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Rüdiger Lydorf, der Trainer der Oberliga-Handballerinnen vom SV 64 Zweibrücken im Merkur-Interview

Interview mit Rüdiger Lydorf : „Es hätte zwingend Absteiger geben müssen“

Der Trainer der Oberliga-Handballerinnen vom SV 64 Zweibrücken ist mit der Saison seiner jungen Mannschaft zufrieden. Die sportliche Wertung der Runde stößt bei ihm aber auf Unverständnis.

Die Oberliga-Handballerinnen vom SV 64 Zweibrücken haben die abgebrochene Saison auf einem starken dritten Platz beendet. Der Merkur sprach mit SV-Trainer Rüdiger Lydorf über die Entwicklung seiner jungen Mannschaft, darüber wie er den Ausbruch des Corona-Virus erlebt hat, welche Bedenken er angesichts der kommenden Saison mit sich trägt – und ob er schon an Handballentzug leidet.

Herr Lydorf, als die Saison in der Handball-Oberliga abgebrochen wurde, lag ihre Mannschaft auf Platz drei, sechs Punkte hinter Spitzenreiter Wittlich, der am letzten Spieltag noch bei Ihnen in Zweibrücken hätte antreten müssen. Ärgert es Sie, dass dem SV 64 die – zugegeben kleine – Chance auf ein echtes Endspiel genommen wurde?

Natürlich hätten wir die Runde gerne zu Ende gespielt. Die Partie gegen Witttlich wäre zum Saisonfinale nochmal ein echtes Schmankerl für unsere Zuschauer gewesen. Egal, ob es dann noch um die Meisterschaft gegangen wäre oder nicht. Vor allem ist es schade für die Spielerinnen, die uns verlassen werden. Ihnen wurde ein richtiger Abschied vom Verein und den Zuschauern genommen. Das ist schon ein Wermutstropfen.

Für den Abbruch der Runde aufgrund der Corona-Pandemie haben Sie aber Verständnis?

Selbstverständlich. Ich bin auch froh, dass die Entscheidung recht früh kam. Sich wie die Fußballer ewig etwas zurechtzuquälen – dafür habe ich wenig Verständnis. Vor dem endgültigen Abbruch hatten wir ja zuerst sechs Wochen Unterbrechung. Danach wieder in den Wettkampf einzusteigen – das birgt auch erhebliche Verletzungsgefahr.

Am 10. März wurde die Partie in der Fußball-Champions-League zwischen RB Leipzig und Tottenham Hotspur noch vor über 40 000 Zuschauern ausgetragen. Wenige Tage später stand die Sportwelt still. Wie haben Sie den Ausbruch des Virus erlebt?

Verhältnismäßig entspannt. Ich arbeite beruflich im Gesundheitswesen und hatte eine Ahnung, was auf uns zukommen kann. Als die Saison unterbrochen war, war ich mir auch zu 95 Prozent sicher, dass gar nicht mehr gespielt werden wird. Die Unterbrechung ist uns rein sportlich gar nicht so ungelegen gekommen. Wir wollten eine Partie wegen personeller Schwierigkeiten verlegen lassen, der Gegner hat sich quergestellt. Dann kam Corona.

Trotzdem hätte es zu diesem Zeitpunkt möglich sein können, dass die Saison wieder aufgenommen wird. Wie haben die Spielerinnen sich fit gehalten?

Ich war mir wie gesagt sehr sicher, dass nicht mehr gespielt werden kann. Außerdem gingen wir damals personell auf dem Zahnfleisch, hatten viele angeschlagene Spielerinnen. Ich habe keinen Sinn darin gesehen, den Mädels große Vorgaben zu machen. Da habe ich auf Eigenverantwortung gesetzt. Jetzt kommt die Phase, in der ich wieder den einen oder anderen Trainingsplan verschicke und wir uns langsam und locker wieder an eine gewisse Belastung gewöhnen wollen.

Ihr Team wies in der abgebrochenen Runde zu Hause eine blütenweiße Weste auf, gewann all ihre Heimspiele. Sind sie darauf stolz – oder ist das nur eine Randnotiz?

Klar, am Ende kann man sich von so einer Bilanz nichts kaufen. Aber wir sind schon stolz auf unsere Heimstärke. Wir haben in den letzten zweieinhalb Jahren nur ein Spiel zu Hause verloren. In der letzten Saison haben wir Meister Marpingen in der Ignaz-Roth-Halle dessen einzige Niederlage zugefügt. In der Saison davor war es mit Mainz fast dasselbe. Die hatten damals glaube ich zwei Spiele verloren.

Auswärts lief es nicht ganz so rund. Es gab mehr Niederlagen als Siege. Woran lag’s?

Wir treten auch auswärts schon besser auf, haben uns da einiges einfallen lassen. Wir haben zum Beispiel bei der HSG Hunsrück gewonnen. Das war einer unserer schönsten Siege. Weil die Mannschaft ähnlich heimstark ist wie wir.

Trotzdem schien der SV 64 in der Fremde gegen die Schwergewichte der Liga oft chancenlos, kassierte in Wittlich, Kandel und Ottersheim deutliche Niederlagen mit sieben bis zehn Toren Differenz . . .

Der naheliegende Grund ist, dass wir uns vor unseren eigenen Zuschauern wie alle Mannschaften etwas leichter tun. Der Rest war eine Mischung aus fehlender Breite und Erfahrung. In Wittlich haben wir bis zur Halbzeit stark mitgehalten, lagen mit einem Tor zurück. Aber Lucie Krein stand kurz vor einer Roten Karte, die habe ich dann vom Feld nehmen müssen. Das war in der Situation kaum zu kompensieren. Daneben darf man nicht vergessen, dass wir die zweitjüngste Mannschaft der Liga haben.

Mit Platz drei in der ersten Saison ohne die ehemalige Spielführerin und Leistungsträgerin Katharina Koch sind Sie sicher zufrieden?

Hätte mir das vor der Saison jemand angeboten, ich hätte sofort unterschrieben. Wir hatten aber auch ein wenig Glück, dass wir kurz vor dem Start der Runde noch eine so starke Spielerin wie Lucy Dzialoszynski verpflichten konnten. Das hat uns extrem geholfen.

Neben der Platzierung war auch die Entwicklung der Mannschaft positiv?

Natürlich. Allen voran der Quantensprung von Annalena Frank. Vom Mauerblümchen zur drittbesten Torschützin der Liga. Das war ein Signal an die Mannschaft, den Verein, an die ganze Liga, was gute Jugendarbeit wert ist. Wir wollen mit dem eigenen Nachwuchs etwas bewegen. Das ist der Weg, den wir auch in Zukunft weiter gehen wollen. Aber auch die anderen Spielerinnen, die aus der Jugend zu uns gestoßen sind, haben einen Riesensprung gemacht. Für Elisa Wagner, Janine Baus und Jasmina Zimmermann war es die erste richtige Saison bei den Aktiven. Und sie haben gesehen, dass sie – bei allen natürlichen Schwankungen in dem Alter – mithalten können. Dass müssen sie nächste Saison nicht mehr beweisen und können mit noch mehr Selbstvertrauen in die Spiele gehen.

Taktisch hatten Sie vor der Spielzeit an der einen oder anderen Stellschraube gedreht. Spielerinnen liefen auf für sie bis dahin ungewohnten Positionen auf, das Deckungsschema wurde verändert. Lief das reibungslos?

Gegen Ende der Vorbereitung waren ich und die Mannschaft uns da noch nicht ganz einig. Wichtig war, dass wir gleich das erste Spiel gegen einen starken Gegner aus Kandel Spitz auf Knopf gewonnen haben. Da haben wir gesehen: Das kann hinhauen. Im Nachhinen würde ich sagen, wir haben viel richtig gemacht. Zumindest war es ein Schritt in die richtige Richtung. Es läuft noch längst nicht alles perfekt, es gibt noch viele Feinheiten, an denen wir arbeiten müssen.

Die Bundesregierung hat Lockerungen für den Freizeitsport beschlossen. Wie lange wird es aber noch dauern, bis bei einem Kontaktsport wie Handball wieder richtig trainiert werden darf?

Das ist ganz schwer zu bestimmen. Ich bin wegen meiner Arbeit relativ nah am Thema Corona dran: Aber selbst unter Fachleuten gibt es ganz unterschiedliche Ansichten. Die einen sagen: ‚Die zweite Welle könnte richtig schlimm werden’. Die anderen sagen: ‚Die Kuh ist vom Eis, das Gröbste haben wir überstanden’. Es gibt einen „Fahrplan“ vom Deutschen Handballbund, der davon ausgeht, dass ab dem 1. Juli im Training wieder Zweikämpfe geführt werden dürfen. Ich glaube aber nicht so recht daran, dass das zu halten sein wird. Ich würde meine Trainingsplanung aber ohnehin nicht an einen Schreiben ausrichten, das Empfehlungen ausgibt, die schon morgen wieder Makulatur sein könnten. Entscheiden tut die Politik. Das macht die langfristige Planung schwierig. Da ist Flexibilität gefordert.

Wie weit lässt sich planen? Oder anders gefragt: Wie sieht der kurzfristige Trainingsplan aus?

Letzte Woche habe ich die ersten Trainingspläne verschickt. In dieser – oder in der kommenden Woche wollen wir wieder in kleineren Gruppen mit Ball trainieren. Das ist schon viel wert. Eventuell können wir auch bald Leistungstests in geschlossenen Räumen durchführen, um den Fitnessstand zu überprüfen.

Wann könnte Ihrer Einschätzung nach die neue Saison beginnen?

Das kann ich wirklich nicht beantworten. Auch weil die Regeln so intransparent sind. Es gibt in den Bundesländern keine einheitlichen Vorgaben. Wir leben in der Bundesrepublik Deutschland, aber irgendwie kocht jeder sein eigenes Süppchen. Was in Rheinland-Pfalz erlaubt ist, ist im Saarland verboten – und umgekehrt. Das kann man teilweise sicher mit unterschiedlichen Fallzahlen erklären, aber manchmal muss ich trotzdem den Kopf schütteln. In der Fußball-Bundesliga wird ja bald wieder gespielt. Das könnte man als positives Signal werten. Ich könnte mir aber auch vorstellen, dass die sich mit dem frühen Start selbst ins Bein schießen.

Ein später Saisonstart könnte verschiedene Ligen vor Probleme stellen. Weil es in der abgebrochenen Runde keine Absteiger gab, gibt es zuweilen mehr Teams in einer Klasse – damit mehr Spieltage. Wie kann man der Situation begegnen?

Dass es keine Absteiger gab, sehe ich unheimlich kritisch. Das war eine Entscheidung, mit der man es allen rechtmachen und niemandem wehtun wollte. Damit sind jetzt zwar alle irgendwie glücklich. Aber man hat das Problem nur verschoben. Klar, das lässt sich für mich leicht sagen, weil wir nicht unten drin standen. Aber meine Meinung ist: Es hätte zwingend Absteiger geben müssen. Auch wenn man sich so nicht nur Freunde gemacht hätte. Die diskutierten Lösungen mit Playoffs halte ich für Wettbewerbsverzerrung.

Inwiefern?

In diesem Fall würde wohl um die Anzahl der Spiele zu reduzieren in einer Ost- und einer Weststaffel gespielt. Die Besten zwei jeder Staffel spielen anschließend im Playoff-Modus um Meisterschaft und Aufstieg, die letzten gegen den Abstieg. Ich halte es für unwahrscheinlich, dass man die beiden Staffeln gleich stark besetzen kann. Außerdem würde dann wohl keine Hin-und Rückrunde, sondern eine einfache Serie gespielt. Dann hat die eine Mannschaft vielleicht das Pech, dass sie jedes Auswärtsspiel in einem Hexenkessel oder in einer ungewohnten harzfreien Halle antreten muss. Und die andere spielt auswärts nur bei Reserveteams vor zehn Zuschauern und muss nie aus ihrer Komfortzone. Da steigen womöglich Mannschaften ab, weil sie zuerst Pech mit der Staffelzuteilung und dem Heimrecht hatten – und es dann in den entscheidenden Playoff-Spielen Verletzungssorgen gibt. Das spiegelt dann nicht das wider, was vor und in der Saison geleistet wurde.

Ist bereits klar, ob es beim SV 64 Zu- oder Abgänge geben wird?

Anezka Zuzankova wird zurück in die Schweiz gehen. Deshalb sind wir auf der Suche nach einer zweiten Torfrau. Laura Zägel wird eventuell ein Studium weiter weg beginnen und stünde uns dann ebenfalls nicht mehr zur Verfügung. Levke Worm wird maximal in der nächsten Hinrunde noch für uns spielen können. Danach zieht es sie zurück in den Norden. Als Neuzugang steht Marie Kiefer von der HSG Marpingen fest. Sie ist dann mit 25 Jahren unsere älteste Spielerin. Von ihr versprechen wir uns viel. Mit anderen Spielerinnen befinden wir uns in Gesprächen. Aus unserer Jugend wird Sarah Lauer zur ersten Mannschaft stoßen, eventuell auch noch weitere Spielerinnen aus dem Nachwuchs.

Seit über zwei Monaten kein Handball, weder in der Halle – noch im TV. Haben Sie schon Entzugserscheinungen?

Die Heimspiele seiner Mannschaft konnte SV-Trainer Rüdiger Lydorf mit einer gewissen Gelassenheit verfolgen. Zu Hause gewannen die SV-Frauen jedes Spiel. Foto: maw/Martin Wittenmeier

Es war ganz nett, die Füße hochzulegen und mal Durchschnaufen zu können. Aber so langsam geht des Kribbeln wieder los. Ich freue mich drauf, dass wir jetzt wieder in Kleingruppen rausgehen dürfen. An den „richtigen“ Traingsbetrieb ranzuschnuppern ist für mich ein kleines Stück Normalität.