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Pfarrer feiert Gottesdienst per Video: „Ich wollte die Menschen dort abholen, wo sie sind“

Pfarrer feiert Gottesdienst per Video : „Ich wollte die Menschen dort abholen, wo sie sind“

(nlg) „Seien Sie ganz herzlich gegrüßt, zum heutigen Gottesdienst“, erklärte Pfarrer Milan Unbehend am Sonntag freundlich. Allerdings nicht wie sonst aus einer der Kirchen in seinem Zuständigkeitsbereich sondern aus seinem eigenen Wohnzimmer.

Per YouTube-Video unter dem Motto „Hör mal, wer da predigt“, wendet sich der Pfarrer nun seit einer Woche an seine Gemeinde. „Corona hat alles anders gemacht und so haben wir die seltsame Situation, dass ich den Gottesdienst an einem ungewöhnlichen und dennoch gewöhnlichen Ort mache, nämlich im Wohnzimmer“, erklärt er in seinem ersten Gottesdienst-Video. Das Gewöhnliche im Ungewöhnlichen war demnach ein Thema, das er darin auffasste. Ansonsten ist der Gottesdienst trotz Wohnzimmer ein richtiger Gottesdienst, mit Wochenspruch, Gebet, Gesang und wichtigen Themen. Und vor allen Dingen: auch oder gerade wegen der ungewöhnlichen Situation, den Pfarrer mit seiner Gitarre im eigenen Wohnzimmer zu sehen, der sich auch mal verspricht oder dem ein Blatt aus dem Gesangsbuch segelt, wirkt das besonders authentisch und sympathisch. Beim Gottesdienst an diesem Sonntag wurde er von Pfarrerskollege Sven Lotter aus dem Kreis Kusel unterstützt – natürlich mit Sicherheitsabstand.

Die Idee für die YouTube-Videos wurde aus der Not heraus geboren, wie Milan Unbehend erklärte. Das Equipment dafür war vorhanden und auch der protestantische Aspekt, dass der Gottesdienst als Dienst am Menschen und an Gott gesehen wird und demnach an keinen Ort zwanghaft gebunden ist, also auch nicht unbedingt an die Räumlichkeiten einer Kirche, kamen dem Vorhaben entgegen. Dennoch hätte sich der Pfarrer natürlich auch für die Kirche oder einen der dazugehörigen Räume entscheiden können, doch genau das wollte er nicht. „Ich wollte die Menschen dort abholen, wo sie sind.“ Denn schließlich gehe es um Gemeinschaft, um Kontakt auf Augenhöhe, um ein liebevolles Füreinander da sein, um ein Anpassen an die Lebenssituation der Menschen. „Wenn ich die Seele der Menschen öffnen will, muss ich dafür etwas von mir preisgeben“, erklärt Milan Unbehend. Auch wenn das bedeute, dass alle Zuschauer in sein eigenes Wohnzimmer blicken können. So, ist der Pfarrer überzeugt, entstehe freier Dialog und so zeige sich auch, dass jeder Mensch Fehler macht, wenn während des Drehs beispielsweise irgendetwas schief geht.

Ungewöhnliche Zeiten erfordern eben manchmal auch ungewöhnliche Wege. „Wir müssen als Kirche sowieso auch neue Wege gehen“, ist er überzeugt. Und diese Ausnahmesituation müsse bei aller Schwierigkeit auch als Chance gesehen werden, Neues auszuprobieren. „Für uns ist es eine Abenteuerreise“, gibt Milan Unbehend zu. Und dennoch, die ersten Schritte dieser Reise sind getan und bereits beim zweiten Gottesdienst sahen sich bis zum Mittag über 470 Menschen den Gottesdienst aus des Pfarrers Wohnzimmer in ihren eigenen Wohnräumen an.

Auch in den nächsten Wochen soll es mit dem Gottesdienst per Videobotschaft weitergehen. Eventuell wird es auch mal Outtakes geben, schließlich darf bei aller Vorsicht und Sorge auch mal gelacht werden. Und auch für Feedback ist Milan Unbehend dankbar. Schließlich steckt darin die Chance, gezielt auf das einzugehen, was die Menschen in seiner Gemeinde derzeit berührt.

Im Internet sind mittlerweile auch andere Gottesdienste aus der Region zu sehen. So hat ganz aktuell der katholische Zweibrücker Pfarrer Wolfgang Emanuel in der Heilig-Kreuz-Kirche einen Gottesdienst gefeiert, den man sich jederzeit über das Videoportal Youtube anschauen kann.