1. Pfälzischer Merkur

Seit 66 Jahren "Mainz bleibt Mainz"

Fernsehsitzung : Mainzer haben trotz Corona was zu lachen

Der Straßenkarneval ist abgesagt, die Saalfastnacht ins Internet verlegt. Nur die Fernsehsitzung „Mainz bleibt Mainz“ flimmert fast wie gewohnt über die Bildschirme: seit nun schon 66 Jahren.

Erst Krisensitzung in Berlin, dann in Mainz: Zur traditionellen Fernsehfastnacht am heutigen Freitag übernehmen drei Narren die Rollen der Bundeskanzlerin Angela Merkel, des SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und des Wirtschaftsministers Peter Altmaier. Das Fernsehpublikum im Ersten darf gespannt sein, zu welchen Antworten im Krisenmanagement die Büttenredner Florian Sitte, Johannes Bersch und Adi Guckelsberger gelangen.

„Mainz bleibt Mainz“, auch in Corona-Zeiten, von 20.15 Uhr bis 22.58 Uhr. Nur der Zusatz „wie es singt und lacht“ ist mit Blick auf die Not in der Pandemie gestrichen. Ebenso wie das Publikum im Saal. Diesmal wird kein Politiker gequält lächeln, wenn ein Witz auf seine Kosten gemacht wird. Geschunkelt wird nicht im Kurfürstlichen Schloss, sondern daheim vor den Bildschirmen.

„Mit „Mainz bleibt Mainz“ verbinden ganz viele Menschen besondere Emotionen“, sagt der zuständige SWR-Programmmacher Günther Dudek. „Dieser Kult war eine der Kraftquellen, dass wir im Dezember gesagt haben, wir müssen auch in Corona-Zeiten an den Start gehen.“ Zumal die Sendung mit sechs mal elf Jahren ein närrisches Jubiläum feiert: Die Tradition reicht bis 1955 zurück, seit 1973 wird die Sendung abwechselnd von SWR und ZDF produziert.

Zusammen mit den vier teilnehmenden Vereinen wurden Musikbeiträge auf Plätzen der Stadt aufgenommen – ohne Ankündigung an einem Sonntagmorgen, damit es nicht zu einem Menschenauflauf kommen sollte. Auch die Sendung selbst wird nicht wie gewohnt live übertragen, sondern wurde vorher aufgezeichnet.

An einer Art närrischem Steuerungspult drückt der Stadionsprecher des Bundesligavereins Mainz 05, Andreas Bockius, auf die Knöpfe zum Einspielen der Beiträge. Die Regie führt aber der Elferrat, das Sitzungskomitee mit dem gewichtigen Präsidenten Andreas Schmitt. Um genügend Abstand zu halten, hat er von den beteiligten Vereinen jeweils ein Komiteemitglied an der Seite – vom Mainzer Carneval-Verein (MCV), dem Mainzer Carneval Club (MCC), dem Gonsenheimer Carneval-Verein (GCV) und dem Karneval-Club Kastel (KCK). Die übrigen Plätze im Elferrat werden von Puppen besetzt.

Die Büttenredner hatten diesmal keine Chance, ihre Beiträge vor Publikum zu erproben, sie je nach Reaktion noch zu ändern. Das ist vor allem für die Vertreter der Sparte „Kokolores“ schwierig. Für den sinnbefreit albernen Unsinn zuständig sind diesmal das Duo Uwe Ferger und Dieter Scheffler als „Kall un Kall“

Der Schwerpunkt liegt aber traditionell auf der politisch-literarischen Fastnacht. In Ergänzung zur „Krisensitzung im Kanzleramt“ will Johannes Bersch in seiner Rolle als „Moguntia“ – angelehnt an den römischen Namen von Mainz – vom Rhein auf das aktuelle Geschehen blicken. Auch er bedauert die Abwesenheit von Publikum: „Normal hockt hier die Haute-Volee, heit leit se uff’m Canapee!“

Als Mann vom „Protokoll“ blickt Erhard Grom auf die Politik in In- und Ausland wie auf den Mainzer Impfstoff-Hersteller Biontech. Und Kabarettist Lars Reichow bringt wieder seine „Fastnachtsthemen im Elften“ unter, zu denen auch die Gegner der Corona-Maßnahmen gehören.

„Wir sind sehr froh, dass der SWR auch unter Corona-Bedingungen an „Mainz bleibt Mainz“ festhält“, sagt Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD). Die Sendung sei für die Stadt ein wertvolles Aushängeschild. „Es ist nicht nur eine Sendung aus Mainz, sondern auch eine Sendung über Mainz.“

(dpa)