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Leichtathletik: LAZ-Stabhochspringer Daniel Clemens beendet seine Karriere

Leichtathletik : Dankbarkeit und Wehmut fliegen mit

Daniel Clemens hat seine Karriere beendet. Der Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken blickt trotz einiger verletzungsbedingter Rückschläge zufrieden auf sein Sportlerleben zurück. Und freut sich auf das Neue, was nun vor ihm legt – auch darauf, dass er bei den Nachtisch-Buffets endlich nach Herzenslust zuschlagen darf.

Und plötzlich war’s das. In dem Moment, in dem ein Sportler sich zu seinem Karriereende entscheidet, in dem Augenblick, in dem sie tatsächlich vorüber geht, können unzählige Gefühle über einen hereinbrechen. Wehmut, Dankbarkeit, Stolz – oder auch einfach die Erkenntnis, ab sofort ungehemmt am Nachtisch-Buffet zuschlagen zu dürfen. Bei Daniel Clemens war es eine Mischung aus all dem. Der Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken hat seine Spikes an den Nagel gehängt und verabschiedet sich vom Leistungssport. Der so lange Zeit Teil seines Lebens gewesen war.

Da steht er nach seinem letzten Wettkampf im Paul-Greifzu-Stadion in Dessau, winkt noch einmal in die coronabedingt kleine Zuschauerschar – und sagt Tschüss. Von langer Hand geplant war dieser Schritt von Daniel Clemens nicht. „Tatsächlich hatte ich im Mai oder Juni noch nicht daran geglaubt. Im Laufe des Sommers ist die Entscheidung in mir gereift“, erklärt der 28-Jährige nach über einem Jahrzehnt im Spitzensport. Mit Höhen und Tiefen.

Als klar war, dass die Zeit als Sportsoldat in der Sportförderung der Bundeswehr nach dieser Saison zu Ende gehen würde, haben die Gedanken zu kreisen begonnen. „Ich hab‘ mir das ja Jahr für Jahr überlegen müssen. Es war nie sicher, ob der Vertrag weiter laufen würde – außer vielleicht 2018, als die guten Leistungen da waren“, erklärt Clemens, dessen Karriere immer wieder von Verletzungen und Ausfällen ausgebremst worden war. Im vergangenen, von Rückschlägen durchzogenen Sommer lautete der Plan, sein Studium abzuschließen – und dann zu sehen, wie es läuft. Den Bachelor in „Internationales Management“ hat Clemens erfolgreich bestanden. Im Training hatte er sich nach einem Muskelfaserriss sowie Problemen im Gleitgewebe der Achillessehne zurück gekämpft, im Winter wieder erste Wettkämpfe bestritten – dann kam Corona. Und als es im Sommer endlich wieder losging, legte Clemens die Entzündung seiner Weisheitszähne und deren Entfernung wochenlang lahm.

Dann tat sich die Möglichkeit auf, bei der Bundeswehr ein Vollzeit-Masterstudium in General Management über vier Semester anzuhängen – mit 100 Prozent Bezügen. Ein verlockendes Angebot. Doch bei Clemens kamen auch Fragen auf. „Wie klappt das dann mit dem Leistungssport? Zwei Mal täglich trainieren und Vollzeit-Studium? Das ist auf keinen Fall drin“, wurde dem LAZ-Athleten klar. „Und wo stehst du, wenn du weniger trainierst?“, geisterte es durch den Kopf des Militär-Europameisters von 2013. „Aber ich wollte nie nur 5,00 Meter, 5,20 springen – das war nicht der Anspruch an mich selbst“, erklärt Clemens, der eine Bestmarke von 5,61 Metern stehen hat. So kam es schließlich zur entscheidenden Frage: „Ganz oder gar nicht? Und jetzt ist es eben gar nicht geworden.“

Dem Sport verbunden bleiben will der langjährige Schützling von Trainer Andrei Tivontchik dennoch. „Momentan bin ich erst einmal komplett weg“, sagt Clemens in seinem Urlaub zufrieden. Ab Oktober werde er aber sicher zwei, drei Mal die Woche beim Training in der Halle zu finden sein. Von 100 auf null runter – so einfach geht das dann doch nicht. „Aber als Hobby und Ausgleich, eben mit den Dingen, die Spaß machen.“ Daher kann der 28-Jährige sich derzeit nicht vorstellen, gleich von der Sportler- in die Trainerkarriere zu wechseln. „Ich habe in den letzten Jahren nahezu jedes Wochenende auf dem Sportplatz verbracht. Das reicht jetzt erst mal.“ Nun sei es an der Zeit, etwas Neues zu sehen, etwas anderes als nur den Spitzensport.

Letztes Jahr gewann Daniel Clemens bei der Hallen-DM in Leipzig die Bronzemedaille. 2016 hatte er sich an gleicher Stelle sogar Silber geangelt. Foto: Wolfgang Birkenstock

Für welchen Clemens 2001 den Grundstein gelegt hatte. An der Albert-Schweitzer-Grundschule wurde er von der damaligen LAZ-Trainerin Elena Schromm bei der Talentsichtung entdeckt. „Ich war der Beste in meiner Klasse und erhielt einen Gutschein für ein Probetraining.“ Diesen nutzte der damals Neunjährige – und blieb beim LAZ. Nach dem Beginn mit allgemeiner Leichtathletik folgte rasch die Spezialisierung auf den Stabhochsprung. Schon mit 16 Jahren überflog Clemens die Fünf-Meter-Marke. Teilnahmen und Podestplätze bei Deutschen Meisterschaften sowie Meetings weit über die nationalen Grenzen hinaus folgten. Der erste große internationale Start: Die U18-Weltmeisterschaft 2009 im italienischen Brixen, bei der Clemens mit 5,10 Metern gleich Bronze gewann. Ebenfalls als Dritter aufs Podest sprang der Mörsbacher 2013 mit Einstellung seiner Bestmarke von 5,50 Metern bei der U23-EM in Tampere (Finnland). Im gleichen Jahr folgte der Sieg bei der Militär-Europameisterschaft in Warendorf. „Vom Sportlichen her kann man die zwei dritten Plätze auf eine Stufe stellen“, sagt Clemens über seine größten Erfolge. „Emotional wirklich am schönsten war die Goldmedaille bei der Militär-EM.“ Wenn auch in einem kleineren Feld der Militarys war der Sieg mit persönlicher Bestleistung (5,60m) im eigenen Land, mit der Nationalhymne bei der Siegerehrung „einfach ein unglaublich toller Moment“. Auch auf die Universiade in Südkorea 2015 sowie die Military World Games im vergangenen Jahr in China blickt Clemens schwärmend zurück. „Es war einfach nur beeindruckend, was da auf die Beine gestellt wurde. Nach den Olympischen Spielen sind das die größten Sportveranstaltungen weltweit.“ So unglaublich viele Sportler aus zahlreichen Nationen kamen an einem Ort zusammen. „Auch die Eröffnungsfeiern – das waren wirklich schöne Momente.“

Dankbar ist Daniel Clemens auch dafür, dass er bei so vielen Trainingslagern des Deutschen Leichtathletik-Verbands in Südafrika dabei sein durfte. „Das waren tolle Erfahrungen“, blickt er zufrieden auf über ein Jahrzehnt Leistungssport zurück. Wenn ihm der große Traum von den Olympischen Spielen auch verwehrt geblieben ist, sagt Clemens dennoch: „Es war eine super Zeit.“

Immer ein offenes Ohr für die Zuschauer: Daniel Clemens schreibt 2016 beim Himmelsstürmer-Cup des LAZ Zweibrücken Autogramme. Foto: Wittenmeier/Martin Wittenmeier

Von welcher er auch einige mit seinem ehemaligen Trainingskollegen und Konkurrenten Karsten Dilla (Bayer Leverkusen) verbracht hat, der in diesem Sommer dem Leistungssport ebenfalls den Rücken kehrte. „Karsten hat mich angerufen, als er von meinem Entschluss erfahren hat. Und wir waren uns einig: Es war die beste Entscheidung meines Lebens, dass ich damals nach meinem Abitur zur Bundeswehr gegangen bin, um den Sport zu meinem Beruf zu machen“, erzählt Clemens. „Ich habe so unglaublich viele Menschen kennengelernt, so viel erlebt, so viele Länder gesehen – wenn auch oft nur die Stadien“, sagt er lachend.

Und am Ende dieses Weges sei für ihn wichtig gewesen, selbst den Schlussstrich ziehen zu können. „Dass es nicht schon 2016 zu Ende war, als nach meiner Fußverletzung (dreifacher Bänderriss und Knorpelschaden im Sprunggelenk, Anm. d. Red.) lange gar nicht klar war, ob es überhaupt weiter gehen würde – das wäre auf jeden Fall die viel bitterere Pille gewesen.“ Doch Clemens kämpfte sich auch damals zurück. Und so konnte er – wenn er sich auch einen anderen Abschied als in dem ungewöhnlichen Corona-Jahr gewünscht hätte – den Zeitpunkt seines Abgangs selbst bestimmen.

Der 28-Jährige verspürt in dem Moment seines Karriereendes eine riesige Portion Dankbarkeit. Dafür, dass er seinen Sport so lange ausüben konnte. „Ich bin dankbar für die Sportfördergruppe, durch die ich abgesichert war und nun immer noch bin – während meines Studiums und eineinhalb Jahre darüber hinaus“, erklärt der sympathische Höhenflieger. Natürlich schwinge aber auch Wehmut mit. „Ich habe diesen Sport so lange gemacht, mit neun Jahren kam ich zum LAZ, seit dem Abitur war ich immer nur auf Wettkämpfen, der Sport ist zum Beruf geworden – da fällt solch eine Entscheidung natürlich schwer.“ Doch Daniel Clemens wisse ja, dass das LAZ nicht weit weg ist „und ich jederzeit hierher zurückkehren, Stabhochsprung sehen – und betreiben kann“.

Bei seinem ersten internationalen Start gewann Daniel Clemens 2009 Bronze bei der U18-WM. Foto: pma

Und es gibt schließlich auch die kleinen positiven Dinge, die solch ein Karriereende mit sich bringt. „Nach meinem letzten Wettkampf stand ich am Nachtisch-Buffet und dachte nur: Cool, ich kann einfach zuschlagen, muss mir keine Gedanken machen – und es interessiert auch sonst niemanden –, wenn ich mal zwei Kilo zu viele habe“, erzählt er mit einem ansteckenden Lachen. Neben dem frei Zuschlagen-Können freut sich Daniel Clemens aber vor allem auf das Neue, was nun auf ihn kommt. Auf den Beginn seines Vollzeit-Studiums und den spannenden Weg, den er danach einschlagen wird. Weiterhin mit großem Ehrgeiz und Erfahrungen aus einem langen, erfolgreichen Sportlerleben, die ihm niemand nehmen kann.