Aus der Regierung ins Asyl

Seit drei Wochen lebt in Contwig ein Direktor des somalischen Erziehungsministeriums. Wegen seiner Arbeit für Schulbildung und die Stabilisierung des Landes habe die islamistische Al-Shabaab-Miliz fünf seiner Familienmitglieder getötet, erzählt Mohamed Heeraab. Der Minister habe nicht für seine Sicherheit sorgen können – und ihm deshalb das Geld für die Flucht gezahlt.

Auf dem Papier ist Mohamed Heeraab nur einer von 83 179. Einer von 83 179 Flüchtlingen, die in den ersten drei Monaten dieses Jahres Asyl in Deutschland beantragt haben. Doch während die allermeisten als Asylgrund Verfolgung durch staatliche Stellen nennen, hat Heeraab ein genau umgekehrtes Schicksal. Der 31-Jährige war selbst Regierungsmitarbeiter - und wurde verfolgt, weil er die Bildung fördern und so langfristig dazu beitragen wollte, das von Terrorismus, Piraterie und Bürgerkrieg erschütterte Land zu stabilisieren.

Heeraab, der seit drei Wochen in Contwig lebt, erzählt eine erschütternde Flucht-Geschichte. Die radikalislamistische Terrormiliz Al-Shabaab habe ihn mehrfach aufgefordert, seine Regierungsarbeit aufzugeben - sonst würden er und seine Familie getötet. Heeraab ließ sich nicht einschüchtern, trotz einer "letzten Drohung" am 27. Mai vergangenen Jahres. "Am 26. Juni wurde das Haus meiner Familie 70 Kilometer südlich von Mogadischu attackiert. Fünf wurden getötet: zwei Brüder, eine Schwester, meine Mutter und meine Frau." Der Rest seiner Familie konnte fliehen, nach Informationen von Nachbarn vermutlich nach Kenia.

"Der Minister konnte nichts für mich tun, außer mir Geld für die Flucht zu geben." Denn die Regierung in Somalia sei sehr schwach, könne nicht einmal für die Sicherheit ihres Personals garantieren. Mehr Schutz gebe die Zugehörigkeit zu einem der großen Clans - "aber ich gehöre dem Minderheitenclan der Ashraf an, der seine Mitglieder nicht schützen kann, das ist für die Al-Shabaab-Miliz ein soft target" (weiches Ziel).

Zuletzt arbeitete Heeraab als Verwaltungs- und Finanz-Direktor im Erziehungsministerium, zuvor betreute er im Ministerium für menschliche Entwicklung als technischer Assistent das "Geh-zur-Schule-Projekt" mit. Heeraab: "Das mag die Al-Shabaab-Miliz nicht. Sie wollen keine Stabilisierung des Landes." Möglicherweise sei die Terrorgruppe auf ihn aufmerksam geworden, nachdem das Erziehungsministerium Anfang 2014 eine (bis heute im Internet aufrufbare) Pressemitteilung veröffentlichte, in dem sein Name in Zusammenhang mit dem Schul-Projekt genannt wurde.

Im Januar konnte er Somalia dann mithilfe des ministeriellen Flucht-Gelds verlassen, erzählt Heeraab weiter. Über Äthiopien, Libyen und einer 36-stündigen Mittelmeer-Überfahrt gelangte er nach Europa - in welchem Land das Flüchtlingsboot ankam, weiß er nicht: "Unsere Helfer wollten nicht, dass wir das erfahren." (Aus asylrechtlichen Gründen, ist zu vermuten.) Mit einem Bus sei er dann nach Deutschland gebracht worden, wo er ins rheinland-pfälzische Aufnahmelager nach Trier kam, bevor ihm die Wohnung in Contwig vermittelt wurde. Dort lebt Heeraab in drei Zimmern mit acht weiteren Flüchtlingen aus dem Kosovo, Albanien und Somalia.

Täglich läuft der 31-Jährige nun von Contwig nach Zweibrücken, um bei der Stadtmission einen Deutsch-Kurs zu besuchen, durch die Stadt zu bummeln und im Mehrgenerationenhaus das Internet zu nutzen. Gerne würde er auch arbeiten, um nicht auf die 327 Euro angewiesen zu sein, die er monatlich zum Lebensunterhalt bekomme - doch arbeiten dürfe er laut Auskunft der Ausländerbehörde nicht (siehe Hintergrund).

Das Zweibrücker Land gefällt Heeraab: "Ich mag die freundliche Landschaft und das ruhige Leben hier." In Contwig habe er noch keine Einheimischen kennengelernt, aber "die Zweibrücker sind sehr nette und offene Leute". Er bemühe sich um Kontakte, um sich zu integrieren und nicht einsam zu fühlen.

Zum Thema:

StichwortSomalia gilt als Musterbeispiel eines "failed state", eines gescheiterten Staats. Deutschland stuft die Sicherheitslage des Landes am Horn von Afrika als so gefährlich ein, dass es dort keine Botschaft hat. Die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes ist drastisch: Der Aufenthalt sei "sehr gefährlich", vor touristischen Reisen werde "dringend gewarnt", beruflich unvermeidliche Aufenthalte sollten "nur nach Maßgabe eines sorgfältig ausgearbeiteten und international abgestimmten Sicherheitskonzepts erfolgen". Im Falle einer Notlage "fehlen weitgehend funktionierende staatliche Stellen, die Hilfe leisten könnten". lf

Zum Thema:

HintergrundAsylbewerber dürfen in Deutschland erst nach drei Monaten arbeiten. Allerdings nur mit Genehmigung der Ausländerbehörde, die prüft, ob die Arbeit seriös ist und ob nicht ein Einheimischer die Stelle will. Erst ab dem 15. Monat entfällt diese Vorrangprüfung. Wie sind die Chancen für Flüchtlinge , unter diesen Bedingungen Arbeit zu finden? Tim Arnold, für Zweibrücken zuständiger Flüchtlingsberater des Diakonischen Werks: "Mathelehrer haben es natürlich schwer. Aber für einfache Tätigkeiten sind die Chancen durchaus gegeben. Allerdings gibt es Berührungsängste bei Arbeitgebern wegen der Sprache. Deshalb sind Sprachkurse so wichtig, wie sie in Zweibrücken von der Stadtmission und ergänzend dem Integrationsbeirat angeboten werden." Auch das Diakonische Werk plane Sprachkurse in Zweibrücken. "Wir fahren auch nach Käshofen für Sprachunterricht, weil es da Flüchtlinge gibt, die kein Geld für den Bus nach Zweibrücken haben." lf