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Kickboxer Jakob Styben nutzt Corona-Krise zur Weiterbildung

Kampfsportler Jakob Styben : Auch in diesen Zeiten „fokussiert bleiben“

Sein letzter Kampf Ende Februar war ein Rückschlag für Jakob Styben. Dann kam die Corona-Krise. Als der erste Schock verdaut war, hat er sich neu orientiert, sich viel Zeit für Nachwuchssportler, „natürlich“ das eigene Training und Bücher genommen.

Der Begriff Stillstand könnte aus dem Wortschatz von Jakob Styben gestrichen werden. Der Zweibrücker Muaythai- und Kickboxer will immer in Bewegung bleiben. Auch in Zeiten der Corona-Krise hat er die erzwungene Entschleunigung genutzt, um voranzukommen. Wenn zeitweise auch auf eine etwas ruhigere Art als gewöhnlich. „Ich habe viel gelesen – viele dicke, große Bücher“, erklärt der 28-Jährige lachend. Ob es darin um wissenschaftliches Krafttraining, um richtiges Dehnen, die mentale Einstellung oder um die Ernährung ging, alles sollte der Weiterbildung dienen. „Für das persönliche Wachstum und auch für die sportliche Weiterentwicklung habe ich einiges studiert, was man besser machen kann.“ Vor allem mit der Ernährung beschäftigt er sich immer noch eingehend. „Da gibt es so viele wissenschaftliche Studien, die auch nicht immer zueinander passen. Da muss man sich echt die Rosinen rauspicken“, sagt Styben, der es aber auch im Training in den zurückliegenden Monaten nicht hat schleifen lassen. Um auch aus dieser Krise gestärkt hervorgehen zu können.

Zumal der ehrgeizige Kampfsportler, der sich nach mehreren DM-Titeln, Teilnahmen an Muaythai-Welt- und Europameisterschaften, dem K1-EM-Titel 2018 nun seit 2019 in der Glory-Liga mit den besten Kickboxern der Welt misst, kurz vor dem Lockdown einen sportlichen Tiefschlag hatte einstecken müssen. Beim Glory 75 in Utrecht unterlag er Ende Februar in der Mittelgewichtsklasse (bis 84 Kilogramm) dem in der Liga an Nummer zwei gesetzten Yousri Belgaroui (wir berichteten) in Runde zwei klar, musste mit blutiger Nase vorzeitig den Ring verlassen. Obwohl es eine klare Niederlage war, obwohl ihn der Kampf veränderte habe, wollte er schnell eine neue Herausforderung suchen. Dann kam Corona.

Wie oder wann genau es für Jakob Styben wieder in den Ring geht, ist offen. Glory hat für Anfang Oktober die ersten Kämpfe in den Niederlanden angesetzt. „Ich habe mich mit dem Management von Glory ausgetauscht. Für Oktober ist für mich noch nichts geplant“, erklärt der Zweibrücker. Aber bis Ende des Jahres sollen weitere große Veranstaltungen folgen. „Und da versuchen sie mich rein zu bringen.“ Das wäre wichtig für den Kickboxer. Denn ohne konkretes sportliches Ziel vor Augen „ist es natürlich sehr schwierig“, betont er. „Es ist wie am Lenkrad im Auto: Du weißt zwar, wohin du fahren willst, aber du musst immer fokussiert bleiben. Denn es kann jederzeit etwas passieren.“ Was auch immer dazwischenkommt, für Styben ist es wichtig, stets einen Schritt nach vorne zu machen. Auch deshalb hat er sich die Zeit genommen, viele Bücher zu wälzen. Daneben hat er weiter täglich im Training geschwitzt. Große Einschnitte musste er dabei nicht wegstecken. Als Profisportler in Nordrhein-Westfalen durfte er nach seinem Individualtraining recht schnell wieder in die Räume des Kampfsportcenters Grevenbroich. Wenn auch unter anderen Rahmenbedingungen. Der Lockdown habe aber vielmehr den Nachwuchs getroffen.

Daher war es für Styben wichtig, auch ihnen eine Möglichkeit zu geben, in der Corona-Krise nicht allein Sport treiben zu müssen, nicht auf sich selbst gestellt zu sein. Via Instagram-Livestream schaltete er sich in den Anfangsmonaten der Pandemie mehrmals wöchentlich in die Wohnzimmer und auf die Terassen der Kids, um mit ihnen gemeinsam aktiv zu bleiben. Die positive Rückmeldung bestärkte Styben in seinem Tun „Die Kinder waren schon sehr dankbar, aber die dankbarsten überhaupt waren die Eltern. Sie haben mir so viel Tolles geschrieben, haben mir für die Entlastung gedankt – so viel Dankbarkeit hätte ich gar nicht erwartet.“ Und daher war es für Jakob Styben eine „Herzensangelegenheit“, den Kindern auch in den Ferien etwas Abwechslung zu verschaffen. „Ich habe ein Sommer-Spieletraining gestartet.“ Drei Mal die Woche wurde hier zwei Stunden lang gespielt und getobt. „Ich habe in der Nachbarschaft und auch bei meinen kleinen Geschwistern gemerkt, dass die Bewegung und die Spielerei miteinander absolut fehlte.“ Ob Verstecken, Schatzsuche, Blinde Kuh, Zielwerfen, Gesellschaftsspiele – der Kickboxer und Muaythaikämpfer dachte sich, er könne dafür ruhig mal zwei Stunden am Tag investieren – „das bringt mich ja jetzt auch nicht aus meinem Konzept“.

Das ansonsten vor allem eins vorsieht: Training, Training, Training. Für die Zeit nach Corona beziehungsweise nach der Wettkampfpause. Der Vertrag von Jakob Styben bei Glory läuft noch. Unabhängig davon will er sich auch von der Pandemie nicht von seinem Weg abbringen lassen. „Ich bin ein solch positiver Mensch, ich weiß, dass der ganze Fortschritt nur von mir abhängig ist. Ich versuche mich immer voll auf mich zu fokussieren, nicht nur auf Glory oder irgendetwas anderes. Wenn es Glory nicht gibt, gibt es immer noch mich“, hat der 28-Jährige in der Corona-Krise auch keine Existenzängste aufkommen lassen wollen.

In dieser Phase, bis klar ist, ob wieder Wettkämpfe stattfinden, muss Styben, wie all die anderen Profisportler in der Warteschleife auch, sehr geduldig sein. Keine Eigenschaft, die der Zweibrücker von Grund auf mitbringt. „Früher war ich nie ein geduldiger Mensch. Aber der Sport hat mich das gelehrt.“ Als die Corona-Krise begann, als der Lockdown im März kam, habe auch er sich „natürlich neu ausrichten müssen, das ganze auch kopfmäßig neu aufnehmen“. Zwei Wochen habe er gebraucht, um die Situation zu verdauen: Andere Trainingsbedingungen, keine Wettkämpfe, kaum soziale Kontakte. „Man wusste nicht, ist das jetzt ein Witz, passiert das wirklich?“ Doch Stück für Stück hat Jakob Styben zu der neuen Normalität, „wieder zur Positivität gefunden“. Die er bald auch wieder in seinen Kämpfen in den Ring übertragen möchte.