LAZ-Speerwerferin Christin Hussong Zwischen großen Zweifeln und großem Stolz

Rom/Zweibrücken · Knapp hat Christin Hussong bei der EM in Rom eine Medaille verpasst. Mit Platz vier und vor allem ihrer Weite kann die Speerwerferin des LAZ Zweibrücken dennoch sehr gut leben.

Nach ihrem Versuch auf 61,92 Meter im EM-Finale von Rom jubelte LAZ-Speerwerferin Christin Hussong kurz auf. Wenn es letztlich auch der undankbare vierte Platz wurde, war es für sie ein Schritt in die richtige Richtung.

Nach ihrem Versuch auf 61,92 Meter im EM-Finale von Rom jubelte LAZ-Speerwerferin Christin Hussong kurz auf. Wenn es letztlich auch der undankbare vierte Platz wurde, war es für sie ein Schritt in die richtige Richtung.

Foto: dpa/Michael Kappeler

Das Bild einer Christin Hussong mit geballten, gen Himmel gereckten Fäusten gab es schon länger nicht zu sehen. Nach ihrem sechsten Wurf im Finale der Europameisterschaften in Rom huschte zwar auch das Hadern der vergangenen Monate noch einmal kurz über das Gesicht der Speerwerferin des LAZ Zweibrücken. Als klar war, dass es der undankbare vierte Platz werden würde. Doch schnell war das Lächeln zurück. Denn mit ihren im ersten Versuch erzielten 61,92 Metern hat sie nicht nur eine neue Saisonbestleistung aufgestellt, sondern auch einen großen Schritt Richtung Olympische Spiele in Paris gemacht.

„Natürlich hätte ich gerne eine Medaille gehabt, kein Sportler ist gerne Vierter. Aber ehrlich gesagt fühlt sich das heute fast an wie eine Medaille“, sagt Hussong am späten Dienstagabend im Gespräch mit der ARD. „Denn die letzten zwei Jahre waren sehr hart und sogar in diesem Jahr hat es einfach noch nicht richtig funktionieren wollen“, ergänzt die 30-Jährige.

Nach einer Knieverletzung, die sich Hussong 2022 beim Heimmeeting in Zweibrücken zugezogen hatte, sowie durch Krankheiten ausgebremst, verpasste die Europameisterin von 2018 mit DM, EM und WM damals sämtliche Saisonhöhepunkte. Auch in ihrem Comeback-Jahr 2023 kam die Herschbergerin nicht annähernd an ihre Bestmarke von 69,19 Metern heran. Um wenige Zentimeter verpasste sie mit ihrer Saisonbestweite von 60,88 Metern die Norm für die WM in Ungarn.

Im Olympiastadion von Rom bestritt die LAZ-Athletin demnach ihren ersten internationalen Höhepunkt seit Tokio 2021. Von den Olympischen Spielen musste sie damals als Neunte nach Hause fahren – nachdem sie durch ihre starke Vorleistung von 69,19 Metern als Zweite der Weltjahresbestenliste und damit als klare Medaillenkandidatin angereist war. Nach den schwierigen Jahren ohne Großereignis, nach den nervenaufreibenden Monaten des Zurückkämpfens „bin ich nun unglaublich stolz auf mich. Darauf, dass ich es mir gezeigt habe, dass ich auch anderen gezeigt habe, dass ich genau da hingehöre, wo ich jetzt war. Das beruhigt mich sehr und macht mich auch recht stolz“, zeigte sich die Herschbergerin erleichtert über den Wurf über 61 Meter. „Mir war aber klar, dass diese Weite nicht für eine Medaille reicht.“

Dabei sah es nach den ersten beiden Durchgängen noch ganz gut aus. Nur die Führende der europäischen Jahresbestenliste, Victoria Hudson aus Österreich, die ihren 600-Gramm-Speer im ersten Versuch auf 64,62 Meter katapultierte, lag zu diesem Zeitpunkt vor Hussong. Viele Werferinnen blieben unter der 60-Meter-Marke. Im dritten Durchgang allerdings gelang zwei Konkurrentinnen je ein richtig guter Wurf. Die Serbin Adriana Vilagos schob sich mit 64,42 auf Rang zwei, die Norwegerin Marie-Therese Obst mit 63,40 Metern auf den Bronzeplatz. Ansonsten rückte im fünften Anlauf nur noch die Tschechin Nikola Ogrodnikova mit 61,78 nah an die vorderen Weiten heran. Somit sicherte Hudson das erste österreichische EM-Gold seit 53 Jahren. Da Hussong nicht mehr kontern konnte, mit ihren anderen Versuchen je unter der 60-Meter-Marke blieb, verpasste sie den Sprung aufs Podest knapp. Was die Pfälzerin jedoch nicht als Niederlage, sondern als wichtigen Schritt nach vorne ansah. „Athletisch bin ich topfit, die Zubringerleistungen stimmen. Wir haben daher gesagt: Irgendwann muss der Punkt kommen, an dem es Klick macht. Umso schöner, dass es im Finale Klick gemacht hat“, sagt Hussong. „Durch meine Verletzung habe ich mir eine Technik angewöhnt, die nicht förderlich ist, um weit zu werfen. Das wieder zu beheben, hat mich und meinen Papa viel Zeit und Nerven gekostet. Aber es zeigt sich, dass man immer weiterkämpfen muss, und irgendwann kommt die Belohnung.“

Nicht immer hat die sechsfache deutsche Meisterin zuletzt daran geglaubt. „Bei mir selbst waren die Zweifel schon sehr groß. Man macht sich sehr viele Gedanken, auch sehr viele negative“, erzählt Hussong von den schwierigen vergangenen Monaten, sogar Jahren. Nach denen sie auch von außen von vielen schon abgeschrieben worden sei. Wichtig für sie selbst war, dass „mein Umfeld mich so unterstützt und so aufgebaut hat – dafür bin ich sehr dankbar“. Ihrem Vater und Trainer Udo Hussong, aber auch ihrer Mama Gaby sowie ihrem Freund – „alle waren immer hinter mir. Und ohne die hätte ich heute auch nicht hier gestanden“.

Mit EM-Platz vier soll es das in dieser Saison für Christin Hussong aber noch nicht gewesen sein mit den großen Höhepunkten. Nun will die LAZ-Werferin auch bei den Olympischen Spielen von Paris angreifen. Um den Sprung dorthin zu schaffen, sei es enorm wichtig gewesen, in Rom die Bestätigungsnorm des Deutschen Leichtathletik Verbandes (61,00 m) abzuhaken. So könne es, auch ohne den Richtwert des Weltverbands von 64,00 Metern, über die Weltranglistenpunkte noch etwas werden mit der Nominierung. Bis zum Ende des Qualifikations-Zeitraums am 30. Juni „habe ich jetzt noch drei Wettkämpfe und dann auch noch die deutschen Meisterschaften“ Ende des Monats in Braunschweig. Bis dahin will die 30-Jährige noch zahlreiche Punkte sammeln, um sich in der Weltrangliste weiter nach vorne zu arbeiten und dann auch im Finale von Paris am 10. August im Stade de France wieder die Arme jubelnd nach oben reißen zu können.