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Ist der Ruf des Tyrannen erst ruiniert . . .

Ist der Ruf des Tyrannen erst ruiniert . . .

Exponate aus 21 Ländern auf 2000 Quadratmetern. Die Trierer Ausstellung „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ ist ein Ereignis. Gleich drei Museen widmen sich dem mythen-umrankten Kaiser. Die Schau im Stadtmuseum Simeonstift zeigt, wie der Despot in der Kunst dargestellt wurde und wird.

Nero? Das ist doch jener pausbäckige Despot, der aussieht wie Peter Ustinov und singenderweise keinen Ton trifft, während sich ein Feuerstrom durch Rom frisst. Zumindest im Film "Quo vadis?" (1951) war das so; Nero galt lange als Inbegriff des Kaisers außer Kontrolle, des Sadisten, des Antichristen. Kein Wunder, ließ er doch seine eigene Mutter Agrippina ermorden und die Christen verfolgen.

Eine differenziertere Betrachtung - Nero war nicht der einzige Christenverfolger und Verwandtenmörder der römischen Elite - bietet die Trierer Sonderschau "Nero - Kaiser, Künstler und Tyrann" mit 774 Exponaten aus 21 Ländern in drei Museen: Das Rheinische Landesmuseum blickt auf das Leben Neros, das Museum am Dom widmet sich der Christenverfolgung; das Stadtmuseum Simeonstift nun zeigt, wie Nero in der Kunst dargestellt wurde und wird. "Lust und Verbrechen. Der Mythos Nero in der Kunst" ist die bunteste Schau des Trierer Trios und bietet sich als unterhaltsamer Abschluss eines Nero-Weges an, den man übrigens gut zu Fuß unternehmen kann.

Wundersam nostalgische Filmplakate hängen im ersten Raum, war Nero doch in über 60 Filmen ein Thema. Meist in italienischen Sandalenschinken und auch im ein oder anderen Softporno - passenderweise, Nero war wohl ein Mann der blühenden Libido in beide Richtungen. Auch in der Werbung hinterließ er Spuren, etwa auf Sammelbildchen aus dem 19. Jahrhundert: Der Kaiser schlürft Kakao, mit einem Tiger auf dem Schoß.

Wie überhaupt sah er aus? Die antike Überlieferung attestiert Nero einen feisten Nacken, dünne Beine und einen vorstehenden Bauch - daran haben sich die Künstler lange gehalten, wobei Tizians Gemälde von 1537 als bedeutendstes Porträt gilt: Es schreibt das Doppelkinn sozusagen fest. Die Feistigkeit betont Alfred Hrdlicka noch in einem Gemälde von 1995, das den Kaiser mit nacktem Wabbelbauch vor einem flammenden Inferno zeigt - genüssliche Nero-Klischees.

Freitod auf Befehl

Die Exponate bieten gleichzeitig Exkursionen in Neros Vita und in die Kunstgeschichte. Da spiegelt sich etwa der von Nero befohlene Selbstmord seines Lehrmeisters Seneca in zwei Gemälden wieder: Der österreichische Barockmaler Martin Hohenberg (um 1710) lässt Senecas Arzt dessen Venen mit einer etwas gezierten Geste öffnen; ungleich dramatischer ist die Gestaltung durch den Niederländer Gerrit van Honthorst (1623/27), mit viel Raumtiefe und enormen Hell-Dunkel-Kontrasten.

Den Brand Roms sieht man bei Hubert Robert (1785) als ferne, nächtliche Höllenglut vor den Säulen des dunklen Palasts - eine bedrückende Szenerie. Bei Alfons Mucha (1887) beleuchtet der ferne Brand eine wilde Orgie von Neros Entourage: Disco-Beleuchtung für die Spaßgesellschaft. Die Ausstellung bietet solche reizvollen Vergleiche zuhauf, auch im Fall von Neros zweiter Frau Poppea. Lange wurde überliefert, er habe die Hochschwangere durch einen Tritt in den Unterleib getötet - Historiker nehmen heute als Todesursache Schwangerschaftskomplikationen an. Ein Gemälde aus dem 16. Jahrhundert zeigt Poppea barbusig und mit jenem schönheitsunterstützenden Schleier, von dem der Historiker Tacitus geschrieben hat. Erwin Olaf, Jahrgang 1959, zeigt sie ganz anders: wie ein Model aus einem Modemagazin, mit gewölbtem Babybauch - doch zwischen ihren Beinen rinnt eine Blutspur nach unten. Glanz und Grusel.

Blut fließt auch in den Darstellungen von Neros Tod. Das Gemälde eines unbekannten italienischen Künstlers aus dem 17. Jahrhundert zeigt, wie sich der Kaiser mit dramatischer Geste einen Dolch in den Hals stößt.

Das Bild des Russen Wassilij Sergejewitsch Smirnow (1888) zeigt Neros Leiche auf dem Boden liegend. So gehen ein Leben und eine Regentschaft zu Ende, die zwar römisch-pragmatisch-grausam war, insgesamt aber besser als ihr diabolischer Ruf.

Das Bild des zündelnden Tyrannen hält sich dennoch bis heute, was der letzte Raum der Schau mit Nero-Karikaturen zeigt: Satirische Zeichner nutzen das brennende Rom und die Harfe, um Probleme ihrer Zeit darzustellen.

Da greift Sepp Blatter angesichts eines brennenden Fifa-Gebäudes in die Saiten, während Silvio Berlusconi vor dem brennenden Kolosseum ölig grinsend "Do the Bunga Bunga" spielt. Und Barack Obama greift vor der Kulisse der brennenden USA zur Violine.

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In vielen vor allem italienischen Filmen trieb Nero zündelnd sein Unwesen. Plakate sind im Stadtmuseum zu sehen. Foto: Kürten Foto: Kürten

Auf einen Blick Die drei Museen in Trier sind Dienstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr geöffnet, für Gruppen ab 9 Uhr. Neben den Einzelkarten gibt es ein Kombi-Ticket für drei Museen (18/16 Euro). Zur Ausstellung ist ein Begleitband erschienen (439 S., 39,95 Euro). red Infos: www.nero- ausstellung.de