Oliver Spurzem bei der Ironman-WM in Nizza Vom Leiden am Berg und der ganz anderen Atmosphäre

Zweibrücken · Oliver Spurzem hat sich durchgebissen. Der Zweibrücker Triathlet kämpfte sich bei der Langdistanz-WM in Nizza über die harte Radstrecke, trotzte einem verkrampften Zwerchfell beim Laufen und kam nach 10:42 Stunden erschöpft, aber glücklich ins Ziel.

 Die Radstrecke hat den Triathleten bei der Langdistanz-WM in Nizza einiges an Kraft geraubt. Auch dem Zweibrücker Oliver Spurzem.

Die Radstrecke hat den Triathleten bei der Langdistanz-WM in Nizza einiges an Kraft geraubt. Auch dem Zweibrücker Oliver Spurzem.

Foto: Spurzem/Privat

Vollkommen erholt ist der Körper von Oliver Spurzem noch nicht. Ein bisschen Yoga war Mitte der Woche aber immerhin schon wieder drin für den Zweibrücker Triathleten. „Ich kann jetzt noch nicht so lange im Tiefstand stehen. Die Beine finden das noch nicht so lustig“, sagt er drei Tage nach der kräftezehrenden, erstmals in Südfrankreich ausgetragenen, Langdistanz-WM in Nizza. Doch Spurzem hat sein Lachen nach diesen quälend langen 10:42 Stunden über die insgesamt 226 Kilometer (3,8 km schwimmen, 180 km auf dem Rad, 42,195km laufen) schnell wiedergefunden.

Dieses war ihm auf der herausfordernden Strecke an der Côte d’Azur am Sonntag teilweise doch abhandengekommen. Wo nicht nur Jan Frodeno bei seinem letzten Profirennen auf der „härtesten Raddistanz im Ironman-Rennzirkus“ ordentlich zu leiden hatte. Das Schwimmen im Mittelmeer, bei dem der Zweibrücker den einen oder anderen langsameren Teilnehmer „teilweise auch unsanft“ aus dem Weg räumen musste, meisterte er in einer starken Zeit von genau einer Stunde. Dann aber haben auch ihm die 180 Rad-Kilometer durch die Berge oberhalb von Nizza ordentlich an Kraft geraubt. „Da haben einige gelitten. Da gab es auch Stürze am laufenden Band, viele mussten aufgeben“, erzählt Spurzem von den Eindrücken auf der Strecke. „Aber das war bei dem Profil ja vorprogrammiert.“

Die 5:56 Stunden, nach denen der Zweibrücker auf die abschließende Marathonstrecke ging, „waren schon eine lange Zeit“ auf dem Rad. Dabei sei er für seine Verhältnisse sehr gut gefahren. Er konnte seine Wattwerte abspulen, „ganz stumpf“ durchziehen – und vor allem bei sich bleiben. Ohne groß Zeiten auszurechnen oder in Panik zu verfallen, weil es länger als die geplanten 5:00 bis 5:30 Stunden dauern würde. „Ich habe mich schnell damit abgefunden. Ich bin ja nicht der klassische Bergfloh. Ich mag Wellen mit ein bis drei Kilometer langen Anstiegen – aber 15 Kilometer hoch. Da bin ich nicht für gemacht“, erklärt der ehrgeizige Athlet. Der aber auch „eingestehen muss, dass ich mich auf das Rennen, nicht so vorbereitet habe, wie es nötig gewesen wäre“.

Auch der Tatsache geschuldet, dass diese WM eigentlich gar nicht auf seinem Plan gestanden hatte. Nach der so kräftezehrenden Saison 2022, in der der Zweibrücker neben dem Altersklassensieg beim Ironman in Thun und Platz zwei beim Ironman in Sacramento endlich auch die ersehnte Zehn-Stunden-Marke (9:38) auf Hawaii knacken konnte, wollte er die Strapazen rund um die WM auf der Vulkaninsel 2023 auslassen. Nach der Verlegung nach Frankreich nahm Spurzem aber die nachträgliche Einladung an und ging in Nizza an den Start. „Wenn du dort gut fahren willst, dann musst du deine gesamten Vorbereitungstrainingslager in den Bergen machen“, zieht er eine Erkenntnis aus dem Rennen. Dem er sich im Rahmen des Ironman France, der ohnehin auf seiner To-do-Liste gestanden hatte, gerne irgendwann nochmal stellen möchte. Denn grundsätzlich sei der Kurs „wirklich schön“.

„Für mich war es jetzt wichtig, dass ich mich gut verpflegen, dass ich meine Wattwerte fahren konnte. Ich hatte energetisch keinen Einbruch.“ Daher sei Spurzem, der eine Bestzeit von 9:14 Stunden stehen hat, nach dem Rennen auch voll mit sich im Reinen. „Das war auf jeden Fall ein gutes Zeichen für Trainingszustand und Ernährungsplan.“

 Oliver Spurzem musste sich auf der Promenade des Angais in Nizza zeitweise richtig quälen.

Oliver Spurzem musste sich auf der Promenade des Angais in Nizza zeitweise richtig quälen.

Foto: Spurzem/Privat

Und so konnte er auch die 42,195 Kilometer lange, sehr flache Laufstrecke über die „Promenade des Anglais“ zunächst schnell angehen. „Leider machte mein Zwerchfell auf der rechten Seite ab Kilometer 26 aber zu und verkrampfte“, erzählt der Zweibrücker, dass er dadurch nicht mehr tief atmen konnt. „Es dauerte vier Kilometer mit Gehpausen und Dehnübungen, bis ich wieder Luft bekam.“ In dieser Zeit büßte Spurzem die zuvor so mühsam erkämpften Platzierungen wieder ein. „Das ist dann echt anstrengend. Da bist du voll am Kotzen“, sagt der 46-Jährige, für den es dann hieß, „mental stark zu bleiben“. Irgendwie sei er dann wieder ins Laufen gekommen, sodass er auf den letzten Kilometern noch kleine Aufholjagden starten konnte. „Vollkommen ausgelaugt“, aber zufrieden lief er nach den insgesamt 10:42 Stunden – 3:37 für den Marathon – mit einem Lächeln im Gesicht in den Zielkanal.

Denn nach fünf erfolgreichen Teilnahmen bei der Ironman-WM auf Hawaii hat Spurzem auch die in Frankreich als Gesamt-18. seiner Altersklasse (M45 bis 49), Erster der 36 dort gestarteten Deutschen und Erster der deutschen Militärstarter mit einem guten Ergebnis zu Ende gebracht. „Du kannst die beiden Rennen aber überhaupt nicht miteinander vergleichen. Da gibt es keine Parallelen – bis auf das Schwimmen im Meer.“ Auch die Atmosphäre sei überhaupt nichts im Vergleich zu der auf der mystischen Pazifikinsel. „Das kannst du abhaken.“ In Hawaii stehe für eine Woche das Leben nur unter dem Spirit des größten Triathlons der Welt, überall treffe man Athleten. „In Nizza war es ein Event von vielen. Da geht die WM etwas unter.“

Und auch den Stellenwert des WM-Titels sieht Spurzem anders. „Das ist jetzt der Weltmeister von Nizza. Punkt. Es ist kein Weltmeister auf Hawaii. Und das ist für mich die echte WM über die Langdistanz.“ Nizza sei natürlich auch eine WM gewesen. Wie die anderer Anbieter im Rennzirkus – Challenge, PTO, DTU – auch. „Aber für mich zählt nur der Hawaii-Champion“, betont Spurzem, ergänzt aber: „Es ist allerdings eine herausragende Leistung und Wahnsinn, hier so schnell zu finishen, wie Lokalmatador Sam Laidlow es getan hat.“ Der Franzose hatte sich den Sieg bei den Profis in 8:06,22 Stunden vor dem Deutschen Patrick Lange (8:10:17) gesichert.

Nach dem ungewöhnlich frühen Saisonabschluss in Nizza, der vier Wochen früher als sonst Hawaii stattfand, könnte Spurzem nun einfach mal eine echte Offseason einlegen. Sich nach dem Altersklassensieg über die Halbdistanz in Aix-en-Provence im Mai, Platz neun beim Ironman in Klagenfurt im Juni, Bronze über die Halbdistanz in Duisburg im August, Platz 17 bei der Mitteldistanz-WM eine Woche später in Lahti einfach mal zurücklehnen. Doch Stillstand gibt es bei dem Zweibrücker nicht. Schon jetzt ist der Coach wieder in München bei einer Fortbildung zum Neurotrainer B unterwegs. „Diese Weiterbildungswoche nutze ich, um mich bei leichtem Bewegen zu regenerieren“, erklärt er. Nach seiner Mentaltrainer-Prüfung Ende September steht dann Anfang Oktober nochmal ein Trainingslager mit dem Bundeswehr-Nationalteam an. Gleich im Anschluss am Ohmbachsee (Glantal) noch ein Halbmarathon. „Triathlonmäßig bin ich durch für dieses Jahr, aber ich will schon noch ein paar Läufe machen“, sagt der Stabsfeldwebel des Fallschirmjägerregiments 26. Nach einem Urlaub geht der Blick dann schon Richtung neue Saison. Das Ticket für die Halbdistanz-WM im Dezember 2024 im neuseeländischen Taupo hat Spurzem bereits in der Tasche. Gerne würde der Zweibrücker auch nochmal die Quali für Hawaii schaffen. „Das wird allerdings hart, die Plätze sind rar gesät.“ Durch die letzten Verschiebungen aus den Corona-Jahren und die Möglichkeit, den Nizza-Slot auf Hawaii 2024 zu legen. „Ich werde in Thun Anfang Juli nur einen Qualiversuch unternehmen. Wenn der nicht klappt, dann lass ich es sein.“ Gut sei, dass er nicht den Druck hat, sich qualifizieren zu müssen, nachdem er sein Ziel, in Kona die Zehn-Stunden-Marke zu knacken, im Vorjahr gemeistert hatte. Allerdings würde sich Oliver Spurzem nach dem unplanmäßigen Start in Nizza die Langdistanz-WM auf Hawaii „schon wirklich gerne nochmal antun“.