1. Pfälzischer Merkur

Zellertalbahn zwischen Rheinhessen und der Pfalz vor Reaktivierung

vergessene Bahnlinie : Zellertalbahn soll Dornröschenschlaf beenden

Kletterpflanzen ranken sich die Stahlwand eines Eisenbahnwaggons hoch. Wie im Dornröschenschlaf steht er auf einem Gleis des Bahnhofs Marnheim (Donnersbergkreis). Brombeeren und Mauerpfeffer überwuchern die Schienen.

Seit drei Jahren verkehrt hier kein Zug mehr. Über dem Ort liegt der morbide Charme der Vergangenheit. Aber die Verkehrswende könnte die Zellertalbahn in der Region zwischen Pfalz und Rheinhessen zu neuem Leben erwecken. Die beteiligten Kreise und das Verkehrsministerium sind dafür, Bedenken kommen vom Landesrechnungshof.

„Eine solche Bahnlinie darf man einfach nicht links liegen lassen“, sagt der Landrat des Donnersbergkreises, Rainer Guth (parteilos). „Mit ihr lässt sich die Fahrtzeit von Kaiserslautern nach Worms um 20 Minuten verkürzen – zwei Oberzentren, die momentan schlecht miteinander verbunden sind.“ Auch der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr Rheinland-Pfalz Süd (SPNV) sieht in der Zellertalbahn die Chance, Kaiserslautern und die Westpfalz besser an Worms und Mainz sowie darüber hinaus auch an Darmstadt und Frankfurt anzubinden. Dem Güterverkehr könnte die Verbindung ebenfalls neue Möglichkeiten eröffnen. Von einem Lückenschluss im Schienennetz der Region würden nach Angaben des Landrats rund 500 000 Menschen profitieren.

Ähnliche Überlegungen zur Verkehrsinfrastruktur gaben im 19. Jahrhundert den Ausschlag zum Bau der 1872 in Betrieb genommenen Strecke. Die 28 Kilometer lange Zellertalbahn zwischen Langmeil im Donnersbergkreis und Monsheim im Landkreis Alzey-Worms ist weitgehend eingleisig und nicht elektrifiziert. Von den Endpunkten führen weitere Streckenabschnitte nach Worms und Kaiserslautern. Wie das Zellertal selbst verbindet so auch die Bahn Rheinhessen mit der Pfalz. Als die Verkehrspolitik ganz auf das Auto ausgerichtet war, wurde der Personenverkehr der Zellertalbahn 1983, der Güterverkehr 1998 eingestellt. Zwischen 2001 und 2017 wurde die Strecke noch für den touristischen Ausflugsverkehr an Sonn- und Feiertagen betrieben.

Die Landesregierung hat sich im Koalitionsvertrag vorgenommen, eine Reaktivierung der Zellertalbahn und anderer „NE-Bahnen“, also nicht bundeseigener Eisenbahnen, zu unterstützen - sofern die Kommunen bereit sind, sich finanziell zu engagieren. Einen Förderantrag des Landkreises über 6,7 Millionen Euro bei Gesamtkosten von 8,5 Millionen hat sich der Rechnungshof Rheinland-Pfalz näher angeschaut. Im Jahresbericht 2020 wird moniert: „Das Vorhaben birgt wirtschaftliche Risiken, die die dauernde Leistungsfähigkeit des hoch verschuldeten Donnersbergkreises weiter gefährden.“

Danach sei es aber gelungen, viele Bedenken zu entkräften, sagt eine Sprecherin des Verkehrsministeriums in Mainz. Für das eingeleitete Verfahren nach dem Landesfinanzausgleichsgesetz (LFAG) seien noch einige kleinere Fragen zu klären. „Wir hoffen, dass wir das Verfahren so abschließen, dass noch in diesem Jahr der Förderbescheid rausgeht.“

Auch der Landtag ist an dem Thema dran. Den SPD-Politikerinnen Kathrin Anklamm-Trapp und Jaqueline Rauschkolb antwortete Verkehrsminister Volker Wissing (FDP): „Die vom Landesrechnungshof vorgebrachten verkehrlichen Punkte werden als abgearbeitet angesehen.“ Und die Landtagsabgeordnete Simone Huth-Haage (CDU) erhielt die Antwort: „Aus Sicht der Landesregierung stellt der Schienengüterverkehr eine ganz wesentliche Komponente in der Konzeption zur Wiederinbetriebnahme der Zellertalbahn dar.“ Die in Worms geborene und den Donnersbergkreis vertretende Abgeordnete erklärte zu den Antworten des Verkehrsministeriums: „Das sind positive Signale aus Mainz.“

Zunächst gehe es in dem Förderantrag um eine „Ertüchtigung“ der Strecke, noch nicht um eine volle Reaktivierung, erklärt Landrat Guth. Dazu sind vielfältige bauliche Maßnahmen erforderlich. „Wir wollen die Zellertalbahn aber im Grunde wieder zu der Bedeutung entwickeln, für die sie gebaut wurde.“

Zwischen dem Bahnhof von Marnheim und der nächsten Zellertalbahn-Station Albisheim erinnern drei Bögen des Pfrimmtal-Viadukts an das einst dichte Schienennetz der Region. Die Eisenbahnbrücke verband die Donnersbergbahn mit Marnheim und der Zellertalbahn, bis sie 1945 von sich zurückziehenden Truppen der Wehrmacht gesprengt wurde.

„Wir dürfen nicht alles auf die Straße verlegen“, sagt Landrat Guth. „Diesen Fehler der Vergangenheit müssen wir überwinden.“

(dpa)