Telemedizin erspart Arztbesuche

In Bad Neuenahr-Ahrweiler steht die nach eigenen Angaben erste Seniorenresidenz Deutschlands mit einem sogenannten Telemedizin-Konzept. Experten sehen darin eine Möglichkeit, alten Menschen ein selbstständigeres Leben zu ermöglichen.

Wenn Ulrich Daermann zu Hause seinen Blutdruck und Blutzucker misst, sind die Werte des Diabetikers ein paar Sekunden später auf dem Computer seines Hausarztes angekommen. Der 76-Jährige lebt in einer Wohnung der Seniorenresidenz Villa Sibilla in Bad Neuenahr-Ahrweiler . Sie ist mit Technik für Telemedizin ausgestattet - und damit nach Angaben des Betreibers Aktiengesellschaft Bad Neuenahr Vorreiter bei den privaten Seniorenheimen in Deutschland.

Das Telemedizin-Konzept in Bad Neuenahr-Ahrweiler basiert auf zwei Komponenten: der Erfassung von Messdaten und einem Sicherheitssystem. So überträgt das System nicht nur Daermanns Blutdruck- und Blutzuckerwerte, sondern auch die Werte seines Schrittzählers sowie seiner Körperwaage an seinen Arzt und in eine Cloud (Wolke). Auf dieses Speichermedium kann der Senior mit seinem Laptop (tragbarer Computer) selbst zugreifen.

"Dann versuche ich mit Hilfe meines Arztes, eine Erklärung für meine Werte zu finden", sagt Daermanns. Überwacht fühle er sich dadurch allerdings nicht. Früher habe er alle Daten auf Papier eintragen müssen, die Technik sei deshalb ein Fortschritt für ihn. "Die Welt der Zukunft ist digital, wir haben sowieso alle einen Laptop", meint der 76-Jährige.

"Telemedizin ist ein großes Thema mit einer großen Perspektive", betont Susanne Mauersberg, Gesundheitsexpertin vom Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin. Studien mit telemedizinisch überwachten Patienten mit Herzschrittmachern hätten gezeigt, dass Anzeichen für einen Infarkt früher erkannt würden. Viele Senioren seien für die Technik aufgeschlossen - sofern die Geräte einfach zu bedienen seien. Wenn die Daten zeigten, dass alles in Ordnung sei, könne man sich auch mal einen Aufenthalt im überfüllten Wartezimmer beim Arzt sparen. "Aber nicht alles ist für alle gleich gut", gibt Mauersberg zu bedenken.

Sollte es Daermann gesundheitlich mal nicht mehr so gut gehen, kann der Datentransfer ausgebaut werden, erklärt Christoph Reinicke, Vorstand der Betreibergesellschaft der Seniorenresidenz. Wenn die Werte in einen gefährlichen Bereich kämen, könne etwa Alarm an der Rezeption oder beim Pflegedienst ausgelöst werden, so Reinicke.

Beim Verband der Deutschen Alten- und Behindertenhilfe ist Telemedizin im Heim noch kein großes Thema. Insofern ist auch nicht bekannt, wie viele der Mitgliedseinrichtungen damit bereits arbeiten. Grundsätzlich sei technologische Hilfe zwar sehr gefragt, sie müsse aber auch wirklich eine Pflegeerleichterung bringen, sagt Verbandssprecher Sebastian Rothe. Er kann sich den Einsatz von Bewegungssensoren mit Alarmsystem etwa bei Demenzkranken mit großem Bewegungsdrang vorstellen. Ro the: "Aber der Handlungskorridor ist sehr eng bei den Betreibern, weil sie unter einem hohen Kostendruck stehen."

In der Villa Sibilla in Bad Neuenahr-Ahrweiler zahlen die Bewohner die Kosten selbst. Rund 2500 Euro kosten laut Reinicke Tablet, Sensoren, Bewegungsmelder, Notrufschalter und zwei der bisher vier möglichen Messgeräte. "Im Alter geht Sicherheit vor Privatsphäre", glaubt er. "Die größte Angst eines älteren Menschen ist, dass er fällt und es keiner merkt."