Triathlon Befreiungsschlag für den „Irren“ auf der Laufstrecke

Thun/Zweibrücken · Ein Wechselbad der Gefühle hat Oliver Spurzem beim Ironman in Thun durchlebt. Der Zweibrücker Triathlet erfüllte sich nach einer starken Aufholjagd in der Schweiz letztlich zum zweiten Mal den Traum vom Altersklassensieg – und löste damit das Ticket für seinen sechsten Hawaii-Start.

 Trotz schwieriger Bedingungen am Thunersee schaffte es der Zwebrücker Oliver Spurzem, bei dem Ironman in der Schweiz erneut das Ticket für Hawaii zu lösen.

Trotz schwieriger Bedingungen am Thunersee schaffte es der Zwebrücker Oliver Spurzem, bei dem Ironman in der Schweiz erneut das Ticket für Hawaii zu lösen.

Foto: Privat

Mit einem Sprung an den Zeitnahme-Bogen überquert Oliver Spurzem in Thun locker und scheinbar ganz ohne Schmerzen die Ziellinie. Als Erster seiner Altersklasse (M45-49). An diesen Erfolg hatte der Zweibrücker Triathlet noch 42,195 Kilometer zuvor beim Absteigen vom Rad selbst nicht mehr geglaubt. Zu groß war der Rückstand auf die Führenden. Doch durch eine unglaubliche Energieleistung auf der Marathonstrecke hat es der 47-Jährige tatsächlich erneut geschafft, sich in der Schweiz über die Langdistanz (3,8 km Schwimmen – 180 auf dem Rad – 42,195 km Laufen) Platz eins zu sichern. Zwei Jahre nach seinem ersten Altersklassensieg bei einem Ironman überhaupt. Nach 9:40,52 Stunden (1:01 Std - 5:26 - 3:03) war der erneute Coup perfekt. Und genau der war nötig, um sein siebtes Ticket für die Ironman-WM, die sechste auf Hawaii, zu lösen.

Nach dem Zieleinlauf konnte Spurzem „lange nicht begreifen“, was er da geschafft hat. „Ich kann auch jetzt noch nicht erklären, wie das zustande gekommen ist – aber ich fühle mich gut damit“, sagt er am Montagabend während der Autofahrt zurück nach Zweibrücken mit einem glücklichen Lachen. Das erste Realisieren kam erst mit der Siegerehrung sowie der Slotvergabe für Hawaii am Morgen nach dem Rennen. Denn der ehrgeizige Sportler hatte in diesem Jahr nur diesen einen Versuch, das WM-Ticket zu ergattern. Unter dem Druck, in Thun gewinnen zu müssen. Denn aufgrund der letzten Corona-Verschiebungen und der Möglichkeit, den Nizza-Slot von 2023 auf Hawaii 2024 zu legen, sind die Plätze für den legendärsten Ironman der Welt rar gesät.

„Daher war das Ziel klar der Sieg – doch der war zwischendurch schon kurz weg“, erklärt Spurzem. „Nach dem Radfahren habe ich echt gedacht: ‚Jetzt bringst du den Tag irgendwie noch ehrenvoll zu Ende.“ Zu diesem Zeitpunkt seien Selbstzweifel und Gedanken an einen „Scheiß-Marathon“ hochgekommen, der ihm nun noch bevorsteht. Denn mit 20 Minuten Rückstand ist Spurzem auf die Laufstrecke gegangen. „Das ist eigentlich unmöglich aufzuholen.“ Nach der ersten Runde von 14 Kilometern hatte der Zweibrücker aber bereits zehn Minuten gutgemacht. „Ganz plötzlich kam das Selbstvertrauen und ich bin einfach losgestürmt, habe alle Probleme aus der Vorbereitung im letzten halben Jahr weggelaufen“, beschreibt er. Nach der zweiten Runde war er fast am Drittplatzierten dran und in Runde drei war Spurzem plötzlich in Führung. „Auf einmal ist es gelaufen und ich hab‘ den Körper einfach machen lassen.“ Sehr konstant ist er über die gesamte Strecke am Thunersee entlang gelaufen. Mit 3,8 Kilometern Schwimmen und 180 auf dem Rad in den Beinen.

Oliver Spurzem schaffte es beim Ironman in der Schweiz wieder nach ganz oben aufs Podest.

Oliver Spurzem schaffte es beim Ironman in der Schweiz wieder nach ganz oben aufs Podest.

Foto: Privat

Und die hatten es bei den schwierigen Bedingungen in sich. „Das Schwimmen war außergewöhnlich.“ Bei 16,4 Grad Wassertemperatur war das „absolut kein Spaß“. Hinzu kamen Wellengang und Regen. Das Hauptproblem sei bei der Kälte allerdings gewesen, dass der ursprünglich für 6.30 Uhr angesetzte Start um eine Viertelstunde verschoben wurde. „Dann stehst du da, bist aufgewärmt, hast den Neopren innen schon nass und kühlst aus“, erklärt Spurzem, dessen Glück es gewesen sei, eine Neoprenhaube zu besitzen und sich im Vorfeld des Rennens auch noch Neopren-Füßlinge gekauft zu haben. „So war das bei mir noch okay, aber viele andere Athleten sind ausgekühlt – das waren schon mal Miniprozente, die ich an Energie gespart habe.“

Dennoch hatte er beim Schwimmen das Gefühl, „in dem hektischen Rennen kein Zug auf der Kette“ zu haben. Die kalten Temperaturen seien für die Muskeln nicht wirklich angenehm gewesen. Unter diesen Umständen war die Zeit von 1:01 Stunde sehr ordentlich. „Es gibt nur ganz wenige Athleten, die unter einer Stunde geschwommen sind“, erklärt Spurzem, der mit der fünftschnellsten Zeit aus dem See stieg.

Beim Wechsel aufs Rad ließ sich der 47-Jährige ausreichend Zeit, um sich gut einzupacken, für die zwölf Grad, die ihn auf der Strecke durch das Gürbental und den Naturpark Gantrisch erwarteten. „Diese 180 Kilometer mit 2200 Höhenmetern sind lang – und es war eine Wettervorhersage aus der Hölle: Regen, Wind, Kälte.“ Der Zeitverlust durch das Anziehen war es ihm wert, um auf der Strecke weitere Energie zu sparen, die die Kälte dem Körper sonst entzogen hätte.

„Komischerweise“ hätten ihn in seiner ungeliebten Disziplin auch gar nicht so viele Athleten wie sonst üblich überholt. „Da wusste ich, dass ich noch im Rennen bin. Wenn mir auch klar war, dass ich dieses Mal keine 5:07 Stunden fahren werde.“ Zumal seine Radwerte nach der schwierigen Vorbereitung „in Winter und Regen“ nicht optimal seien. „Ich habe die Radfitness noch nicht, die ich vor zwei Jahren schon mal hatte.“ Mit einer Zeit von 5:15 Stunden hatte er im Vorfeld aber schon geliebäugelt. Doch auch die war am Sonntag nicht drin. „Am Schluss sind auch nochmal ein paar Konkurrenten vorbeigezogen. Ich wollte mit denen mitfahren, habe aber gemerkt, dass die zehn Watt über meiner Leistung sind und habe mir gesagt: ‚Die kann ich jetzt nicht machen, wenn ich noch Körner übrig haben will‘.“ Dennoch habe er zum Schluss der Radstrecke nicht mehr richtig Druck auf die Pedale bringen können. „Ich war sehr müde, meine Beine haben richtig wehgetan. Ich dachte, ich falle gleich vom Rad und dann war es das“, erzählt Spurzem: „Das war dieses Mal sehr hart für mich.“ So sei er etwas geknickt und mit dem unguten Gefühl, mit zu großem Abstand auf die Laufstrecke zu müssen, aus der Wechselzone raus. Ungefähr an Position acht liegend. „Das ist schon mal nicht gut, wenn du gewinnen willst. Und die 20 Minuten Rückstand erst recht nicht.“

Dann aber ging es plötzlich doch überraschend gut. „Mental war ich quasi nach dem Reinschlüpfen in die Laufschuhe wie ausgewechselt“, kann sich Spurzem diese Wandlung selbst nur schwer erklären. „Die Streckenkenntnis war auf jeden Fall ein Vorteil.“ Und auch, dass er sich das Rennvideo aus dem Vorjahr angeschaut hat, habe geholfen. „Ich hatte ständig den Lauf von Jan van Berkel im Kopf, der mit einem extrem effektiven Marathon sein letztes Profirennen hier gewonnen hatte“, erklärt Spurzem. Diese Option, nicht zu schnell anzugehen, sondern konstant durchzulaufen hat auch bei dem Zweibrücker sehr gut funktioniert. Mit einem Schnitt von 4:15 Minuten fühlte es sich für ihn an „wie ein Erholungslauf“. Und so habe er im Rennen schon gewusst, „dass ich wieder gut dabei bin. Denn mit dieser Pace können nicht viele mitkommen“. Auch dass er Unterstützung an der Strecke und damit immer wieder einen ungefähren Überblick über Rückstande auf die vor ihm platzierten Athleten hatte, sei gut gewesen. Manchmal war er aber auch im Blindflug. „Ich hatte keine Ahnung, ob noch jemand kommt, wie weit genau ich vorne bin. Wusste nicht, ob ich mir noch richtig wehtun muss oder ob das reichen wird“, erzählt er von dem schwierigen Gedankenspiel im Kopf: „Es war spannend.“ Grundsätzlich habe er sich auf der Laufstrecke aber „so gut“ gefühlt. „Ich war richtig im Einklang mit mir. Ich glaube einfach so, wie man sich fühlen muss, wenn es läuft.“ Spurzem habe in dem Marathon eigentlich „gar nicht“ über seine Schmerzgrenze gehen müssen. „Es war so krass. Ich war auch vom Kopf voll da. Ich habe es richtig genossen, so schnell zu laufen. Ich bin ja voll durchgehämmert. Alle Athleten, an denen ich vorbei bin, haben sich sicher gefragt. ‚Was ist denn das für ein Irrer?‘ Das war für mich wie ein Befreiungsschlag.“ Und der half ihm als Erstes ins Ziel zu laufen. In neuer Marathon-Bestzeit innerhalb eines Ironmans von starken 3:03 Stunden. „Das war das, wovon ich immer geträumt habe – das ist für mich total cool.“

Sicher sein, nach dieser Glanzleistung auch wirklich den Sieg eingefahren zu haben, konnte der Zweibrücker allerdings noch nicht. Da eine weitere Startgruppe erst eine halbe Stunde später ins Wasser gegangen war, begann nun das bange Warten. Die für den Kopf womöglich anstrengendsten Minuten. „Ich war im Ziel ständig auf Angst. Ich habe mich immer gefragt: ‚Kommt da noch einer? Ist da noch einer auf der Strecke?‘“ Nach einer guten halben Stunde kam die Erleichterung.

Viele Kleinigkeiten sind am Sonntag wie Zahnräder ineinandergeflossen. Die passende Kleidung, richtige Ernährung, das Zeit nehmen zum Anziehen. „Das war womöglich das Zünglein an der Waage, weil ich am Ende noch Energie hatte“, sagt Spurzem und ergänzt: „Ich glaube die Erfahrung war dieses Mal ein ganz großer Punkt.“ Durch die es der 47-Jährige auch geschafft hat, sich den Druck, den das „Unbedingt-gewinnen-müssen“ eigentlich mit sich brachte, einfach nicht zu machen. „Ich habe die Umstände akzeptiert vor dem Start, dass das Rennen schwierig werden wird. Mit dem Lauf habe ich mich quasi selbst dafür belohnt.“

Und so wird Oliver Spurzem im Oktober nun zum siebten Mal an der Ironman-WM teilnehmen. Mit der Halbdistanz-WM im Dezember in Neuseeland hat der Stabsfeldwebel des Fallschirmjägerregiments 26 somit noch ein „schön volles“ Restjahr. „Ich bin äußerst glücklich“, sagt er. Durch Hawaii habe er nun wieder einen Fokus, da Neuseeland schon noch ganz schön weit weg schien. „Ich hatte nichts Greifbares in der Hand. Das habe ich jetzt wieder.“

Und in seinen sechsten Hawaii-Start werde er „mit anderen Ambitionen reingehen, nachdem es das letzte Mal ganz gut geklappt hat“, blickt er zurück auf 2022, als es ihm endlich gelungen ist, auf der Vulkaninsel die ersehnte Zehn-Stunden-Marke zu knacken. Genaue Ziele seien jetzt aber noch schwer auszumachen. Zunächst hofft Spurzem in der Vorbereitung auf „besseres Wetter“, um sein Raddefizit ausmerzen zu können. „Das ist jetzt die nächste Baustelle, die paartausend Kilometer, die mir da fehlen, in kürzester Zeit reinzufahren.“ Vielleicht könne er dann in Kona „ja nochmal ein bisschen schneller sein“ und womöglich auch hier mit einem lässigen Sprung die Ziellinie überqueren.