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Vorsitzender der WSF Zweibrücken fürchtet Welle an Nichtschwimmern

Wassersportfreunde Zweibrücken : Eine Welle von Nichtschwimmern rollt heran

Seit über einem Jahr sitzen die meisten Mitglieder der Wassersportfreunde Zweibrücken fast durchgehend auf dem Trockenen. Kein Training, keine Wettkämpfe, keine Perspektive. Eine bedrohliche Situation, warnt der WSF-Vorsitzende Matthias Fritzke: Und zwar für Leistungs- und Breitensportler. Vor allem aber für Schwimmanfänger.

Esel gelten in der Regel als wasserscheu. Der Vorsitzende der Wassersportfreunde (WSF) Zweibrücken, Matthias Fritzke, fühlt sich seit mittlerweile über einem Jahr trotzdem manchmal wie das langohrige Reittier. Für ihn und die Mitglieder seines Vereins habe es seit Beginn der Corona-Pandemie „immer mal wieder Hoffnung“ gegeben. „Doch das war so wie die berühmte Karotte vor der Nase“, ergänzt Fritzke und seufzt.

Sowohl das Badeparadies als auch das Freibad in Zweibrücken hatten ihre Pforten seit Beginn der Pandemie zwar kurzzeitig geöffnet. Die Gelegenheiten, zu denen die WSF-Mitglieder dort ins Becken steigen durften, kann Fritzke aber an einer Hand abzählen. Die Trainingszeiten seien ohnehin spärlich gewesen. Der erneute Lockdown im Herbst erledigte den Rest. Der damalige Zustand ist auch der aktuelle. Die Wassersportfreunde – sie sitzen seit Monaten auf dem Trockenen.

Sorgen um den Bestand des Vereins müsse man sich zwar nicht machen, erklärt der Vorsitzende. Aber ja, die WSF haben wie so viele andere Clubs Abmeldungen von Mitgliedern hinnehmen müssen. „Ihnen hat die Perspektive gefehlt. Allen Schwimmern fehlt die Perspektive“, sagt Fritzke. Denn während Leichtathleten, Tennisspieler und mittlerweile auch Mannschaftssportler zwar Einschränkungen bei der Ausübung ihres Hobbys hinnehmen müssen – so können sie es doch zumindest ausüben. Das sieht bei den WSF Zweibrücken anders aus. „Ein Schwimmverein ohne Schwimmbad ist . . . er ist eben nur ein Verein“, sagt der Vorsitzende.

Einen Mitgliederschwund von 4,5 Prozent binnen eines Jahres hatte der Sportbund Pfalz in seiner jüngsten Erhebung für die Vereine in seinem Verbandsgebiet ausgemacht. „Das deckt sich mit unseren Zahlen“, sagt Fritzke, der auch Vizepräsident des Saarländischen Schwimm-Bundes ist. Im Saarland sei der Rückgang der Mitglieder in den Schwimmvereinen sogar noch ein wenig höher. Insbesondere beim Nachwuchs, der Gruppe der Sechs- bis 17-Jährigen ergänzt der WSF-Vorsitzende. 

Es ist eine Entwicklung, die er mit großer Sorge betrachtet. Er befürchtet eine Welle an Nichtschwimmern, die auf die Republik zurollt. „Es wird nicht bei einer kleinen Delle bleiben“, prophezeit Fritzke. „Die Heranwachsenden, die heute nicht schwimmen lernen, haben irgendwann selbst Kinder. Und manche dieser Eltern werden sich in der Zukunft sagen: ‚Ich bin ohne Schwimmen durchs Leben gekommen, also brauchen meine Kids das doch auch nicht’“. Eine gefährliche Einstellung. Lehrer und vor allem Rettungsschwimmer befürchten bereits das Schlimmste für die Badesaison. „Es steigt die Gefahr, dass Kinder ertrinken“, sagte etwa Nina Fiedler, Präsidentin der Schwimmgemeinschaft Rheinhessen-Mainz, vor kurzem dem SWR.

Die Wassersportfreunde Zweibrücken versuchen der Entwicklung entgegenzuwirken. Mit Trainingseinheiten im Westpfalzstadion etwa. Übungen an Land für Wasserratten. Viele andere Clubs haben in Corona-Zeiten das gemeinsame Training über Videokonferenz-Systeme für sich entdeckt. Aber online Schwimmen lernen? Kaum vorstellbar. „Das ist auch nicht das, was unseren Mitgliedern auf lange Sicht vorschwebt. Wir sind kein Leichtathletikverein“, bestätigt Fritzke.

Doch nicht nur auf die Quote der Nichtschwimmer und die Breitensportler habe die Pandemie gravierende Auswirkungen – auch auf den Leistungssport. Zwar können die Kaderschwimmer der Wassersportfreunde mittlerweile am Olympiastützpunkt in Saarbrücken trainieren. „Aber das Salz in der Suppe – die Wettkämpfe – fehlen“, sagt Fritzke. Was klingt wie ein Luxusproblem, habe schon manchen talentierten Nachwuchsschwimmer dazu bewogen, den Neoprenanzug an den Nagel zu hängen. „Diese Perspektivlosigkeit, diese Ungewissheit über einen so langen Zeitraum – manche haben das vom Kopf nicht gepackt“, sagt Fritzke. Abgesehen vom ersten Quartal spricht er dann auch von einem „fast verlorenen Sportjahr 2020“. Bis Mai mussten sich die WSF-Kaderschwimmer auf Trockenübungen beschränken. Im Anschluss durften sie immerhin ins Lehrbecken des Hofenfelsgymnasiums steigen. Das mit einer Länge von lediglich 16,67 Metern aber nur bedingt nützlich für Wettkampftraining ist.

Im Sommer sahen die Leistungsschwimmer der WSF dann einen Silberstreif am Horizont. Zuerst durften sie am Stützpunkt in Saarbrücken ihre Bahnen ziehen. Und Ende September schließlich traten die Zweibrücker bei ihrem vorerst letzten Wettkampf in Weinheim an. WSF-Ausnahmetalent Michael Raje bewies, dass ihn die lange Zwangspause nicht aus der Bahn geworfen hatte. Er verbesserte seinen eigenen deutschen Altersklassenrekord über 50 Meter Brust auf 29,75 Sekunden.

Seitdem ruhte der Wettkampfbetrieb wieder. Doch in einigen Wochen sollen die WSF-Schwimmer erneut ins Becken steigen. Bei den deutschen Jahrgangsmeisterschaften, die vom 26.-30. Mai in Berlin stattfinden. Die Titelkämpfe werden in abgespeckter Form ausgetragen. In Disziplinen, in denen sich normalerweise die 60 oder 100 besten Nachwuchsschwimmer Deutschlands messen, sind es in diesem Jahr nur die besten zwanzig oder gar nur zehn. Deswegen nehmen die Zweibrücker, die auf Bundesebene in der SSG Saar Max Ritter an den Start gehen, am 1. und 2. Mai an einem Leistungstest teil, dessen Zeiten als Qualifikation für die Jugend-DM dienen. Denn Nikita Soel Haubrich beispielsweise ist Stand jetzt für die Disziplinen 50, 100 und 200 Meter Schmetterling qualifiziert. Über die 100 Meter Rücken dagegen liegt er in der deutschen Bestenliste aktuell auf Rang 21 – doch nur die 20 besten nehmen teil. Auch Lukas Fritzke ist für die 100, 200 und 400 Meter Freistil aktuell qualifiziert, würde die Teilnahme über die 800 Meter aber um einen Rang verpassen.

Dass die nationalen Titelkämpfe überhaupt durchgeführt werden sollen, ist allerdings heftig umstritten. Insbesondere die Terminierung sorgt für Kritik. Denn ein Nachwuchsschwimmer, der nicht Mitglied eines Landeskaders ist, darf derzeit überhaupt nicht in die Schwimmhalle und hat folglich keine Möglichkeit, sich zu qualifizieren. Und selbst wenn er die Leistung schon erbracht hätte, so könnte er sich nicht auf die DM vorbereiten.

Matthias Fritzke kann die Einwände nachvollziehen – allerdings würde durch eine Absage oder Verschiebung auch den Kaderathleten eine große Chance genommen, argumentiert er: nämlich sich für andere Großveranstaltungen wie die Jugend-Europameisterschaft zu qualifizieren, die vom 6. bis zum 11. Juli in Rom stattfindet. Zudem findet der WSF-Vorsitzende, dass der deutsche Schwimmverband, der nun unter Beschuss steht, weil er die Jugend-DM durchführen will, nicht der richtige Adressat für die Kritik ist. Diese sollte sich seiner Meinung nach vielmehr an die Landesregierungen richten, die die Bäder für Vereine und (Schwimm-)Schulen noch nicht freigeben wollen. „Mit einem durchdachten Hygienekonzept wäre eine Öffnung möglich“, sagt Fritzke. Er verweist auf ein Übersichtspapier der Doktorin Pamela Klotti-Franz aus St. Ingbert, die unter dem Titel „Die Rolle von Schwimmbädern in der Corona-Pandemie“ internationale Studien gesammelt und Daten der Bundes- und Landeskader der Deutschen Triathlon-Union, des Deutschen Schwimmverbandes, der DLRG sowie der Saarländischen Triathlon-Union und des Saarländischen Schwimmbundes ausgewertet hat. Während die Studien wie die des Massachusetts Institute of Technology belegten, dass Chlor die Viren im Wasser unschädlich macht, zeigten die Daten, dass unter den 148 saarländischen Landeskaderathleten, die an der Sportschule in Saarbrücken unter strengen Hygieneregeln ihr Training wieder aufnehmen durften, kein einziger Corona-Fall bekannt ist, der auf das Training zurückzuführen sei.

Der Südwestdeutsche Schwimmverband hatte jüngst sogar eingeräumt, dass das Schwimmtraining an sich kaum gefährlich ist. Kritische Infektionstreiber seien aber die Anreise, die Umkleiden und der Weg zum Becken. Eine Argumentation, der Fritzke nicht folgen mag. „Umziehen kann man sich am Beckenrand – und dann bleibt jeder auf seiner Bahn. Das kann doch kein unlösbares Problem sein.“

Ob die Bäder ihre Pforten überhaupt öffnen würden, wenn es denn erlaubt wäre – oder ob sie aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten darauf verzichten, wenn lediglich Vereine und Schwimmschulen zugelassen wären – sei zwar eine ganz andere Frage, sagt der WSF-Vorsitzende. „Aber ich bin mir sicher – wenn der Wille wirklich da wäre, hätte man eine Lösung gefunden.“ Diesen Willen sieht Fritzke zumindest bei der Stadt Zweibrücken. „Dort wurden wir immer zu 100 Prozent unterstützt. Es wurde alles getan, was machbar war“, lobt er. Zum Beispiel als es darum ging, das Hofenfelsbad für die WSF-Kaderathleten zu öffnen.

Neben der Hilfe durch die Stadt setzt Fritzke seine Hoffnungen auch in die Impfungen, die mit dem Einbeziehen der Hausärzte Fahrt aufgenommen haben. „Über 650 000 Menschen sind letzten Freitag geimpft worden. Das ist in Verbindung mit dem wärmeren Wetter ein Lichtblick“, sagt der WSF-Vorsitzende.

Er wünscht sich endlich eine Perspektive. Für den Breitensport. Für den Leistungssport. Vor allem für Schwimmanfänger. Aber auch für sich persönlich: „Wenn die Sonne scheint, wäre es schön, im Sommer einfach mal wieder ins Freibad gehen zu können.“ Mit Matthias Fritzke hoffen derzeit sicher zahlreiche Schwimmer in Deutschland. Darauf, dass sie bald nicht mehr auf dem Trockenen sitzen. Darauf, dass ihnen diese vermaledeite Möhre nicht schon wieder unter der Nase weggezogen wird.