Kammerfrauen, Kutschen, Kulinaria

Die Zeitreise beginnt vor dem Mehrgenerationenhaus. "Schließen Sie Ihre Augen. Wir befinden uns jetzt im Jahr 1782", erklärt Kammerfrau Marie. Sie trägt die zeitlich passende Tracht einer Kurpfälzerin: rotes Wams, weiße Schürze und weiße Haube. In der Hand hält sie barockes Brot aus Mehl, Karotten und Nüssen

Die Zeitreise beginnt vor dem Mehrgenerationenhaus. "Schließen Sie Ihre Augen. Wir befinden uns jetzt im Jahr 1782", erklärt Kammerfrau Marie. Sie trägt die zeitlich passende Tracht einer Kurpfälzerin: rotes Wams, weiße Schürze und weiße Haube. In der Hand hält sie barockes Brot aus Mehl, Karotten und Nüssen. Das verteilt sie nun an die 16 Teilnehmer der heutigen kulinarischen Stadtführung durch Zweibrücken, die um sie herum stehen. Sie alle wollen für zweieinhalb Stunden abtauchen in die Geschichte der Rosenstadt, dazu ein traditionelles Drei-Gänge-Menü kosten. Der Sektempfang bildet den Auftakt. Mundartkünstler Michael Wack, als Bänkelsänger verkleidet, stimmt das "Lied von der Kartoffelsupp" an. Danach geht's zum Stadtrundgang. Kammerfrau Marie schildert dabei die Geschichte wie eine Bedienstete, die im 18. Jahrhundert lebt. Sie lässt auch Anekdoten über sich einfließen. Marie heißt im bürgerlichen Leben Birgit Peter, ist 67, geboren in Contwig und wohnt seit vierzig Jahren in Zweibrücken. Seit 1998 führt sie durch Zweibrücken, seit 2004 schlüpft sie in die Rolle der Kammerfrau. Darin geht sie sichtlich auf. "Hier zwischen Horn- und Bleichbach war früher eine Wasserburg, um die Salzfuhrwerke zu beköstigen. Zu dem Bauwerk gab es zwei Zugangsbrücken - so kam es zum Namen Zweibrücken", erläutert Marie auf dem Schlossvorplatz. Einige Meter weiter auf der Schlosstreppe zeigt sie auf das Wappen und erklärt, wie 1410 Zweibrücken unter den Wittelsbachern zum Herzogtum wurde. "Das Schloss entstand dort, wo die Wasserburg stand", berichtet sie. "Wenn ich hier im Schloss arbeite, bin ich immer froh, wenn der Herzog Christian IV. uns frisch geschossenes Wild auftischt. Sonst müssen wir Suppe und Brot essen", versetzt sie die Besucher in die Vergangenheit. An der Alexanderskirche, der ältesten der Stadt, berichtet die Kammerfrau von Plünderungen im 30-jährigen Krieg, Schäden an der Krypta. Weiter sei die Karlskirche zu Ehren des Schwedenkönigs Karl XII. von den Stadtbewohnern erbaut worden, weil die Schweden zuvor deren Keller trockenlegten und so schlimme Krankheiten verhinderten, beschreibt Marie. Nach so viel Stadtgeschichte winkt die erste kulinarische Station, das Mehrgenerationenhaus. Es gibt Flusskrebssuppe, "gehaltvoll und cremig", lobt Marie und setzt zur nächsten Anekdote an: "Die Tiere gibt es heute massenhaft in Zweibrücken, freilich nicht für uns Kammerfrauen." Im Anschluss an den ersten Gang wird's tierisch: Die Kutschfahrt steht an. Schnaubend setzen sich die Pfalzardenner-Pferde Cemus und Criesau in Bewegung in Richtung des menschenleeren Herzogplatzes. Dort erläutert Marie: "Heute sind hier Rathaus, Gerichte und das Museum angesiedelt. Der Komplex wurde im Zweiten Weltkrieg von Bomben verschont und ist genau die Kunst- und Verwaltungsmeile geworden, die Christian IV. damals hier für seine Hofschreiber, Gärtner und Maler errichten wollte." Weil es bereits dämmert und die Pferde im Dunkeln Probleme machen können, drückt Marie aufs Tempo. Die Kutsche steuert durch die Allee, vorbei an Joggern, unter den Plantanenwipfeln mit den Saatkrähen. Die letzte Station: das Rosengartenhotel, wo Hauptgang und Dessert warten. Der Tisch im "Bildersaal" ist gedeckt, die weißen Kerzen und die Weite des Tisches verströmen höfische Atmosphäre. Serviert werden Rindfleisch mit Gemüsekruste, Karotten und Speckpfannkuchen. "Zu meiner Zeit gab es noch keine Kartoffeln, dafür viele Mehlspeisen", erklärt die Kammerfrau. Anschließend kommt eine Rahm-Tarte auf den Tisch. Nun ist die Arbeit für Marie getan, die Zeitreise endet. Die Kammerfrau resümiert zufrieden: " Jetzt könnte ich gehen, ohne aufzufallen. So soll das sein." Die 16 Gäste sind längst ins Gespräch gekommen. "Hier beim Essen unterhält man sich über die Zweibrücker Geschichte und tauscht eigenen Erfahrungen aus. Das ist wieder ein Stück Zeitgeschichte", findet Jutta Knerr aus Kleinsteinhausen, die die Tour zum zweiten Mal mitgemacht hat. Die weiteste Anreise hatten Edith und Horst Groel aus Ramstein. "Am besten sei es, an Orte zu kommen, die im Alltag verborgen sind. Etwa die Alexanderskirche. Erfreut zeigen sich auch Evi und Willi Schwarz aus Winterbach. Willi Schwarz: "Ich habe viel gelernt. Das Kulturamt sollte solche Touren ausbauen."

Auf einen blickFünf Kammerfrauen wechseln sich bei den kulinarischen Touren ab. Als Restaurants werden im Wechsel angesteuert: Paragraph, Gleis 3, Storchennest, Rosengartenhotel, Campingplatz und das Mehrgenerationenhaus. Infos zu den kulinarischen und anderen Stadtführungen gibt es im Zweibrücker Kulturamt, Herzogstraße 1 unter Tel (0 63 32) 8 71-451 oder 8 71-471. ek