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SV 64 Zweibrücken: Schritt für Schritt zu neuen Höhepunkten

SV 64 Zweibrücken : Schritt für Schritt zu neuen Höhepunkten

Handballerin Amelie Berger aus Zweibrücken hat ein sportliches Ausnahmejahr hinter sich. Im Sommer wechselt sie zum Bundesliga-Topclub Bietigheim – hat ihren Heimatverein SV 64 Zweibrücken aber nicht vergessen.

Vollständig verarbeitet hat Amelie Berger ihr sportliches Ausnahmejahr immer noch nicht. Die 19-jährige Handballerin aus Zweibrücken wurde 2018 A-Jugendmeisterin mit Bayer Leverkusen, stieß bei der U20-WM in Ungarn mit dem deutschen Nachwuchs ins Achtelfinale vor – und stand zum Jahresabschluss sogar mit Deutschlands Aktiven-Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft in Frankreich auf dem Parkett. „Klar nimmt man das alles wahr. Aber auf einen Höhepunkt folgt im Moment direkt der nächste. Da hat man gar nicht die Zeit, sich zu viele Gedanken zu machen“, sagt Berger und muss schmunzeln.

Und der nächste große Karriereschritt für die Linkshänderin, die bis 2015 für den SV 64 Zweibrücken auflief, steht tatsächlich schon vor der Tür. Nach der Saison wechselt sie von Leverkusen zum amtierenden Vizemeister SG BBM Bietigheim, der derzeit die Bundesligatabelle vor dem Thüringer HC anführt. Die neue Wohnung in Bietigheim – ganz in der Nähe der Sporthalle – ist bereits gefunden, der Umzug nach Württemberg steht Ende Mai auf dem Programm. „Jeden Tag mit international so erfahrenen Spielerinnen trainieren zu dürfen – darauf freue ich mich richtig“,  schwärmt Berger. Mit dem Kopf ganz bei ihrem künftigen Club ist sie aber noch nicht. „Step by step, ein Schritt nach dem anderen“, sagt Berger, für die zunächst der Bundesliga-Endspurt mit Leverkusen und dann die WM-Qualifikationsspiele mit dem DHB-Team gegen Kroatien anstehen.

Bergers Trainerin in der C- und D-Jugend des SV 64 war Dunja Bullacher. „Dass Amelie so durch die Decke geht, habe ich nicht erwartet“, sagt sie, schränkt aber sofort ein, dass man „so eine Entwicklung einfach bei keiner jungen Spielerin erwarten kann“. Allerdings hätten sich damals mehrere andere Talente des Handballverbands Saar auf dem selben Niveau befunden wie Berger. „Heute liegen Welten zwischen ihnen“, meint Bullacher. Ihre Erklärung dafür, dass Berger heute zum Elitekreis der deutschen Handballerinnen zählt: „Amelie war nicht größer als die anderen. Aber willensstark, selbstbewusst und ungemein athletisch. Auch weil sie jahrelang Speerwerfen betrieben hat. Sport war ihr wichtig“, erzählt Bullacher und ergänzt: „Für sie gab es kein ‚vielleicht‘. Amelie war immer im Training: Heute komm ich und morgen mal nicht – so eine Einstellung kam für sie nicht in Frage.“

Die Trainerin, die die B-Jugend-Mädchen des SV 64 betreut, lobt auch ihren Vorgänger auf dieser Position – Martin Schwarzwald, der heute Übungsleiter beim Damen-Zweitligisten TVB Wuppertal ist. Unter ihm habe Berger noch einmal „einen Riesensprung gemacht“. Schon als B-Jugendliche wurde sie in der Oberliga-Mannschaft des SV 64 eingesetzt, bevor sie 2015 mit 16 Jahren nach Leverkusen wechselte. Nur ein Jahr später gab sie dort ihr Bundesligadebüt.

Was ist es für ein Gefühl, den ehemaligen Schützling auf einmal bei einer Europameisterschaft zusammen mit den besten Spielerinnen der Welt auf dem Feld zu sehen: „Klar ist man dann ein bisschen stolz, dass man die Spielerin auf einem kurzen Stück ihres Weges begleiten durfte“, sagt Bullacher.

Auch für Berger selbst war die EM eine einzigartige Erfahrung. „Wenn man die gegnerischen Spielerinnen im Hotel sieht oder ihnen beim Warmmachen gegenübersteht, dann hat man erstmal richtig Respekt“, sagt die Rechtsaußen-Spielerin. Wenn die Partie aber erstmal angeworfen sei, sei auch eine EM-Partie „im Grunde ein Spiel wie jedes andere auch.“ Dass sie von DHB-Bundestrainer Henk Groener, unter dem sie im September 2018 gegen Russland ihr erstes Länderspiel machte, nur rund zwei Monate später als EM-Novizin sofort ihre Spielzeit bekam, bezeichnet Berger als „große Ehre“ Und ergänzt: „Ich kann mich wirklich nicht darüber beschweren, wie es für mich gelaufen ist.“

Ein Höhepunkt der Europameisterschaft sei gleich das erste Gruppenspiel gegen Norwegen gewesen, als Deutschland den Titelkandidaten mit 33:32 in die Knie zwang – und Berger auf Anhieb zwei Tore erzielte. Aber auch die Partien in der zweiten Gruppenphase, die in Nancy ausgetragen wurden, seien unvergesslich gewesen. Denn in die grenznahe Stadt seien zur Unterstützung „so viele Freunde und Familienmitglieder aus Zweibrücken gekommen, dass ich sie gar nicht alle aufzählen kann“, erzählt Berger.

 Mit ihren ehemaligen Zweibrücker Mitspielerinnen, von denen noch viele für die Oberligamannschaft des SV 64 auf dem Feld stehen, stehe sie heute „natürlich“ noch in Kontakt. Und wenn sie in der Heimat ist, besucht sie auch deren Spiele. „Dann habe ich den ganzen Haufen beisammen“, sagt Berger und muss wieder schmunzeln.

Beim SV 64 sei auch der Grundstein für ihre Entwicklung gelegt worden, erklärt die 19-Jährige: „Ohne den Verein wäre ich nicht da, wo ich heute bin.“ Insbesondere lobt sie, dass sie „solange es rechtlich möglich war, mit Jungs zusammen spielen konnte“. Das sei ihr im Hinblick auf Körperhärte und Tempowechsel zu Gute gekommen.

Nationalspielerin Amelie Berger (M) unterstützte ihre früheren Teamkolleginnen vom SV 64 im letzten Dezember im Topspiel gegen Marpingen. Foto: maw/Martin Wittenmeier

Daran, dass Berger sich auch beim Spitzenclub Bietigheim durchsetzen kann, steht für Dunja Bullacher außer Frage: „Warum sollte sie denn nicht? Selbst wenn Amelie nicht gleich jedes Spiel von Anfang an bestreitet – sie ist noch so jung, da kann sie noch viele Entwicklungsschritte machen.“ Das klingt ganz so, als ob 2018 nicht das letzte sportliche Ausnahmejahr von Amelie Berger gewesen sein wird.