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Triathlon: 2022 war für Oliver Spurzem ein unfassbar erfolgreiches Jahr

Triathlet Oliver Spurzem : Ein Jahr zum Luft holen – voraussichtlich

Die Saison 2022 war für Oliver Spurzem die erfolgreichste seiner Karriere. Die den Triathleten aus Zweibrücken allerdings auch unglaublich viel Kraft gekostet hat. Nach einem kleinen Durchhänger befindet er sich nun bereits wieder in der Vorbereitung auf die kommenden Aufgaben. Zu denen Hawaii 2023 nicht gehört. Unerwartet könnte die Ironman-WM dennoch in den Wettkampfkalender rücken.

Mit einem zufriedenen Lachen im Gesicht blickt Oliver Spurzem auf das abgelaufene Jahr zurück. Das sportlich das erfolgreichste seiner Karriere war. Eines, von dem der Triathlet aus Zweibrücken „lange geträumt“ hat. Mit dem Altersklassensieg (M45 – 49) beim Ironman im schweizerischen Thun, dem Knacken der ersehnten Zehn-Stunden-Marke im fünften Anlauf bei der Langdistanz-WM auf Hawaii (9:38 Std.) und Platz zwei beim Ironman California in Sacramento nur zwei Wochen später als Höhepunkte. Manchmal wirkt Spurzem so, als könne er selbst nicht fassen, was ihm da alles gelungen ist. Und doch weiß er auch genau, was er seinem Körper dafür abverlangt hat.

Nach der Rückkehr aus den USA Ende Oktober sei er „in ein Loch gefallen“. Physis und Psyche haben eine Pause gebraucht. Ein Gefühl, dass der ehrgeizige Sportler so nicht kannte. Dieser Versuch, auf der Pazifikinsel endlich unter zehn Stunden zu bleiben, „hat schon echt Körner gekostet“, erzählt der 45-Jährige im Rückblick und fügt an: „Das hat so viel Kraft aus mir rausgesaugt, wie in den ganzen Jahren vorher nicht. Das musste ich mir echt eingestehen.“ Das akribische Vorbereiten auf dieses eine Rennen seit seinem letzten Hawaii-Start 2019, die vollgepackten Trainings- und Wettkampfkalender haben ihre Spuren hinterlassen. Haben sich aber auch gelohnt.

Und natürlich wolle Spurzem an diese Erfolge anknüpfen. „Aber ich forciere es nicht mehr so krass. Ich habe mich jetzt bewiesen auf Hawaii. Deutlich. Das Ding ist durch“, erklärt der Zweibrücker, der nicht wisse, ob er nochmal mit der gleichen Ambition nach Hawaii fahren kann. „Es ist einfach nicht so, dass ich sage: Jetzt will ich aber unbedingt die 9.30 Stunden. Momentan ist mein Kopf noch gar nicht da“.

Erst kurz vor Weihnachten habe er locker wieder das Training aufgenommen. Sein Körper hatte ihn nach den Wettkampf- und Reisestrapazen „schön auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt und mir gezeigt, dass das mit dem Leistungssport zwar geil ist. Aber dass du, je schneller du sein willst, umso krasser zu deinem Körper sein musst“. In den ganzen Jahren zuvor habe der Zweibrücker, der an diesem Mittwoch seinen 46. Geburtstag feiert, Reserven zurückgehalten. „Ich habe eigentlich nie all-out gemacht. Auch wenn sich das jetzt komisch anhört.“ Er habe immer noch die Möglichkeit gehabt, mit der Energie zu haushalten, damit er nicht vollkommen zerstört ist. „Aber jetzt in Hawaii habe ich einmal alles rausgeholt.“ Das, was ihm dann wohl vollkommen das Genick gebrochen habe, sei der Ironman California zwei Wochen später gewesen. Seine dritte Langdistanz der Saison. „Von den Zeiten her war der nochmal ähnlich. Das Krasse war, dass ich in der Top 20 rumgeturnt bin und es so viele Abschnitte gab, auf denen kein Mensch war.“ Den Marathon sei er fast alleine gelaufen. Kein Konkurrent, kein Zuschauer. „Sehr einsam war das. Das hat mich nochmal links gemacht.“

Und doch bereut er das umfangreiche, kraftraubende Programm keinesfalls. „Es war aus sportlicher Sicht das beste Jahr überhaupt für mich. Es hat wirklich vieles gepasst“, erklärt Spurzem. „Ich weiß aber auch, was ich dafür machen musste. Das kommt ja nicht von nichts.“ Zum einen sind da die ganzen Jahre voller Entbehrungen zuvor, die er schon auf hohem Niveau trainiert hat, zum anderen habe er jetzt kapiert, wie das mit dem Training funktioniert. „Auf was ich alles achten, was ich beim Radfahren umstellen muss. Das ist das Zünglein an der Waage.“ Das Schwimmen und Laufen sei noch nie das große Problem gewesen. „Aber das Radfahren.“

Beim Ironman in Thun feierte Oliver Spurzem mit dem Altersklassensieg seinen bis dahin größten Erfolg.
Beim Ironman in Thun feierte Oliver Spurzem mit dem Altersklassensieg seinen bis dahin größten Erfolg. Foto: Privat

Doch auch das akribische Arbeiten an der ungeliebten Disziplin hat sich 2022 ausgezahlt. Bei dem Rückblick auf all die Erfolge sticht einer besonders heraus: „Da ich an Hawaii schon so lange dran hänge, erinnere ich mich an den Moment super gerne zurück“, erzählt Spurzem, der 2014 erstmals bei der WM auf der Vulkaninsel dabei war, vom Überqueren der Ziellinie. „Es war einfach das perfekte Rennen – obwohl es das für mich zwischenzeitlich gar nicht war“. Denn in dem großen Starterfeld hing er auf der Radstrecke lange in einer Gruppe drin, kam nicht weg. „Ich musste irgendwann überholen wie irre, was mich richtig gestresst hat.“ Aber der Plan ging auf. Und auch in Thun auf dem Podest ganz oben zu stehen, „das hatte schon was.“ In Sacramento wurde Spurzem nochmal Zweiter. „Das ist ja auch nicht schlecht“, sagt er lachend und fügt an: „Es ist schon gut gelaufen dieses Jahr – alles.“ Dazu gehören auch Platz elf bei der Militär-WM in Spanien, Platz eins bei der Mitteldistanz in Maxdorf sowie Platz zwei über ebendiese Strecke beim 70.3-Ironman im Kraichgau. „So viele Podiumsplätze bei wichtigen Wettkämpfen, gerade international, habe ich noch nie gehabt.“

So kann sich zum Jahresabschluss auch der Blick auf das Iroman-Ranking sehen lassen. Weltweit ist Spurzem 2022 unter allen 160 534 Ironman-Athleten auf Platz 24 gelistet, in der Altersklasse M45 bis 49 auf Rang zwei von 18 859 Sportlern. Deutschlandweit führt er das Ranking bei 995 Startern sogar an. Unter allen deutschen Ironman-Athleten liegt der Zweibrücker auf Platz drei. „Das hätte ich wirklich nie gedacht. Davon bin ich total geflashed“, erklärt Spurzem, der sich diese Entwicklung 2006, als er seine erste Sprintdistanz absolvierte, „nie hätte vorstellen“ können. „Und ich muss sagen: Das wird schwer, daran anzuknüpfen.“

Demotivierend wirkt diese Tatsache auf Spurzem allerdings nicht. Vielmehr sieht er das als neue Herausforderung. „Ich mach‘ mir da nicht so einen Kopf.“ Zumal er die vor ihm liegende Saison ohnehin als eher „unspektakulär“ ansieht. „Ohne ganz große Dinge. Natürlich sind ein paar Highlights dabei. Aber es wird ein normales Triathlon-Jahr.“ Den Auftakt macht Anfang Mai die Militär-WM im französischen Brive-la-Gaillarde. Dort startet der Stabsfeldwebel des Fallschirmjägerregiments 26 über die Olympische Distanz und den Supersprint. Knapp zwei Wochen später geht es dann erneut nach Frankreich. Am 21. Mai nimmt Spurzem die Halbdistanz in Aix-en-Provence in Angriff. „Es ist der erste Versuch, die Quali für die Mitteldistanz-WM zu schaffen“, erklärt er. Diese findet am 27. August im finnischen Lathi statt. Zuvor bestreitet Spurzem am 18. Juni die Langdistanz im österreichischen Klagenfurt. Auf der an Höhenmetern reichen Strecke stellte er 2016 in 9:16 Stunden für die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 auf dem Rad und 42,2 auf der Laufstrecke eine neue Bestzeit auf. Die er nur ein Jahr später in Frankfurt (9:14 Std.) nochmal toppte. Der Juli ist noch offen, eventuell schiebt er einen weiteren Slotversuch für Finnland ein, sollte es im ersten Anlauf nicht klappen. Auch im September ist noch nichts geplant. Da könnte allerdings überraschenderweise noch eine WM-Teilnahme folgen.

Denn die Ironman-Veranstalter haben beschlossen, die Männer-WM 2023 nicht an ihrem Geburtsort Hawaii auszutragen. Das Brechen mit der Tradition hat für einen Aufschrei gesorgt. Auch Spurzem zeigt sich davon wenig begeistert. Nicht nur, weil er nach Platz zwei in Sacramento nein zu seinem Hawaii-Startplatz gesagt hat, da er die Strapazen nur im Zwei-Jahres-Rhythmus auf sich nehmen will. „Ich bin fein damit. In Sacramento war es die richtige Entscheidung. Jetzt ärgere ich mich nur, weil man als qualifizierter Athlet nun, wo feststeht dass, die WM nicht auf Hawaii stattfinden soll, den Slot auf 2024 schieben kann. Damit hätte ich mir die stressige Quali dafür sparen können.“

Noch in diesem Monat will der Veranstalter bekanntgeben, wo und wann die WM stattfinden soll. Gerüchten zufolge ist Nizza ein heißer Kandidat. Auch St. George (USA), wo bereits in der Coronazeit eine WM ausgetragen wurde, wird genannt. Sollte es tatsächlich Europa werden, geriete Spurzems Entscheidung, in diesem Jahr nicht bei der Langdistanz-WM zu starten, nochmal ins Wanken. „Es kommt einfach darauf an, wo es ist. Amerika, weiß ich nicht. Wenn es Europa wird, dann ist die Chance groß, dass ich ja sage.“

Obwohl das für den Zweibrücker dann „kein echtes WM-Rennen“ wäre. „Das findet zwar unter dem WM-Logo statt, aber die Weltmeisterschaft ist für mich Hawaii. Fertig. Dort ist es wie nirgends anders. Wer in diesem Jahr dort gewinnt, ist einfach ein Ironman.“ Auch er selbst würde nicht mit der gleichen Ambition reingehen wie in Kona. „Wer nun Weltmeister wird, ist nicht auf Hawaii Weltmeister. Das sind die, die es drauf haben. Dort wiegt der Sieg viel mehr“, betont Spurzem, dass er die Entscheidung von Ironman für „inakzeptabel“ hält. „Ich war bis jetzt noch nirgends auf der Welt, wo ich es klimatisch hätte mit Hawaii vergleichen können. Von der Schwierigkeit her ist Lanzarote ähnlich. Aber die klimatischen Bedingungen sind nochmal etwas ganz anderes. Da ist Hawaii echt die Hölle.“

 In Sacramento feierte der Zweibrücker Platz zwei – und sagte nein zum Hawaii-Slot für 2023.
In Sacramento feierte der Zweibrücker Platz zwei – und sagte nein zum Hawaii-Slot für 2023. Foto: Privat

Auch deshalb weiß er, „dass mein Jahr nicht das gleiche Level haben wird. Es gibt einen Ironman – vielleicht einen zweiten. Aber der eine in Klagenfurt ist fix. Das ist auch vom Reisestress nicht so enorm. Ich kenne die Strecke, und weiß, was mich erwartet“, erklärt Spurzem. Wenn er in Österreich schon auch seine Bestzeit forcieren werde.

Dazu liege im Training der Schwerpunkt nun wieder etwas mehr auf dem Laufen. „Da habe ich gemerkt, dass ein bisschen was runtergefallen ist durch die Fokussierung auf das Rad.“ Doch auch das Radpensum wolle er beibehalten. „Dann ist der Tag schnell wieder voll“, sagt der 45-Jährige, dass die Motivation mittlerweile wieder zurück ist. Nach den ersten lockereren Wochen mit nur ein, zwei Einheiten täglich ging es am Montag ins erste Trainingslager nach Mallorca. „Das hilft mir reinzukommen“, erklärt Spurzem. Ebenso wie seine neue Schwimmbrille, bei der Workouts und Daten direkt per Display auf dem Brillenglas angezeigt werden. So fährt er das Pensum nun langsam wieder hoch.

 „Wenn ich zu früh zu viel mache, habe ich im Mai schon keinen Bock mehr. Das muss ich zurückhalten“, erklärt Spurzem, der das neue Jahr sehr entspannt sieht. „Das ist ein bisschen zum Luft holen – für Hawaii 2024.“ Zumal er schätzt, „dass das Qualiverfahren dafür schwieriger wird“. Denn er könne sich kaum vorstellen, dass all diejenigen, die für 2023 qualifiziert sind, sich die Chance auf Hawaii nehmen lassen – „die werden alle auf 2024 umschreiben“. Zudem gebe es immer noch Athleten aus den Corona-Jahren, die den WM-Start auf 2024 geschoben haben. „All diese Slots, sicher um die 800, sind somit schon weg“, blickt der Zweibrücker auf die kommende schwierige Mission voraus.

Und obwohl 2023 ein Jahr zum Akkus aufladen werden soll, weiß auch Spurzem selbst, wenn er dann im Wettkampfmodus ist, „dann geht es bei mir nicht unmotiviert, normal ist da nicht.“ Dann heißt es Vollgas geben und das letzte aus dem Körper herausholen. Um dann auch auf das eher „unspektakuläre“ Triathlon-Jahr zufrieden zurückblicken zu können.