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WSF-Schwimmer Michael Raje hat auch im Corona-Jahr Bestzeiten aufgestellt

Merkur-Serie Talente der Region - Michael Raje : Der Rekordjäger träumt von Olympia-Start 2028

Michael Raje gilt als „Ausnahmetalent“. Doch auch der Nachwuchsschwimmer der WSF Zweibrücken wurde durch Corona ausgebremst. Dennoch stellte der 14-Jährige auch 2020 wieder neue deutsche Bestmarken in seiner Altersklasse auf.

Kurz stutzt Michael Raje. Dann antwortet er lachend: „Wenn wir Eis da haben, esse ich es auch. Aber ich bin jetzt nicht so traurig, dass ich gerade viel Eis essen müsste.“ Der talentierte Nachwuchsschwimmer der Wassersportfreunde (WSF) Zweibrücken hatte in der vergangenen Woche seinen Instagram-Post zum vorzeitigen Saisonende mit den Worten: „Wenn Ihr traurig seid, kauft Euch ein Eis – funktioniert immer“ ausklingen lassen. „Es ist zwar traurig, dass ich erst im nächsten Jahr wieder Wettkämpfe haben werde, aber es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht so dramatisch, weil ich mir schon denken konnte, dass alles abgesagt wird“, erklärt der 14-Jährige nüchtern. Erneut heißt es also: Saisonhöhepunkt DJM coronabedingt gecancelt. Auch keine anderen Wettkämpfe sind mehr drin.

Zumindest Trainingsmöglichkeiten bleiben dem Nachwuchs-Bundeskaderathleten in der erneuten Zwangspause aber noch. „Wir dürfen zwar nicht ins Hallenbad, weil das ja öffentlich und daher geschlossen ist, aber das Hofenfels-Gymnasium hat ja ein Lehrbecken.“ Das 16,67 Meter kurze Rechteck, das Raje noch aus dem ersten Lockdown bestens kennt. „Es ist zwar doof, dort zu trainieren, aber wir müssen das Beste daraus machen“, versucht er das Positive zu sehen.

Positiv verlief für den mehrfachen deutschen Jahrgangsmeister auch der Start in das Sportjahr 2020. Der Mannschaftspokal in Wuppertal im Januar und das Frühjahrs-Schwimmfest in Darmstadt im März endeten für ihn mit neuen deutschen Altersklassenrekorden über die 100 Meter (1:03,61 min) und 50 Meter Brust (29,98 sec) sehr erfolgreich. Dann saß Raje von einem auf den anderen Tag komplett auf dem Trockenen. Über zwei Monate lang konnte er nicht in sein Element. Eine lange Zeit für das WSF-Talent, das es gewohnt ist, fünf Mal wöchentlich Kilometer um Kilometer im Wasser abzuspulen. Auch im Juni ging es in einem ersten Schritt zunächst in das kleine Lehrbecken. Die gewohnten Trainingsumfänge sind hier, wo die Athleten nach drei, vier Zügen am anderen Ende angekommen sind, kaum möglich. „Man merkt einfach, wenn man dann im Wettkampf auf eine längere Bahn geht, dass das Training auf den langen Distanzen fehlt“, erklärt Raje. „Für die kurzen Strecken, die 50er und 100er, geht das aber eigentlich noch klar.“

Wie er in dem ersten Rennen seit der Corona-Krise im September in Weinheim deutlich unter Beweis gestellt hat. „Der war ganz gut“, kommentiert der 14-Jährige lässig die erneute Verbesserung seines eigenen Altersklassenrekords über die 50 Meter Brust auf 29,75 Sekunden und gibt zu: „Das kam auch für mich überraschend.“ Er habe natürlich gehofft, sich steigern zu können, „erwartet hatte ich aber ehrlichgesagt, langsamer zu sein.“

Den Überblick über seine immer wieder selbst gebrochenen Rekorde auf Bundes- und Landesebene zu behalten, damit hat der Zweibrücker bislang keine Probleme. Vielmehr „zähle ich die immer mit“. Pro Jahr nehme er sich stets fünf vor. „Im letzten habe ich die gepackt.“ 2020 hat Corona diese Sammlung ausgebremst. „Für mich sind die Rekorde immer etwas Besonderes. Manche denken, der hat jetzt so viele, für den ist das sicher nicht mehr das Krasseste – aber doch“, sagt der derzeit zweifache deutsche und neunfache saarländische Rekordhalter in seinem Jahrgang. Zudem änderten sich jedes Jahr schließlich auch die Zeiten in den Altersgruppen – das heißt, die Rekordjagd fängt immer wieder von neuem an. Schnellstmöglich versuche Raje die neuen Bestmarken dann zu erobern. „In diesem Jahr hab’ ich den ersten Rekord im Januar hinbekommen.“ Im März und September folgten die nächsten. Trotz der Steigerung seiner Zeiten – auch nach der ersten Zwangspause – ist der WSF-Schwimmer sicher: „Das Corona-Jahr hat uns alle ausgebremst.“ Wenn es auch nur ein schwacher Trost ist, so sei es in dieser Phase doch „leichter mit dem Wissen, dass es den meisten anderen auch so geht“.

Und so müssen auch seine Mitstreiter auf den Saisonhöhepunkt Jahrgangs-DM, die nach der Verlegung nun im Dezember in Dortmund hätten stattfinden sollen, verzichten. „Wir waren so kurz davor, aber dann kam der November“, bedauert Raje die endgültige Absage. „Als in den Herbstferien die Infektionszahlen wieder so drastisch hoch gingen, dachte ich schon: Oh nein, das wird wohl nix mehr“, erzählt er von seiner Vorahnung. „Seit Juni habe ich mich intensiv vorbereitet. Ich war so froh, wieder richtig trainieren zu können, so froh, dass es wieder Wettkämpfe gibt – dann dieser Lockdown.“ Die lange Vorbereitung, die Vorfreude – verpufft.

Momentan hätte der Bundeskaderathlet die Möglichkeit, fünf Mal die Woche ins Lehrbecken zu steigen. „Die Motivation ist allerdings recht niedrig. In dieser Situation, ohne konkreten Wettkampf vor Augen, sind die Laune und die Lust aufs Training nicht unbedingt auf dem Höhepunkt“, sagt Raje, der sich schon in ganz jungen Jahren für seinen Sport entschieden hat.

„Meine Mutter wollte, dass ich schwimmen kann, bis ich in die Grundschule komme“, erzählt er. „Heutzutage können das ja nicht so viele Kinder, wie sie es eigentlich sollten.“ Mit vier machte der Zweibrücker seine ersten Züge im Wasser, drei, vier Jahre später fing er mit leistungsorientierterem Training an. „Vorher habe ich noch Fußball gespielt, aber da hatte ich echt zwei linke Füße“, erinnert sich das WSF-Talent, für den der Schwimmsport eine besondere Faszination ausübt. Für ihn bedeutet er keinesfalls stupides Kacheln zählen. „Mir macht das echt Spaß. Wenn man in diesen riesigen Schwimmhallen ist, jeder einem zuschaut, man auf dem Startblock steht und so ein knappes Rennen, etwa über die 50-Meter-Strecken, vor sich hat – diese Anspannung ist schon cool.“ Umso cooler natürlich, wenn man am Ende als Erster anschlägt. Ein Gefühl, das Raje recht häufig erleben darf.

Woher sein Talent kommt, was ihn als Schwimmer auszeichnet, darüber muss der 14-Jährige kurz nachdenken. Der für den Nachwuchs zuständige Trainer des Saarländischen Schwimm-Bundes (SSB), Jens Lohaus, attestiert ihm „ein sehr gutes Gespür für das Wasser“. Landestrainer Felix Weins nannte Raje einen „Ausnahmeschwimmer“. Über die Jahre habe der für sein Alter groß gewachsene 1,90-Meter-Hüne zusammen mit WSF-Trainer Thomas Schappe sehr viel an der Technik gearbeitet. „Aber vor allem die Kraft spielt bei mir eine sehr große Rolle, es ist wichtig, dass man sehr stabil ist, dass man gute Muskelansätze hat. Das zeichnet mich aus, denke ich – auf jeden Fall mehr Kraft als Technik“, sagt Raje lachend. So sei bei dem WSF-Athleten, der weiterhin vorrangig unter Schappe in Zweibrücken und nicht am Stützpunkt in Saarbrücken trainiert, technisch sicher noch Luft nach oben. „Gerade auf den Strecken, die nicht meine Hauptstrecken sind“, erklärt der Brustspezialist, der bei der DJM aber auch Schmetterling und Freistil geschwommen wäre. „Die einzige Lage, die noch nicht so funktioniert, in der ich aber auch nicht ganz schlecht bin, ist Rücken. Aber da arbeiten wir dran, für den Fall, dass die anderen Lagen mal nicht mehr so funktionieren, wie wir uns das vorstellen.“ Es könne nie schaden, breit aufgestellt zu sein.

Die Vielseitigkeit zeichnete auch eines seiner Vorbilder aus. „Meine sportlichen Idole sind unschwer zu erraten: Natürlich Michael Phelps“, sagt Raje wie selbstverständlich. „Aber auch Adam Peaty ist einer meiner Favoriten. Er ist der beste Brustschwimmer der Welt, der fasziniert mich auch, weil er so muskulös ist.“

Und diesen Ausnahme-Athleten würde der Zweibrücker zu gerne nacheifern. „Ich möchte 2028 zu den Olympischen Spielen in Los Angeles – auf dieses Ziel richte ich den Blick“, erklärt Raje selbstbewusst. „Eigentlich hatten wir auch 2024 schon mal angepeilt, aber ich bin jetzt nicht der große Fan von Wunderkind, das mit 18 schon bei Olympia sein muss.“ 2028 dabei sein zu dürfen, „das wäre mir aber sehr lieb“, sagt er mit dem Wissen, dass er bis dahin weiter ackern, dass auch der Körper auf diesem Weg mitspielen muss. Und die äußeren Umstände.

Mit dem Gefühl, ganz oben zu stehen, kennt sich Michael Raje mittlerweile bestens aus. 2019 fischte er bei der Deutschen Jahrgangsmeisterschaft vier Mal Gold aus dem Wasser. 2020 fällt der Höhepunkt Corona zum Opfer. Foto: WSF Zweibrücken

Hätte Michael Raje für 2021 einen Wunsch frei, „dann wäre es natürlich am schönsten, wenn alles so weitergehen würde, wie vor Corona“. Doch dem WSF-Schwimmer sei klar, dass das wohl nicht so sein wird. „Aber ich wünsche mir, dass ich sehr viele Wettkämpfe bestreiten kann – auch, wenn sie manchmal nerven –, dass ich so weiter machen kann auf meinem Weg, wie ich gestartet bin. Dass ich an 2019 anknüpfen kann, das ein sehr gutes Jahr war, in dem ich auf allen Wettkämpfen und nie verletzt war“, sagt Raje, dem es schwer fällt, aus dem verflixten Corona-Jahr etwas für seinen Sport mitzunehmen. „Das ist echt schwierig“, erklärt er mit einem Seufzer. „Das einzige, was ich gelernt habe ist, dass im Leben immer Dinge passieren können, die dich zurückwerfen. Dass man aber trotzdem immer weiter machen sollte“, will sich Michael Raje seinen Optimismus bewahren. „Diese Zeit wird ja auch rumgehen.“ An schlechten Tagen eben mit einem Eis in der Hand.