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Zweibrücker Bundesligaspielerin Amelie Berger von der SG BBM Bietigheim

Handball : „Ich glaube, der Sport wird sehr leiden“

Normalerweise kann sich Amelie Berger vor Terminen in ihrem Sportkalender kaum retten. Corona hat das ganz plötzlich verändert. Zwar war die Zweibrückerin froh über die zügige Entscheidung pro Saisonabbruch in der Handball-Bundesliga der Frauen. Doch sehnt die 20-Jährige, die sich mit der SG BBM Bietigheim in Kurzarbeit befindet, das Mannschaftstraining herbei.

Ungewöhnlich ruhig geht es derzeit im Alltag von Amelie Berger zu. Eigentlich hätte für die Zweibrückerin vergangene Woche der Saisonabschluss in der Handball-Bundesliga mit der SG BBM Bietigheim angestanden. EM-Qualifikationsspiele mit der deutschen Nationalmannschaft hätten noch im Mai folgen sollen. Doch die Coronavirus-Pandemie hat einen Strich durch den gewohnten Ablauf gemacht. Kein Mannschaftstraining, keine Spiele, keine Reisen.

„Das ging wirklich ziemlich schlagartig“, erinnert sich Amelie Berger an die Situation Mitte März. „Der Coronavirus war für uns alle irgendwie noch so weit weg – und plötzlich hat dann alles zu gemacht.“ Am 7. März hätte sich die 20-Jährige, die bis 2015 für den SV 64 Zweibrücken aufgelaufen ist, nicht vorstellen können, dass die Partie gegen den VfL Oldenburg die letzte der Saison sein würde. Am 13. März wurde schon nicht mehr gespielt. „In der Woche darauf hätten wir noch EM-Quali gehabt.“ Für das Frauen-Nationalteam sollte es nach Slowenien gehen. Gestrichen. „Ich denke, es war dann die richtige Entscheidung, dass die IHF (Internationale Handballföderation) gesagt hat, international geht auf jeden Fall nichts mehr“, erklärt Berger.

Recht schnell wurde dann auch die Runde der Frauen-Bundesliga Ende März abgebrochen. „Bei den Männern hat es ja nochmal ein bisschen länger gedauert.“ Und auch in Frankreich war die Liga länger offen, „die wussten lange nicht, ob weiter gespielt wird“, erklärt Berger. „Wir in Deutschland haben ziemlich schnell einen Haken dahinter gemacht.“ Über diese zügige Entscheidung, nicht noch länger in der Luft hängen zu müssen, war die Linkshänderin froh. „Es ist sehr schwer vom Kopf her, wenn man nicht genau weiß, wann es weitergeht. Damit wurde es uns schon ein bisschen erleichtert. Einfach zu wissen: Die Saison ist vorbei, es geht dann hoffentlich im September wieder los mit der neuen Runde.“ Wenn es auch ein ungewohntes Gefühl sei, die Spielzeit unvollendet so plötzlich abhaken zu müssen, hat der schnelle Abbruch doch ein Stück Unsicherheit genommen. Viele Fragen schwirrten durch den Kopf. „Man wusste nicht, muss ich in zwei Wochen in der Halle wieder 100 Prozent geben? Wie willst du dich so fit halten, dass das funktioniert? Wenn du nicht in der Halle trainieren kannst, dann aber schnell wieder Leistung bringen musst – das ist für den Körper schwierig“, erklärt Amelie Berger.

Mit dem Saisonabbruch sind allerdings nicht alle Fragen gelöst. Keiner weiß, ob die neue Runde regulär im September starten kann, wann wieder normales Handballtraining mit dem Team in der Halle möglich sein wird. „Wir befinden uns mit dem Verein zurzeit in Kurzarbeit“, erklärt die Zweibrückerin, die vor der gerade abgebrochenen Runde von Bayer Leverkusen zum Vorjahresmeister SG BBM Bietigheim gewechselt war. „Wir haben von dem her auch kein Training und müssen uns quasi individuell fit halten, mit Lauf- und Krafteinheiten“, erzählt die Rechtsaußen. Größtenteils spult sie ihre Einheiten mittlerweile in der Heimat in Zweibrücken ab, zum Teil aber auch in Bietigheim. Dabei diene das Individualtraining vor allem dazu, sich in Form zu halten, es sei keineswegs vergleichbar mit den Einheiten im Team. „Ich habe in dieser Phase gerade sehr deutlich gemerkt, dass der Teamsport mir liegt – und ich froh bin, wenn ich wieder bei der Mannschaft sein kann.“ Es sei einfach etwas ganz anderes, als allein für sich zu schuften.

Bis Ende Juni soll die Kurzarbeit bei der SG andauern. Für diese Maßnahme zeigt Berger Verständnis. „Es wird insgesamt noch ziemlich spannend, wie viele Vereine diese Krise überleben werden. Ich glaube, der Sport wird sehr darunter leiden. Da muss jeder von uns natürlich schauen, was für den Verein am besten ist“, betont die 20-Jährige, die hofft, dass dann im September auch noch 16 Teams in der Bundesliga stehen werden. „Ich drücke dem Handball und dem gesamten Sport in Deutschland die Daumen, dass wir das irgendwie gut überstehen.“

Bis zum Abbruch sehr ordentlich dagestanden haben die Bietigheimer Frauen in der Bundesliga. „Wir hatten eine Phase mit einem kleinen Hänger, der uns leider auf den zweiten Platz hat zurückfallen lassen“, blickt Amelie Berger zurück. Doch die Nationalspielerin ist sich sicher, „dass es noch eine ziemlich spannende Runde geworden wäre. Wir hatten noch einige Knallerspiele auf dem Plan“. An dem Freitag nach Abbruch hätte die zweitplatzierte SG gegen Thüringen (5.) gespielt. „Das war eins der Spitzenspiele. Dann hätten wir noch gegen Dortmund gespielt, die einen Punkt vor uns sind.“ Und zum Saisonabschluss am 16. Mai hätte noch die Partie gegen den Tabellendritten Metzingen angestanden, „was wirklich das Kracher-Derby gewesen wäre“, schätzt Berger. „Ich bin mir sicher, dass wir alles dafür getan hätten, um wieder ganz oben zu stehen.“ Aber alles Nachtrauern um diese verpasste Chance bringt nichts. Die Runde in der Handball-Bundesliga der Damen ging ohne Meister und ohne Absteiger zu Ende.

„Diese Entscheidung finde ich letztendlich auch richtig. Die Gesundheit aller stand im Vordergrund“, betont die Zweibrückerin. Sie könne den schnellen Abbruch und die Wertung absolut nachvollziehen. „Über die Meisterfrage wurde in der Bundesliga ziemlich viel diskutiert.“ Zum Zeitpunkt des Abbruchs standen noch acht Spieltage aus. Dortmund (34:2) lag mit einem Zähler vor Bietigheim (33:3), gefolgt von Metzingen (30:6). „Ich bin der Meinung, dass bei uns einfach noch alles offen war – daher finde ich die Entscheidung okay.“

Da es Aufsteiger aus der 2. Liga geben wird, aber kein Team aus dem Oberhaus runter muss, treten in der kommenden Runde 16 statt der bisher 14 Teams in der Frauen-Bundesliga an. Die SG BBM Bietigheim ist zudem für die European Handball League – ehemals EHF-Cup – gemeldet und die HBF (Handball Bundesliga Frauen) hat sich in der Champions League um eine Wildcard für den Zweitplatzierten beworben. „Wir hoffen natürlich, dass das mit der Champions League irgendwie funktioniert. Obwohl das mit den zwei zusätzlichen Mannschaften in der Liga ja ohnehin schon bedeutet, dass wir vier Spiele mehr haben werden.“ Ein straffes Programm.

Zudem stehen für Berger wohl auch noch Partien mit dem Nationalteam an. Im Dezember ist die Europameisterschaft in Norwegen und Dänemark angesetzt. „Wir sind schon froh, dass wir mit der Nationalmannschaft nicht mehr die EM-Quali spielen müssen, sonst wären das auch nochmal vier Spiele gewesen, die wir bis Dezember hätten absolvieren müssen. Das wäre schon ein wahnsinniger Aufwand – vor allem, wenn es am Ende womöglich mit der Runde nicht mal im September losgeht.“ Statt Präsenz-Maßnahmen mit der DHB-Auswahl absolvieren die Spielerinnen derzeit Online-Seminare, über die sie sich alle zwei Wochen austauschen. „Wir haben die Nachricht erhalten, dass vor September nichts Internationales stattfinden wird. Aber wir versuchen, uns sobald wie möglich wieder persönlich zu sehen.“

Das wünscht sie sich auch für ihr Team bei der SG BBM Bietigheim. Dort steht den Frauen vor der kommenden Runde ein Trainerwechsel – von Martin Albertsen zu Markus Gaugisch – bevor. Und Berger hofft, dass die Mannschaft pünktlich im Juli „wie geplant“ mit der Vorbereitung starten kann. Dann wäre es endlich vorbei mit dieser ungewohnt langen Handballpause.

Der europäische Verband EHF hatte beschlossen, die Qualifikation für die Europameisterschaft, die vom 3. bis zum 20. Dezember in Norwegen und Dänemark stattfinden soll, aufgrund der Coronavirus-Pandemie zu beenden. Das DHB-Frauenteam von Bundestrainer Henk Groener ist aufgrund seiner Vorleistungen für die Endrunde qualifiziert. Die Auslosung für die EM wird am Donnerstag, 18. Juni, um elf Uhr in Wien durchgeführt und im EHF-Livestream via YouTube und Facebook übertragen. Insgesamt 16 Mannschaften, unterteilt in vier Vorrundengruppen, werden an den kontinentalen Titelkämpfen teilnehmen.