Kampf um Entschädigung

Seit zehn Jahren kämpft Dominique Marchal vor Gericht um Schadensersatz. Der Lothringer ist der erste französische Landwirt, dessen Blutkrebs als Berufskrankheit anerkannt wurde. Doch die Zeichen für eine Entschädigung stehen schlecht.



Jahrelang hat Dominique Marchal auf seinem landwirtschaftlichen Getreidebetrieb in Serres bei Nancy mit Pestiziden und Unkrautvernichtern gearbeitet. Seit 2002 leidet der 58-Jährige an Blutkrebs. Seitdem kämpft er sich durch alle Instanzen der französischen Justiz, um 3000 Euro Schadenersatz aus einem staatlichen Garantiefonds zu bekommen. Einen ersten Etappensieg verbuchte Marchal 2006. Als erster Landwirt Frankreichs wurde sein Krebs von der Sozialversicherung als Berufskrankheit anerkannt. Medizinische Gutachten hatten bestätigt, dass die in den Pestiziden enthaltene Chemikalie Benzen Grund für Marchals Erkrankung war. Doch der Hinweis auf Benzen fehlte auf der Verpackung der Pestizide. Auch waren darauf keine speziellen Schutzmaßnahmen für die Verwendung der Produkte aufgeführt. Indem der Staat diese Pestizide nicht sofort vom Markt verbannte, habe er seine Fürsorgepflicht fahrlässig verletzt, so die Anklage. Das sahen die Richter auch so. Der französische Staat wurde in erster Instanz und in Berufung dazu verurteilt, Marchal zu entschädigen.

Doch der Staat ging in Revision und die Cour de Cassation (französischer Bundesgerichtshof ) hob diese Urteile auf und verwies den Fall erneut an das Metzer Berufungsgericht.

Nun hat das Gericht aber den ursächlichen Zusammenhang zwischen der Verwendung der Pestizide und dem Blutkrebs von Dominique Marchal infrage gestellt. "Diese Entscheidung hat uns wirklich schockiert. Sie kam sehr überraschend", sagte die Anwältin Capucine Darcq, deren Kanzlei die Interessen Dominique Marchals vor Gericht vertritt. Indem das Gericht den Zusammenhang zwischen Krankheit und Produkten infrage gestellt habe, sei es der Frage ausgewichen, ob der Staat seine Vorsorgepflicht verletzt habe. Eine Chance hat Dominique Marchal noch das juristische Blatt zu wenden. Er kann in Revision gehen, wie damals der Staat. Doch ob er dazu bereit ist, weiß Anwältin Darcq noch nicht. "Unser Mandant ist sehr enttäuscht aber auch verärgert über die jüngste Entscheidung trotz aller ärztlichen Gutachten . Er muss noch darüber nachdenken, ob er dieses letzte Rechtsmittel einlegen will", so Darcq gegenüber unserer Zeitung. Aber auch wenn er das nicht macht, wird es vielleicht ein anderer tun. Denn die Entscheidung des Metzer Gerichts ist kein Grundsatzurteil.

Nach Dominique Marchal haben es mittlerweile auch weitere Landwirte geschafft, ihre durch die Verwendung von Pestiziden ausgelöste Erkrankung als Berufskrankheit anerkennen zu lassen. Denis Camuset, der im Osten Frankreichs an der Grenze zur Schweiz lebt, leidet zum Beispiel seit 2008 an Lymphdrüsenkrebs und sitzt im Rollstuhl. Die Ärzte haben ihm bescheinigt, dass seine Krankheit auf eine Vergiftung durch Pestizide zurückzuführen ist. Laut der öffentlichen Forschungs- und Entwicklungseinrichtung Inserm treten auch Erkrankungen des Nervensystems verstärkt bei Menschen auf, die Pestizide verwenden. "Ein erhöhtes Risiko zur Parkinsonkrankheit wurde bei den Personen beobachtet, die beruflich Pestiziden ausgesetzt sind. Ein Zusammenhang konnte insbesondere bei einem Kontakt mit Insekten- und Unkrautvernichtungsmitteln festgestellt werden", schrieb sie bereits in einem Bericht von Juni 2013.

Doch nicht nur Landwirte klagen über gesundheitliche Beschwerden. Auch Menschen, die neben besprühten Äckern wohnen, gehen immer mehr in die Offensive, weil sie davon ausgehen, dass ihre Beschwerden den Pestiziden geschuldet sind. Laut dem Verbraucherverein Générations futures (deutsch: Zukünftige Generationen) wollen immer mehr Anwohner von Medizinern prüfen lassen, ob ein Zusammenhang zwischen ihren Beschwerden und den in ihrer Umgebung genutzten Pestiziden besteht.