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Trainingskonzept für VTZ-Tunerinnen steht

Gerätturnen bei der VT Zweibrücken : „Sobald das Go kommt, sind wir in der Halle“

Alle Wettkämpfe für das Jahr 2020 sind abgesagt – und doch hoffen die Turnerinnen der VT Zweibrücken, bald wieder an ihre Geräte zurückkehren zu können. Wenn auch mit besonderen Herausforderungen.

Balancieren über Mauern, ein bisschen Trampolinspringen und Video-Challenges. Ganz ohne ihren Sport müssen die Gerätturnerinnen der VT Zweibrücken in der Corona-Pause nicht auskommen. Und doch fehlt der elementare Bestandteil: Training und Wettkämpfe an den Geräten in der Halle. Und das seit nun elf Wochen.

„Das ist schon hart. Gerade die Kinder leiden darunter“, betont Sonja Rayer, Turn-Abteilungsleiterin und Trainerin der VTZ. Nach dem Lockdown im März war es auch für sie selbst etwas „erschreckend, plötzlich hatte man Zeit.“ Doch so wie die Sportlerinnen diese für ihr individuelles Training genutzt haben, haben auch die Trainerinnen um Sonja Rayer und Birgit Geib-Becker die Phase genutzt, um sich an der frischen Luft zu bewegen.

Und so sehr das Üben an Stufenbarren, Boden, Balken und Sprungtisch auch fehlt, so hätten die Kinder heute Zuhause oft doch ganz andere Möglichkeiten „als wir früher“, sagt Rayer. Viele hätten ein Trampolin im Garten, sogar Matten und Turnstangen. So können Grundübungen fürs Gleichgewicht, Handstand, Abrollen problemlos auch in den eigenen vier Wänden oder draußen geübt werden. „Ich bin früher auf der Kante des Bürgersteigs oder auf dem Treppengeländer balanciert“, erzählt Rayer lachend. Das habe zwar nichts mit der exakten Ausführung der Balkenelemente zu tun, fürs Gleichgewicht sei es dennoch gut.

Große Trainingspläne haben die VTZ-Trainerinnen ihren Gruppen keine erstellt, gerade die Älteren seien individuell für ihr Üben verantwortlich. „Es wusste zu Beginn ja niemand, wie lange das so gehen wird“, erklärt Sonja Rayer. „Meine ganz Großen, die über 18-Jährigen, habe ich schon mal gefragt, was sie so machen.“ Die Rückmeldung: Sie trainieren nach eigenen Plänen. Joggen, Krafttraining, Dehnen und Turn-Basics stehen auf dem Programm. Auch bei den Online-Sportangeboten der VTZ hatten sich einige angemeldet. Den Kleineren haben die Übungsleiterinnen Videos der holländischen Vereinigung „Kleuren Turnen“ empfohlen. „Die machen wirklich tolle Sachen – normalerweise natürlich mit Geräten in der Halle. Aber wir haben uns angeschaut, was auch Zuhause machbar ist, mit Einbindung der Couch oder von Alltagsgegenständen“, sagt die Gerätturn-Fachwartin beim Westpfalz-Turngau. „Wir haben Videos unserer Turnerinnen bekommen, wie sie das Wohnzimmer für ihre Übungen umgeräumt haben“, sagt Rayer lachend.

Zudem haben zwei der jüngeren Trainer in den WhatsApp-Gruppen zu zwei Challenges aufgerufen. Die Zwölf- bis 16-Jährigen sollten überlegen, was sie besonders gut können, ihre Stärken per Video präsentieren – und die anderen herausfordern, das zu toppen. Nach zögerlichem Beginn hätten viele mitgemacht „und es sind schöne Battles entstanden“. Die Kleineren erhielten die Aufgabe, auf Musik eine eigene Bodenübung zu kreieren. „Dabei kam es nicht auf den Schwierigkeitsgrad an, sondern auf die Gestaltung mit der Musik.“ Die Jury – bestehend aus den beiden Trainern – hat den Sieger gekürt. „Das war schön anzusehen.“ Die „normalen“ Einheiten an den Geräten kann all das jedoch nicht ersetzen.

Wann genau es zurück in die Halle gehen wird, kann Rayer – auch nach der grundsätzlichen Erlaubnis durch die neueste Corona-Verordnung – nicht sagen. „Wir hatten gehofft, diese Woche starten zu können.“ Doch die Stadt Zweibrücken prüft noch, wann eine Öffnung der Sporthallen – zumindest der, die nicht für Schulunterricht benötigt werden – wieder möglich sein wird. Das Trainingskonzept von Sonja Rayer, mit Beachtung sämtlicher Hygienemaßnahmen und Abstandsregeln „steht seit der vergangenen Woche“. Derzeit heißt es Abwarten, ob Stadt und Verein dieses absegnet. „Wir stehen Gewehr bei Fuß. Sobald das Go kommt, stehen wir in der Halle.“

Der Deutsche Turner-Bund habe schon früh Statuten herausgebracht, in welcher Form Training durchgeführt werden könne. So soll die Gruppe so klein wie möglich gehalten werden. „Unser Plan wäre es, mit fünf Kindern in einer 300 Quadratmeter großen Halle zu starten, pro Gruppe wäre nur ein Trainer zuständig, damit es dort keine großen Wechsel gibt.“ Der Abstand solle so groß wie möglich gehalten werden, auch für das Waschen beziehungsweise desinfizieren von Händen und Füßen – „wir turnen ja barfuß“ – sei gesorgt. Schwieriger würde es, alle Geräte, wie Balken und Barren, die das nicht so gut vertragen, zu desinfizieren. Und eine weitere „Herausforderung“, neben dem gemeinsamen Aufbau der oft schweren Geräte mit Masken und ausreichend Abstand, die Rayer für das Training sieht: „Wir dürfen ja wegen der Abstandsregeln keine Hilfestellung geben.“ Nur im Notfall dürften die Übungsleiter dazwischenspringen. „Wir müssen uns überlegen, wie und mit welchen Aufbauten wir Elemente üben können, ohne die Turnerinnen angreifen zu müssen.“ Gerade bei den Allerkleinsten sei das schwierig, macht Rayer klar. Bei den größeren Turnerinnen sei häufig die psychologische Hilfestellung, sozusagen das Händchenhalten durchs Nebendranstehen, wichtiger.

Gespannt ist Sonja Rayer nicht nur, wie „diese sicher andere Form des Trainings“ dann umgesetzt wird, sondern auch, in welchem körperlichen Zustand ihre Mädels in die Halle zurückkehren werden. „Viele sagen, sie seien fitter als zuvor, weil sie so viel Zeit zum Trainieren hatten.“ In den ersten Einheiten, so prophezeit die VTZ-Trainerin, werden einige sicher dennoch bitter leiden. Etwa am Stufenbarren. „Die werden erst mal einen schönen Muskelkater haben.“ Angst, dass komplexe Bewegungsabläufe verloren gegangen sein könnten, hat Rayer nicht. „Ich bin natürlich gespannt, ob sie am Stufennbarren noch kippen können. Aber die Elemente, die die Turnerinnen gut konnten, sind noch da.“ Diese Automatismen gingen über einen solchen Zeitraum nicht verloren. Wenn dann eher die Sicherheit in der Ausführung. „Aber ich bin auch ein sehr pedantischer Trainertyp“, bekennt Sonja Rayer. „Ich will die Elemente so nah an der Perfektion wie nur möglich.“ Dementsprechend viele Wiederholungen hätten die Mädels absolviert. „Schwieriger wird es für die Mädchen, die sich im Wachstum befinden. Da wird es spannend, ob der Körper, noch alles so mitmacht wie gewohnt.“

Dass die Turnerinnen bei der Rückkehr in die Halle nicht wissen, auf welchen Wettkampf sie eigentlich hin arbeiten, findet Rayer erstmal weniger dramatisch. „Zu Beginn werden Ehrgeiz und Grundmotivation erst mal groß sein, wieder an die Geräte zu dürfen.“ Schwindet diese, „liegt es an uns Trainern, sie bei der Stange zu halten“. Auf der anderen Seite seien die Wettkämpfe für die Turnerinnen und Trainerinnen der Lohn für ihre Arbeit. Wenn sich Erfolge einstellen, Leistungen gelingen, die sie im Training vielleicht noch nicht geschafft haben. „Diese Belohnungen fehlen in diesem Jahr.“ Denn nicht nur die Einzel-Pfalz- und Rheinland-Pfalz-Meisterschaften im Mai und Juni sind abgesagt, auch die Mannschaftswettbewerbe im Herbst sind bereits gecancelt. „Es wird das gesamte Jahr über keine Wettkämpfe geben“, erklärt die VTZ-Trainerin. „Meiner Meinung nach die richtige Entscheidung.“ Zum einen habe derzeit nicht jeder Verein die gleichen Voraussetzungen. Zudem sei es nicht ratsam, ohne großes Training gleich wieder in die Wettkämpfe zu starten. Rayer hätte nichts dagegen, auch danach erst in Kleingruppen Wettbewerbe zu turnen.

Ganz und gar nicht klein ist das Internationale Deutsche Turnfest, das für Mai 2021 in Leipzig geplant ist. „Ich bin gespannt, wie das laufen wird.“ Rayer hinterfragt, ob solch eine Großveranstaltung bis dahin sinnvoll ist. Das Deutsche Turnfest ist mit über 80 000 aktiven Teilnehmern und hunderttausenden Besuchern die weltweit größte Wettkampf- und Breitensportveranstaltung. „Ich würde Leipzig natürlich gerne nochmal mitmachen, aber das wäre schon mutig, wenn wir bis dahin keinen Impfstoff haben.“

Doch zunächst warten die Turnerinnen der VT Zweibrücken nun gespannt auf den ersten Schritt Richtung Normalität. Wenn sie endlich wieder zurück an ihre Geräte dürfen.