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Zweibrückerin Amelie Berger bereitet sich auf Handball-EM in Dänemark vor

Handball-EM in Dänemark : Die Ungewissheit spielt bei der EM mit

Amelie Berger befindet sich mit der deutschen Nationalmannschaft gerade in den letzten Zügen der Vorbereitung auf die Handball-Europameisterschaft in Dänemark. Neben den ohnehin vielen Unsicherheiten hat die Corona-Krise auch die Pläne der DHB-Auswahl ordentlich durcheinandergewirbelt. Davon lässt sich die Zweibrückerin aber nicht aus der Ruhe bringen.

Ein deutliches Indiz für die ungewöhnliche EM-Vorbereitung ist bei Amelie Berger schon allein das Packen ihrer Reisetasche gewesen. „Als ich so davor stand, wusste ich nicht, muss das jetzt für eine oder für knapp vier Wochen reichen. Das ist schon verrückt“, erzählt die Zweibrückerin, die Anfang dieser Woche mit der deutschen Nationalmannschaft in die Vorbereitung auf die Handball-Europameisterschaft (3. bis 12. Dezember) gestartet ist. Auf ein Turnier, von dem zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht klar war, ob es überhaupt würde stattfinden können. Die Regierung des Gastgeberlandes Dänemark erteilte erst im Laufe des Montags, zehn Tage vor dem geplanten Auftaktspiel, die Freigabe für die alleinige Ausrichtung des Turniers, das nach dem Absprung von Mitausrichter Norwegen auf der Kippe gestanden hatte (wir berichteten). „Es macht schon einiges mit einem, wenn man auch so kurz davor nicht weiß, ob die EM nun stattfindet oder nicht“, gibt Berger, die seit dem vergangenen Jahr für den Bundesligisten SG BBM Bietigheim aufläuft, Einblicke in ihr Gemütsleben.

Während der Amateursport in Deutschland größtenteils lahm liegt, hat die langjährige Spielerin des SV 64 Zweibrücken ein straffes Handball-Programm zu absolvieren – in der Bundesliga, Champions League und nun der Nationalmannschaft. Manch einem komme das paradox vor. „Ich glaube schon auch, dass das gerade im Kontaktsport natürlich gefährlich sein kann. Wir Profimannschaften haben das Glück, dass wir vor jedem Spiel getestet werden und dadurch einfach eine gewisse Sicherheit haben“, erklärt die Rechtsaußen.

Die Gesamtsituation sei in diesem Jahr aber schon ungewöhnlich. Auch im Liga-Alltag. „Wir hatten mit Bietigheim eigentlich relativ großes Glück, dass fast alle Spiele ausgetragen wurden, bis jetzt auf die letzten beiden“, sagt die 21-Jährige. Nach einem positiven Corona-Fall im Team des letzten Champions-League-Gegners FTC-Rail Cargo Hungaria aus Budapest wurde die Bundesliga-Begegnung gegen Bayer Leverkusen sowie das Spiel der Champions League gegen Bukarest in der vergangenen Woche abgesagt. Doch auch in diesem Moment sei ihr eigentlich nicht mulmig geworden. „Ich denke, die Situation ist auch so, wenn du einkaufen gehst. Auch da besteht das Risiko. Ich glaube, das ist zurzeit einfach immer gegeben“, betont die 21-Jährige.

Insgesamt wäre Amelie Berger „natürlich“ lieber mit einem gestärkteren Rücken in die EM-Phase gestartet. Denn vor der vorsorglichen Zwangspause liefen die Ergebnisse nicht wie erhofft. „Wir hatten einen großen Umbruch in der Mannschaft.“ Mit Markus Gaugisch kam ein neuer Trainer nach Bietigheim, dazu sieben, acht neue Spielerinnen. „Die ganze Philosophie ist neu, da braucht es immer ein bisschen Zeit. Vielleicht kann uns jetzt die längere Pause durch die EM helfen, da wir in der Nationalmannschaft auch einige Spielerinnen aus Bietigheim (sechs, Anm. d. Red.) dabei habe. Wir haben das Glück, dass wir so zusammenspielen und die Möglichkeit haben, uns noch besser kennenzulernen“, hofft Berger dann in der zweiten Saisonhälfte nochmal angreifen können. Derzeit liegt ihr Team zwar an der Ligaspitze, ist aber bei neun Spielen bereits mit drei Minuspunkten behaftet. Titelverteidiger Dortmund steht nach sieben Partien noch ohne Verlustpunkt da. In der Champions League liegt die SG in ihrer Vorrunden-Gruppe mit erst einem Sieg am Tabellenende. „Ansonsten ist bisher aber alles reibungslos verlaufen, ohne Corona-Fälle im Team. Ich denke, das wäre auf jeden Fall nochmal ein Knackpunkt gewesen. Aber grundsätzlich musstest du dich vor dieser Saison ja einfach auf alles einstellen.“

Nachdem die Bietigheimer Spielerinnen in der Vorwoche nochmal negativ getestet worden sind, ging es raus aus der freiwilligen Quarantäne und rein in die EM-Vorbereitung. „Jetzt ist es unser Ziel, alles Mögliche, was Corona betrifft, auszublenden“, erklärt Berger. „Die wichtigsten Dinge bekommen wir von unserer Managerin an die Hand gegeben. Einfach, welche Regeln wir auch in Dänemark haben werden – und dann heißt es nur noch: Auf den Sport konzentrieren.“

Was zu Beginn der Vorbereitungswoche allerdings gar nicht so einfach war. Denn die DHB-Auswahl startete ohne den an Corona erkrankten Bundestrainer Henk Groener. Und auch einige Spielerinnen waren nicht gleich mit dabei, weil sie am Wochenende noch international im Einsatz waren. Nach einem weiteren negativen Corona-Test stießen die Torhüterinnen Dinah Eckerle und Ann-Cathrin Giegerich sowie Rückraum-Ass Emily Bölk und Kreisläuferin Julia Behnke erst in der zweiten Wochenhälfte zum Team. Groener hingegen muss nach einem weiteren positiven Test in Quarantäne bleibe. Wann er zum Team stößt, ist offen. „Ich denke, mit dieser Situation müssen wir umgehen, zumal es gerade allen Nationen so geht. Ich glaube, bei niemandem wird das reibungslos verlaufen sein“, schätzt Berger die Umstände für alle Teilnehmerländer ähnlich bescheiden ein.

Doch ab dem Zeitpunkt, an dem die Nationalspielerinnen zusammengekommen sind, jetzt, wo auch klar ist, dass die EM tatsächlich stattfinden wird, spüre die Linkshänderin allmählich auch ein Turniergefühl und die Vorfreude wachsen. „Wenn wir mit dem Team zusammen sind, herrscht immer eine gute Stimmung. Von Tag eins an fühlt man sich dort einfach wohl“, erklärt Berger, dass auch alle die Situation so annehmen, wie sie gerade nun einmal ist.

Ungewöhnlich scheint allerdings auch die späte Anreise. Erst am nächsten Dienstag – zwei Tage vor dem Auftaktspiel gegen Rumänien – bezieht die DHB-Auswahl ihr Quartier im Vorrundenspielort Kolding. „Wir wissen nicht, wie die Trainingsmöglichkeiten in Dänemark sind. Deshalb haben wir uns dazu entschieden, möglichst lange in Deutschland zu bleiben“, erklärte Axel Kromer, Sportvorstand des Deutschen Handballbundes. Normalerweise wäre das Groener-Team bereits am vergangenen Mittwoch zu einem Vorbereitungsturnier nach Norwegen geflogen. „Das fällt flach. Dort hätten wir noch drei Testspiele gehabt“, erzählt die Zweibrückerin. Einen letzten Härtetest wird es nun vor dem EM-Start nicht mehr geben. So haben die deutschen Handballerinnen in diesem Jahr überhaupt erst zwei Länderspiele bestritten. „Das ist schon wenig. Aber wie gesagt, das geht allen Nationen so“, bewahrt Amelie Berger, bei aller Ungewissheit, wo die Mannschaft steht, ihren Optimismus.

In der Vorrunde trifft die deutsche Mannschaft in Dänemark auf Rumänien (3. Dezember), Norwegen (5. Dezember) und Polen (7. Dezember). Berger hoffe natürlich, als eines der drei besten Teams die Vorrunde überstehen zu können. Rekord-Europameister Norwegen, „als eigentlicher Gastgeber“, werde allerdings sehr motiviert sein. „Die Polen haben das Pech, dass eine sehr gute Spielerin, die mit mir in Bietigheim spielt, verletzt ist. Also Polen müssen wir auf jeden Fall schlagen.“ Rumänien sei immer ein sehr unangenehmer Gegner. „Da tun wir uns oft schwer, das ist meistens tagesformabhängig.“ Insgesamt falle es der Rechtsaußen auch schwer, in diesen besonderen Zeiten einen Turnierfavoriten auszumachen. „Ich glaube, es kann auf jeden Fall Überraschungen geben. Titelverteidiger Frankreich wird wieder angreifen wollen. Da sie im vergangenen Jahr bei der WM in Japan unglücklich ausgeschieden sind, werden die motiviert sein, sich wieder zu beweisen.“ Auch Dänemark als Gastgeber, so schätzt Berger, werde sicher alles geben, um den Pokal im eigenen Land zu behalten. Auch Russland könne ein Wörtchen um den Titel mitreden. Wie die Chancen der deutschen Nationalmannschaft aussehen, die bei der letzten EM 2018 auf Rang neun landete, bei Bergers erster Aktiven-WM im Vorjahr nach gutem Start auf einem enttäuschenden achten Platz, sind für die Zweibrückerin schwer einzuschätzen. „Am Ende entscheiden Nuancen darüber, wo man landet“, gibt sich Amelie Berger zurückhaltend. „Es wird spannend zu sehen, wer sich in dieser Zeit am besten darauf einstellen und mit der Situation klar kommen kann.“ Minimalziel sei es aber auf jeden Fall, die Vorrunde zu überstehen. Damit die Zweibrückerin ihre Tasche nicht umsonst für knapp vier Wochen gepackt hat.

Die Handball-EM der Frauen wird nicht von einem klassischen TV-Sender übertragen. Die Fans können die Spiele der deutschen Mannschaft bei der Endrunde vom 3. bis 20. Dezember in Dänemark ausschließlich im Internet auf „Sportdeutschland.TV“ verfolgen. Der Online-Sportsender zeigt alle 47 Turnierspiele kostenfrei. Das teilten der DHB und der Online-Anbieter mit.