Erst ausschlafen, dann beten

Beim Gottesdienst am Sonntagmorgen steht der Pfarrer oft vor ziemlich leeren Bänken. Kommen mehr Menschen, wenn zu anderen Zeiten gepredigt wird? Die Landeskirchen in Rheinland-Pfalz sind offen für neue Ideen.

Sonntags ausschlafen und erst am Nachmittag oder Abend in den Gottesdienst? Die evangelischen Landeskirchen in Rheinland-Pfalz sind offen für Experimente, um mehr Besucher anzusprechen, ergab eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur. Eine generelle Abkehr vom traditionellen Sonntagmorgengottesdienst steht für die Protestanten nicht zur Debatte.

Die westfälische Präses Annette Kurschus hatte eine Diskussion über die Verschiebung der Gottesdienste als Reaktion auf leere Kirchen am Sonntagmorgen angestoßen (wir berichteten). "Die Lebenswirklichkeit von Familien ist eine andere geworden", sagte das Oberhaupt der Evangelischen Kirche von Westfalen. In der katholischen Kirche sind bereits seit dem zweiten vatikanischen Konzil Vorabendmessen am Samstag etabliert. Die protestantischen Kirchenordnungen legen den Sonntag als Tag für die Hauptgottesdienste fest, lassen aber Freiraum bei der Uhrzeit. "Der Zehn-Uhr-Termin am Sonntagvormittag ist für uns schon lange nicht mehr heilig", sagte Sprecher Volker Rahn von der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Die Gesellschaft habe sich verändert, darauf müsse sich die Kirche einstellen. Zugleich wolle sie die traditionellen Kirchenbesucher nicht verlieren. Familiengottesdienste beginnen in den Gemeinden meist am späten Vormittag. "Auch der späte Nachmittag oder sogar der Abend als Ausklang des Wochenendes werden immer beliebter." Wichtig sei nur, dass der Hauptgottesdienst sonntags gefeiert wird. "An diesem Tag feiern wir die Auferstehung."

Auch die Evangelische Kirche der Pfalz gibt den Gemeinden große Freiheit bei den Gottesdienstzeiten und auch den Formen, sagte Sprecher Wolfgang Schumacher in Speyer. Ob am Sonntagmorgen um 9 oder 11 Uhr, an Nachmittag oder am Samstagabend - zu all diesen Zeiten gebe es Gottesdienste. "Wir begrüßen diese Vielfalt." Gottesdienste aber generell nach den Freizeitaktivitäten der Mitglieder auszurichten, lehnt Schumacher ab. "Wir sollten nicht auf Zeiten gehen, die sonst keiner will." Er verweist auf die Regelungen in Rheinland-Pfalz, wonach Sportveranstaltungen sonntags erst ab 11 Uhr beginnen sollen. Die pfälzische Landeskirche hat 580 000 Mitglieder.

Einzelne Versuche mit neuen Gottesdienstzeiten gibt es auch in der rheinischen Kirche, der zweitgrößten deutschen Landeskirche. Eine "flächendeckende Diskussion" gebe es aber nicht, sagte Sprecher Jens Peter Iven. Bei den Kindergottesdiensten tragen die rheinischen Gemeinden ebenfalls den Lebensgewohnheiten der Familien Rechnung. So böten einige einen "Kinderbibelmorgen" am Samstag statt des klassischen Kindergottesdienstes am Sonntag an.

In der hessisch-nassauischen Kirche mit 1,7 Millionen Mitgliedern sind laut Rahn auch Kinder- und Jugendgottesdienste am Freitagnachmittag an der Tagesordnung, da Familien die Wochenenden oft für Ausflüge nutzten. Das jüngste Experiment der Darmstädter sind "Sublan-Gottesdienste" im Web, an denen sich die Gläubigen interaktiv beteiligen können. "Bei Online-Feiern werden Ort und Zeit zweitrangig."