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WM-Kolumne: Zwiespältige Helden und schwarze Löcher

WM-Kolumne : Zwiespältige Helden und schwarze Löcher

Obwohl mit 48 Jahren noch nicht in demenzverdächtigem Alter, sind meine Erinnerungen an Deutschland bei Fußball-Weltmeisterschaften lückenhaft. Zu 1986 etwa fällt mir zwar spontan Argentiniens Sieg gegen England mit Maradonas „Tor des Jahrhunderts“ und dann auch noch „Hand Gottes“ ein – nicht aber mehr, dass Deutschland im Finale stand und Argentinien nur knapp unterlag.

Ohne Wikipedia wäre mir auch weder zu 1994 viel eingefallen (was angesichts der Viertelfinalblamage gegen Bulgarien wohl auch besser so ist ...) noch zu 2010 (ein schwarzes Loch), und auch von 2002 ist mir außer Titan Kahns finalem Patzer gegen Brasilien nichts mehr gegenwärtig. Ganz anders ist das natürlich bei den WM-Titeln 1990 und 2014 – und das Sommermärchen 2006 war so traumhaft, dass ich in einigen Jahren sicher glauben werde, dass wir da auch Weltmeister geworden sind.

An fast jedes Deutschland-Spiel und jeden deutschen Spieler erinnere ich mich dagegen ausgerechnet bei der ersten WM, die ich bewusst erlebt habe: 1982. Da wäre es von unserer aktuellen Elf gar nicht nötig gewesen, dass sie mir mit der ersten Niederlage zum Vorrunden-Auftakt seit 1982 jenes Turnier wieder in Erinnerung rufen!

Dass 1982 die Helden meiner Kindheit wie Schumacher, Kaltz, Hrubesch, Littbarski, Karlheinz Förster, Briegel, Breitner oder Rummenigge 1:2 gegen den krassen Außenseiter Algerien verloren, war schon eine unvergessliche Enttäuschung. Die Enttäuschung wich dann Entsetzen, als ich im Kurzwellen-Autoradio im Südfrankreich-Urlaub fassungslos den Nichtangriffspakt gegen Österreich, die „Schande von Gijón“ erleben musste. Wiedergutmachung gab’s dann in der (genauer gesagt nach der ...) „Nacht von Sevilla“, als im packendsten Spiel meiner WM-Geschichte Deutschland im Elfmeterschießen Frankreich niederrang (mit brutaler, aber effektiver Hilfe meines seitdem auch zwiespältigen Helden Schumacher gegen Battiston). Wobei dieses Halbfinale nicht nur das Spiel meines Lebens, sondern auch eine Lektion fürs Leben war: Seitdem muss ich solche Spiele nämlich nicht mehr am nächsten Morgen in der Wiederholung sehen, weil ich in der Nacht resigniert ins Bett gegangen bin, wenn mein Team in der Verlängerung mit zwei Toren zurückliegt.