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Interview mit Spring-Landestrainer Sepp Gemein

Pferdesport : Zu keinem Zeitpunkt „ins Leere“ trainiert

Der rheinland-pfälzische Spring-Landestrainer erzählt von Auswirkungen der Corona-Krise und Planungen für das weitere Jahr.

Die staatlich verordneten Einschränkungen im Rahmen der Corona-Krise haben auch den Reitsport lahm gelegt. Mit den Lockerungen findet schrittweise wieder Reitunterricht statt, werden die ersten Lehrgänge organisiert und sogar Turniere ausgetragen. Der rheinland-pfälzische Landestrainer Springen, Sepp Gemein, berichtet über Aus- und Nachwirkungen der Krisenzeit, die aktuelle Situation und die weitere Planung für 2020.

Herr Gemein, welche Auswirkungen hat die Corona-Krise auf den Springsport speziell in Rheinland-Pfalz gehabt?

Sepp Gemein: Erstmal Stillstand! Grundsätzlich hat die Politik richtig gehandelt mit dem Lockdown, jedoch wurden viele Maßnahmen getroffen, die, wenn man sie hinterfragt, auf Unverständnis gestoßen sind. Meines Erachtens hätte die Politik viel früher die Dachverbände von Wirtschaft, Sport und so weiter einbeziehen und in die Verantwortung nehmen müssen. Konzepte lagen frühzeitig bereit, konnten jedoch nicht umgesetzt werden. Fachkompetenz wäre hier hilfreich gewesen, anstelle von drastischen Schließungen aller Sportstätten. Nur ein Beispiel: Baumärkte als Freizeitzentren der Pandemie, unendliche Schlangen davor und auch drin ohne Maske, Sicherheitsabstand fraglich – dagegen durften in einer Halle von 20 Mal 40 Metern (800 qm) vier Pferde bewegt werden. Sicherheitsabstand bekommt man hier schon früh beigebracht, beträgt eine Pferdelänge (ca 2,50m). Das braucht man nicht zu erwähnen, das weiß jedes Kind. Respekt und Rücksichtnahme sind unter Sportlern ein Grundprinzip, welches man unter Fremden in der freien Natur und vor allem in den Städten weniger antrifft. Warum also pauschal Sportstätten schließen? Turniere wurden abgesagt, weil die Bedingungen und Auflagen der Ordnungsämter sehr unterschiedlich interpretiert wurden und auch teilweise so groß waren, dass die zusätzlichen Kosten – zu den fehlenden Einnahmen durch Zuschauer und Gastronomie – für viele Vereine nicht machbar waren. Ein Wegfall der Sponsoren, die teilweise auch durch Corona in wirtschaftliche Probleme geraten sind, hat sein Übriges dazu getan. Eine große Solidarität der Reiter war allerdings zu beobachten, die gerne bereit waren, auf Gewinngelder zu verzichten und auch eine doppelte Nenngebühr zu bezahlen, um den Veranstalter zu ermöglichen, ihr Turnier durchzuführen – welche für die Erhaltung der Vereinsanlage wichtig sind.

Wie wurden insbesondere die Kaderreiter weiter trainiert und gefördert?

Gemein: Für unsere Kaderreiter wurden vorläufig alle Maßnahmen gestrichen, da die Vorschriften keinen anderen Weg zugelassen haben. Reiter mit einer eigenen, privaten Reitanlage hatten den Vorteil, weiterhin fast normal trainieren zu können. In Vereinsanlagen und öffentlichen Sportstätten war man abhängig von den auferlegten Maßnahmen der Politik und der ausführenden Ordnungsämter.

Wie geht es nun weiter mit Turnieren und Meisterschaften?

Gemein: Mittlerweile sind die ersten Trainingstage anberaumt worden und auch erste Turniere finden statt. Momentan ist dies allerdings noch etwas schwierig, da der Andrang auf die Turniere, die mit begrenzter Starterzahl stattfinden, enorm ist. Bei der Online-Nennung sind innerhalb von fünf Minuten alle Startplätze vergeben. Somit schauen viele Reiter derzeit noch in die Röhre. Die Meisterschaften sowie das Landes-Championat in Rheinland-Pfalz wurden leider abgesagt wegen der beschriebenen Schwierigkeiten. Es ist aber derzeit auch ein Weg erkennbar, dass die Auflagen geringer werden und wir mit unserem Turnierzirkus wieder ein kleines bisschen Richtung Normalität steuern. Was für unsere Kaderreiter noch ansteht, sind die deutschen Jugendmeisterschaften in Riesenbeck (Westfalen) im September. Als ersten Test und Standortbestimmung haben wir in Fußgönheim an dem ursprünglichen Landesmeisterschafts-Wochenende 17. bis 19. Juli ein Turnier für unsere Jugend, bei dem wir sehen können, wer wie weit ist und mit wem man für einen weitergehenden Weg in Richtung DJM planen kann.

Welchen Tipp haben Sie für die Reiter, Sportreiter und Amateure? Wie erhalten sie sich beispielsweise die Motivation ohne das Gefühl, in diesem Jahr „ins Leere“ zu trainieren?

Gemein: Ein Gutes hat die Pandemie. Es hat eine deutliche Entschleunigung stattgefunden, die, glaube ich persönlich, auch allen gut getan hat, Pferden und Reitern. Da es bald wieder vermehrt mit den Turnieren losgeht, brauchen die Reiter keine zusätzliche Motivation zum Trainieren. Wobei ich der Meinung bin, das man bei unserem schönen Sport nicht unbedingt den Leistungsvergleich haben muss, um etwas zu verbessern. Da sollte eine genügende Grundmotivation schon gegeben sein. Ohne Fleiß kein Preis! Ziele kann und sollte sich jeder Reiter setzen, also gibt es keinen Zeitpunkt, in dem man ‚ins Leere“ trainiert

Gibt es nachhaltige Erkenntnisse und eventuell Maßnahmen, die sich in der Krisenzeit bewährt haben und auch künftig erhalten bleiben?

Sepp Gemein, rheinland-pfälzischer Landestrainer der Springreiter. Foto: cvw/Cordula von Waldow

Gemein: Da Training erlaubt und dieses auch einfacher durchzuführen ist als Turniere, habe ich Parcoursspringen unter Turnierbedingungen mit Begleitung angeboten. Es hat sich gezeigt, dass diese Maßnahme gut angenommen wurde. Dieses Konzept ist ein probates Mittel für Pferd und Reiter, um sich optimal auf kommende Turniere vorzubereiten. Man kann feststellen, wie die Pferde sich in fremder Umgebung verhalten und Dinge korrigieren, die vielleicht noch nicht so gut funktionieren. Ich werde das Parcoursspringen in dieser Form beibehalten und auch im nächsten Jahr vermehrt zur Vorbereitung auf die Turniere anbieten.