Zweibrücker Triathlet Oliver Spurzem „Grundaggressivität“ pünktlich zur WM zurück

Zweibrücken/Nizza · Das Fluchen und Leiden ist programmiert. Obwohl Oliver Spurzem die von Hawaii nach Nizza verlegte Langdistanz-Weltmeisterschaft der Triathleten nicht als die echte WM ansieht, geht der Zweibrücker das Rennen am Sonntag zielstrebig an.

Noch entspannt bei den letzten Trainingseinheiten in Nizza: Beim WM-Rennen am Sonntag wird das bei Oliver Spurzem anders aussehen.

Noch entspannt bei den letzten Trainingseinheiten in Nizza: Beim WM-Rennen am Sonntag wird das bei Oliver Spurzem anders aussehen.

Foto: Spurzem/Privat

Das Gefühl ist einfach ein anderes. Die Region ist schön, die Strecke anspruchsvoll und auch das Wetter spielt mit. Aber Nizza ist eben nicht Hawaii. Und so hat auch die erstmals an der französischen Côte d‘Azur ausgetragene Ironman-WM der Männer einfach einen anderen Charakter. Fünf Mal hat sich Oliver Spurzem bereits erfolgreich den Qualen auf der mystischen Pazifikinsel gestellt. Fan von der Verlegung des Rennens nach Europa ist der Zweibrücker Triathlet nicht gerade. „Zumindest war es aber ausnahmsweise mal warm, als ich aus dem Flieger gestiegen bin – was ich in diesem Jahr noch sehr selten erlebt habe“, erklärt er.

Zudem kann Spurzem das Rennen am Sonntag über die insgesamt 226 Kilometer (3,86 schwimmen, 180,2 auf dem Rad, 42,195 laufen) ohne großen Druck angehen. Denn eigentlich hatte er diese WM in diesem Jahr gar nicht auf dem Plan. Nach der so kräftezehrenden wie erfolgreichen Saison 2022, in der der Zweibrücker neben dem Altersklassensieg beim Ironman im schweizerischen Thun und Platz zwei beim Ironman in Sacramento endlich auch die ersehnte Zehn-Stunden-Marke (9:38 Std.) auf Hawaii knacken konnte, wollte er die Strapazen rund um die WM auf der Vulkaninsel 2023 auslassen. Der 46-Jährige verzichtete zunächst auf seinen Startplatz. Nach der Verlegung nach Nizza kamen nachträglich allerdings nochmal Einladungen – und Spurzem nahm diese an. Der Ironman France, der ebenfalls in Nizza ausgetragen wird, „stand sowieso auf meiner To-do-Liste. Nicht unbedingt für dieses Jahr, aber jetzt ist es eben so gekommen. Die WM nehme ich nun mit“.

Allerdings gehe der Zweibrücker das Rennen nicht wie eine Weltmeisterschaft an. „Für mich zählt das alles nicht wirklich. Natürlich ist die Strecke an sich härter als Hawaii. Auf dem Rad haben wir 1000 Höhenmeter mehr. Dafür sind Hitze und Luftfeuchtigkeit, das Drumherum hier nicht dasselbe“, betont Spurzem. „Klar ist es eine herausragende Leistung, wenn du hier Weltmeister wirst, aber es ist eben nicht DIE Weltmeisterschaft.“ Natürlich gehe auch er dennoch gewohnt zielstrebig an den Start. „Ich habe auch Bock zu racen und eigentlich habe ich auch Bock, eine vordere Platzierung zu machen“, erklärt der Stabsfeldwebel des Fallschirmjägerregiments 26. „Wie das aber auf der Strecke dann tatsächlich aussieht, werde ich erst im Rennen merken.“

Immerhin fühlt sich Spurzem kräftemäßig wieder auf dem Damm. Knapp zwei Wochen nach der Halbdistanz-WM in Finnland. „Ich habe mich die Woche nach Lahti nicht gut gefühlt. Da war ich sehr schwach. So ein Regenrennen kostet ganz schön Körner“, erzählt der ehrgeizige Athlet, dass er sich auch mit leichtem Husten und Schnupfen plagte. „Es kam nicht richtig raus, aber der Körper war schon im Arsch.“ Erst am vergangenen Samstag habe er wieder richtig trainieren können. „Da hatte ich auch wieder Spaß“, ist er nun guter Dinge für Nizza. Wenn er auch mit der Ansetzung der zwei Weltmeisterschaften so kurz hintereinander hadert. „Ironman hat das wirklich dumm gelegt.“ Spurzem sei ja nicht der einzige, der an beiden Titelkämpfen teilnimmt. „Die Leistungsdichte bei uns ist klein. Die, die sich für Hawaii oder jetzt Nizza qualifizieren, die qualifizieren sich in der Regel auch für die Mitteldistanz. Ich habe schon ein paar Namen gelesen, die hier wieder am Start sind.“

Doch nicht nur ein Teil der Konkurrenz ist dem Zweibrücker bekannt, auch der Ort des Geschehens ist für ihn nicht neu. 2019 war er schon einmal in Nizza. Damals zur Halbdistanz-WM. „Ich kenne mich hier schon aus.“ Und seine Erfahrungen kann er nicht nur auf der Strecke, sondern auch in der Wahl der Unterkunft, der Trainingsstätten einfließen lassen. „Ich wohne hier sehr weit oberhalb der Stadt.“ Fernab des Zentrums. „Du hast hier diesen ganzen Zirkus nicht“, sagt Spurzem und fügt lachend an: „Und du bekommst einfach einen Parkplatz – in Nizza ist das ja ein Drama.“

Respekt hat der 46-Jährige vor dem Rennkurs, der nur in Teilen dem der damaligen Halbdistanz entspricht. „Ein ganz kleines bisschen davon ist mit drin.“ Das Schwimmen im Mittelmeer vom Stadtstrand aus sowie die abschließende Marathonstrecke auf der „Promenade des Anglais“ sind einfach nur länger. Anders verläuft die Radstrecke. „Der 14 Kilometer lange Anstieg ab Kilometer 40 ist in der kürzeren Distanz nicht dabei gewesen“, blickt er gespannt auf den anspruchsvollen Radparcours über 180 Kilometer mit über 2400 Höhenmetern. Der auch etwas von dem jährlich ausgetragenen Ironman France abweicht. „Man fährt 30 Kilometer relativ flach zu dem Berg hin.“ Dann geht es lange steil hinauf. „Es ist gut, dass der Anstieg recht weit am Anfang liegt. Nach 50, 60 Kilometern ist das Schlimmste eigentlich rum.“ Allerdings sei dieser Berg nicht zu verachten. „Da kann man sich schon den Zahn ziehen. Da werde ich ganz schön leiden müssen“, schätzt Spurzem, und schiebt hinterher: „Aber es ist eigentlich echt schön da hoch. Mit dem Ausblick, du kommst an einem Wasserfall vorbei und auch die Abfahrt ist eigentlich gut zu fahren. “ Für all das wird er im Rennen allerdings kaum einen Blick haben. Nicht nur aufgrund seines Fokus. „Ich habe das Problem, dass ich wieder das ganze Feld vor mir habe. Da komme ich auf die Radstrecke und die ist voll“, hadert Spurzem mit dem Startprozedere, nach dem seine gesamte Altersklasse als letzte ins Wasser gehen wird. „Ich werde nur fluchen, weil ich vor mir die ganzen langsamen ‚Omas‘ habe“, prophezeit er und fügt erklärend an: „Ich kann da ja dann nicht hineinrasen und fahren wie ich will“, ärgert er sich, dass die Startgruppeneinteilung nicht nach Qualifikations- oder Schwimmzeiten erfolgt ist. „Aber das hat Ironman jetzt halt so festgelegt. Heißt für mich: Mehr Wind, beim Laufen steht die Sonne schön oben und die Strecke ist einfach voll.“

Und länger Schlafen ist für Spurzem auch mit dem späteren Start nicht drin. „Ich muss am Morgen einmal für den Radcheck in die Wechselzone, die dann zu macht.“ Vor dem Start der Profis (6.50 Uhr/HR). „Das heißt, ich muss früh da sein, und dann habe ich zwei, drei Stunden nichts zu tun.“ Außer darauf zu achten, dem Körper ausreichend Energie zuzuführen und die Muskeln am Einschlafen zu hindern. „Das ist nicht geil.“

Mit welcher Zielsetzung Spurzem in die eigentlich nicht eingeplante WM geht, ist für ihn selbst schwer zu sagen. Klar wolle er möglichst weit vorne landen in seiner Altersklasse (M45 - 49). „Ob ich attackiere oder nicht, muss ich sehen. Ich muss kurz nach dem Radfahren, für das ich sicher 5:30 Stunden und damit mindestens 30 Minuten länger brauche als sonst, nochmal schauen, wie es mir geht“, erklärt er. Die abschließende Laufstrecke an sich an der Promenade entlang sieht „ganz einfach“ aus, sagt Spurzem lachend. „Fünf Kilometer hoch und fünf runter. Das ist flach, da musst du nur laufen.“ Und das ganze vier Mal. Über 42 Kilometer. „Das einzige, was dich hier quälen kann, ist die Sonne. Aber nachmittags kommt hier immer ein kühlender Wind. Ganz anders als auf Hawaii. Das wird sicher angenehmer.“ Irgendwann aber komme immer der Punkt, an dem die Energie schwindet. „Es muss einfach der Tag sein. Wenn er es ist, dann ist es gut. Wenn nicht, eben nicht“, versucht er locker zu bleiben.

Prinzipiell sei nun wichtig, dass nach dem Kräfteverlust in Lahti „die Grundaggressivität wieder da ist. Darüber bin ich happy, denn die brauche ich“, geht Oliver Spurzem daher mit einem guten Gefühl in seine sechste Langdistanz-WM. Die erste in Nizza.

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