Pflegedienst unterstützt Migranten

Die Zahl der Pflegebedürftigen in Rheinland-Pfalz steigt. Viele von ihnen haben ausländische Wurzeln. Kultursensible Pflege ist deshalb ein Dauerthema in der Branche. Experten sehen aber auch Risiken.

Fälle wie diesen erlebt Sertac Bilgin immer wieder: Ein Patient mit ausländischen Wurzeln, der seit Jahren in Deutschland lebt und gut Deutsch spricht, erkrankt im Alter an Alzheimer und fällt in seine Muttersprache zurück. "Ein Teil der Festplatte im Gehirn ist einfach gelöscht", erklärt der Leiter eines Pflegedienstes in Ludwigshafen . Mit seinem Unternehmen kümmert sich der 35-Jährige verstärkt um die Pflege von Migranten . Multikulturelle Pflege nennt Bilgin das. "Ob Arabisch, Türkisch oder Russisch - wir schicken Mitarbeiter, die die Sprache des Patienten sprechen." Schwerpunkt sind Muslime. "Da richten wir uns nach den Gebetszeiten", sagt Bilgin. Spätestens eine halbe Stunde vor dem Gebet müsse die Pflege abgeschlossen sein, damit der Patient sein Waschritual vor dem Gebet nicht noch einmal durchführen müsse. Auch andere religiöse Gegebenheiten müsse man dabei beachten. "An Feiertagen wird oft süß gegessen - da müssen Zuckerpatienten dementsprechend eingestellt werden." In Ludwigshafen seien 70 Prozent seiner Kunden Migranten , sagt Bilgin. Auf dem Land in den umliegenden Dörfern sei das Verhältnis eher umgekehrt.

Nach Angaben des Mainzer Gesundheitsministeriums sind rund 118 000 Menschen im Land pflegebedürftig. Schätzungen zufolge haben rund 10 000 davon einen Migrationshintergrund. Mit der wachsenden Zahl älterer Menschen dürfte auch die Zahl der Pflegebedürftigen mit und ohne ausländische Wurzeln in den nächsten Jahren weiter steigen. "Die Berücksichtigung der besonderen Bedürfnisse von zugewanderten Menschen in der Pflege ist eine wichtige Aufgabe im Gesundheitswesen", sagt Ministeriumssprecherin Stefanie Schneider.

Für die Pflegegesellschaft Rheinland-Pfalz ist kultursensible Pflege deshalb ein Dauerthema. "Wir müssen anerkennen, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse mitbringen, wie Pflege auszusehen hat", sagt Geschäftsführer Sebastian Rutten. Pflege sei sehr intimer Umgang miteinander und jeder reagiere anders auf Nähe in seiner Intimsphäre. "Nicht jede Frau aus einem anderen Kulturkreis lässt sich von einem Mann pflegen und umgekehrt." Darauf müsse man Rücksicht nehmen.

Häufig sei das Verständnis von Alter und Krankheit bei Migranten ein anderes, sagt der Soziologe Thomas Hermsen von der Katholischen Hochschule in Mainz. Eine Demenz etwa werde zunächst als normaler Prozess des Alterns wahrgenommen, weniger als Krankheit. Ein Pflegedienst, der sich besonders um diese Menschen kümmere, könne ein Alleinstellungsmerkmal erlangen. Hermsen warnt aber davor, eine solche Pflege für Migranten generell zu fordern. Es gebe genauso viele Migranten , die einen spezifischen Pflegedienst ablehnten. "Die sagen, wir haben uns hier integriert, wir brauchen das nicht."

Denn im Kern hätten Migranten bei der Pflege genau die gleichen Probleme wie Einheimische auch. "Die liegen in der Struktur des Gesundheitssystems: zu wenig Zeit für die Patienten , zu geringe Auseinandersetzung mit den persönlichen Biografien", sagt Hermsen. Für ein Projekt zur kultursensiblen Pflege arbeiten Hermsen und seine Kollegen von der Katholischen Hochschule mit Pflegeberatungsstellen zusammen, beobachten Beratungsgespräche, führen Interviews mit Beratern und Migranten . Dabei habe sich vor allem gezeigt, dass sich viele Migranten aus Scham nicht trauen, ihre Probleme anzusprechen.

Rücksichtnahme und Fingerspitzengefühl nennt Bilgin dann auch als wichtige Merkmale seiner Arbeit. Dem Pflegedienstleiter bereiten häufig vor allem die vielen Ärzte seiner muslimischen Patienten Kopfzerbrechen. "Neulich habe ich einen Patienten besucht, der hatte vier Hausärzte", erzählt Bilgin. Der Grund: In der Großfamilie will jeder helfen - Tochter, Sohn und Enkel gehen mit dem Mann jeweils zu einem anderen Arzt. "In der Folge haben wir dann Medikamenten-Pläne von vier verschiedenen Ärzten - da blickt keiner mehr durch." Seine Aufgabe sieht Bilgin deshalb auch darin, die Kommunikation zwischen den verschiedenen Angehörigen zu verbessern.