der Roman in mehrfacher Hinsicht hoch aktuell. Der gebürtige Ostberliner bestätigt: „Es ist eine Flüchtlingsgeschichte, so, wie sie tausendfach vorkommt: Die Ostbürger nach dem Zweiten Weltkrieg, die Syrer, die Afrikaner, die Afghanen, jetzt die Ukrainer. Sie verlassen ihre Heimat, vertrieben und in der Hoffnung auf ein besseres Leben und sind – unwillkommen. Auf Grund ihres Andersseins, ihrer Sprache, ihres Glaubens, ihrer Kultur.“ 

Außerdem endet der Roman mit dem Edikt von Herzog Christian IV., in dem er den Mennoniten den vollständigen Bürgerstatus verleiht. Hiermit schlägt der Historienroman, der Mitte September erschienen ist, zufällig eine Brücke zu der Ausstellung im Zweibrücker Stadtmuseum „daZWischen“, die mit Christian IV. dem bedeutendsten der Zweibrücker Herzöge gewidmet ist.

Das im Verlag Regionalkultur erschienene Werk hat 426 Seiten und kostet 18,90 Euro. ISBN 978-3-95505-368-0.