Prozess vor dem Landgericht Drogenexperiment löst Explosion aus

Zweibrücken/Contwig · Vor dem Landgericht Zweibrücken hat am Dienstag der Prozess gegen einen 29-Jährigen Contwiger und einen 24-jährigen Zweibrücker begonnen, die laut Anklage bei dem Versuch, Cannabis-Öl herzustellen, eine Detonation ausgelöst haben sollen.

 In der Etage über dem Schnellimbiss war den Drogenköchen ihr Gebräu um die Ohren geflogen.

In der Etage über dem Schnellimbiss war den Drogenköchen ihr Gebräu um die Ohren geflogen.

Foto: Rainer Ulm

Die beiden jungen Männer hatten es am frühen Nachmittag des 28. November 2019 mitten in Contwig – im eigentlichen Wortsinne – so richtig krachen lassen. Wenngleich auch unabsichtlich. Der 24-jährige Zweibrücker und der 29-jährige Contwiger hatten an jenem Donnerstag in der Wohnung des älteren eine Explosion ausgelöst. Die beiden jungen Männer hatten nach eigenen Angaben versucht, mit angeblich minderwertigem Cannabis, in der Drogenszene „Albaner-Gras“ genannt, und mehreren Dosen Feuerzeuggas, das aus reinem Butan besteht, sowie einer Plastikflasche auf einem heißen Cerankochfeld das Haschisch-Öl „Butane-Honey-Oil“ zu destillieren. Was wegen ihres offenbar äußerst dilettantischen Herangehens diesmal unweigerlich mal nicht nach hinten, sondern nach vorne losging – direkt auf die Contwiger Hauptstraße. Die Explosion war derart heftig, dass die beiden jungen Männer in der Wohnküche im ersten Stock über einem ortsbekannten Schnellimbiss regelrecht von den Füßen gerissen, die Wohnungstür durch die enorme Druckwelle aus den Angeln gehoben, Elektroherd und Kühlschrank um mehrere Zentimeter verschoben sowie Rollladenteile auf die Straße geschleudert wurden. Die Fenster gingen zu Bruch. Die Glassplitter flogen zig Meter weit bis auf die andere Seite der Hauptstraße. Die beiden verhinderten Drogenköche kamen zwar mit dem Leben davon, erlitten aber schwere Brandverletzungen im Gesicht und an den Unterarmen. In der Wohnung entstand ein hoher Sachschaden.

Seit Dienstag müssen sich der 24-jährige Türke und der 29-jährige gebürtige Zweibrücker vor der Ersten Strafkammer des Landgerichts Zweibrücken verantworten. Staatsanwalt Patrick Langendörfer wirft ihnen die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion und gemeinschaftlichen Drogenhandel beziehungsweise bewaffneten Drogenhandel vor, weil in der Wohnung des 29-Jährigen in einer Küchenschublade ein Nunchaku gefunden wurde. Ein Nunchaku ist eine in Deutschland verbotene Schlagwaffe, die auch „Würgeholz“ genannt wird. Zudem sollen die beiden jungen Männer laut Anklageschrift geplant haben, aus 300 Gramm Marihuana und 24 Dosen Butangas, die der 24-Jährige beschafft habe, „Butane-Honey-Oil“ herzustellen.

Der 29-Jährige übernahm am Dienstag zunächst die volle Verantwortung – zumindest, was die Explosion anbelangt: „Es ist meine Schuld, dass der Unfall passiert ist.“ Er habe sich vorher nicht richtig informiert, habe nur vom Hörensagen versucht, besagtes Cannabis-Öl zu produzieren: „Das war eine Dummheit.“ Was die Vorsitzende Richterin Susanne Thomas allerdings so nicht stehen lassen wollte. Sie hakte ein: „Nee, wegen einer Dummheit sitzt man nicht vor der Großen Strafkammer.“ Gleichwohl schilderte der 29-Jährige unbeirrt weiter seine Sicht der Dinge: Den bei ihm gefundenen Nunchaku habe er niemals als Waffe einsetzen wollen. Er sei nur ein „Dekorationsstück“ gewesen, das zunächst in seinem Wohnzimmer an der Wand und im Zuge einer Renovierung aus unerfindlichen Gründen in der Küchenschublade gelandet sei. Im Übrigen hätten er und sein Kumpel gar nicht, wie vom Staatsanwalt behauptet, mit Drogen handeln, sondern die hier in Rede stehende minderwertige Cannabis-Menge nur für den eigenen Konsum veredeln wollen.

Mit den bekannten katastrophalen Folgen. Ein Nachbar in der Wohnung über der des 29-Jährigen, der zum Explosions-Zeitpunkt nach getaner Arbeit gerade auf seinem Sofa gesessen und mit seiner Playstation gespielt haben will, berichtete als Zeuge: „Es hat alles gewackelt. Ich bin aufgesprungen und zur Tür raus – ohne Schuhe. Ich dachte, das Haus stürzt ein.“ Im Treppenaufgang will der 36-jährige Lagerhelfer ein Stockwerk tiefer die beiden 24- und 29-Jährigen getroffen haben – „verängstigt“ und mit angesengten Haaren. Der 24-Jährige sei panisch gewesen, regelrecht über ihn hinweggeklettert, habe mit einem großen Beutel in Hand geradezu fluchtartig das Weite gesucht.

Eine Rentnerin, die zum Zeitpunkt der Detonation mit ihrem Auto an dem Unglücks-Haus vorbeigefahren war, berichtete von einer Druckwelle, die sie im Innern ihres Wagens gespürt habe. „Ich war geschockt“, sagte die 64-jährige Niederauerbacherin. Sie sei dann sofort rechts ran gefahren und habe unter anderem einen Riss in der Windschutzscheibe ihres Autos festgestellt.

Wenige Minuten später rückten, wie mehrere Ersthelfer im Zeugenstand bestätigten, bereits die von ihnen alarmierten Feuerwehrleute, Polizisten und Notärzte an, denen sich ein Bild der Verwüstung bot – mitten in Contwig.

Die Verhandlung wird am kommenden Freitag, 19. Juni, um 9 Uhr fortgesetzt.

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