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„In Deutschland zählt er zu den Top Fünf“

„In Deutschland zählt er zu den Top Fünf“

Zweibrücken/Homburg. Felix Drumm vom Radsportclub Zweibrücken hat bei den Deutschen U 23-Cross-Meisterschaften in Borna seinen Titel verteidigt. Der 20-jährige Student aus Mörsbach, der von Andreas Walzer, Olympiasieger von 1992, seit rund fünf Jahren trainiert wird, ist auf dem Sprung in die Weltspitze. Merkur -Redakteurin Svenja Kissel unterhielt sich mit dem 44-jährigen Walzer über die Entwicklung seines Schützlings, dessen Stärken und Ziele sowie die Auswirkung der Dopingskandale auf den Radsport insgesamt.

Herr Walzer , im vergangenen Jahr feierte Felix Drumm mit dem U 23-Cross-DM-Titel seinen bis dahin größten Erfolg. Hatten Sie die Titelverteidigung erwartet?

Andreas Walzer : Man kann im Radsport ja vier Jahre in der U 23 fahren. Wenn man wie Felix im zweiten Jahr den DM-Titel relativ deutlich gewinnt, dann ist klar, dass es im darauffolgenden, wenn er gesund bleibt und ordentlich weiter trainiert, nicht wesentlich schlechter läuft. Ganz sicher kann man aber nie sein, zumal mit Paul Lindenau von den Junioren ein Fahrer hochgekommen ist, der schon eine sehr gute Saison fährt. Wir wussten aber, dass er vielleicht zu heftig gestartet ist und nun hintenraus etwas abbaut. Ein kleiner Unsicherheitsfaktor war aber schon dabei.

Bei der EM im November war Felix enttäuscht von seinem Abschneiden. War der 22. Platz aber eher zweitrangig, haben Sie die Pläne auf die DM und die anstehende WM ausgerichtet?

Ja, wir haben die Saison ganz klar so aufgebaut, dass Felix im Januar für die DM sowie für die Weltmeisterschaft in drei Wochen topfit ist.

Wie groß ist in Deutschland die Konkurrenz im Crossfahren?

Walzer: Es gibt in der Spitze eine relativ enge Dichte, aber kaum Breite. Weil der Crosssport sehr materialintensiv ist. Ohne Sponsor kommt man da nicht aus. Man kann es sich nicht einfach leisten, in so jungem Alter wie Felix drei Räder für jeweils 6000 bis 8000 Euro zuhause stehen zu haben. Daher gibt es in Deutschland eine hochprofessionelle Spitze, aber wenig Masse darunter. International sind die Deutschen auch im Profibereich wieder ganz vorne dabei, im U 23-Bereich versuchen wir, den Anschluss zu finden. Seine Altersklasse dominiert Felix in Deutschland. Wenn in Borna sein unsinniger Sturz kurz vor dem Ziel nicht gewesen wäre - er riskiert da manchmal zu viel und neigt zu Mätzchen -, dann wäre der Puffer, durch den der Sieg nie in Gefahr war, noch deutlicher ausgefallen als die gute Minute. Das ist genau die Zeit, die ihm noch fehlt bis zur absoluten Weltklasse in der U 23 - die im Moment stärker ist als die Profis.

Der erneute Sieg bei der DM zeigt auch die stetig aufsteigende Form Ihres Schützlings. Hat er im vergangenen Jahr erneut einen Sprung gemacht?

Walzer: Felix ist wesentlich abgebrühter geworden. Das merkt man, wie er die Rennen angeht. Ich bin ja nicht bei jedem dabei, weil ich das mit ihm just for fun mache. Aber ich kenne ihn nach unserer fünfjährigen Zusammenarbeit mittlerweile ganz gut. Wenn ich ihn von der technischen Komponente her sehe, was gerade im Cross sehr wichtig ist, dann hat er da noch mal einen Sprung gemacht. Er hat auch noch mehr an Gewicht verloren, was im Querfeldein sehr wichtig ist, weil es oft steil berghoch geht - da ist jedes Kilo hinderlich. Als ich Felix Anfang Januar in Luxemburg gesehen habe, gerade auch in der Laufpassage, dann hatte ich keine großen Zweifel, dass er wieder Deutscher Meister wird. Wenn er auf die absolute Spitze trifft, ist Felix auf jeden Fall konkurrenzfähig. Mit kleinen Schritten, aber nachhaltig versuchen wir, uns da ranzupirschen.

Sie glauben also, dass er das Potenzial hat, den Anschluss an die Elite zu schaffen?

Walzer: Ja, die fahren ja eigentlich das ganze Jahr, außer bei den Meisterschaften, schon zusammen Rennen. In Deutschland ist er für mich allemal unter den Top fünf, ich würde sogar behaupten, dass für Felix in der Form vom Samstag auch am Sonntag im Eliterennen schon eine Medaille möglich gewesen wäre. Aber wollen wir mal nicht durchdrehen, wir machen einen Schritt nach dem anderen. Man darf auch nicht vergessen, dass bis zur absoluten Weltspitze noch ein bisschen was zu tun ist. Gerade von den Crossnationen wie Holland und Belgien sind wir in Deutschland noch ein Stück entfernt. Da haben wir einfach nicht die Crosskultur. Dort sind bei jedem Rennen 20 000 bis 30 000 Zuschauer.

Was macht das Talent von Felix auf den Cross-Strecken aus? Wo liegen dort seine Stärken?

Walzer: Felix gehört nicht zu den besten Startern, da ist er ganz miserabel. Ich weiß nicht, wo er da am Anfang immer ist, wir trainieren da ganz hart dran. Das Startvermögen ist immanent wichtig. Es bringt ihm nichts, wenn er hinten raus kommt, wenn er vorher schon zwei Minuten Rückstand hat. Aber technisch ist Felix absolut stark; wenn das nicht so wäre, dann könnte er Rennen wie am Samstag nicht gewinnen. Zudem muss man beim Cross risikobereit und mutig sein - zwar geht Felix schon mal runter in so einem Rennen, es hält sich aber in Grenzen, wenn er konzentriert bleibt. Das ist absolut seine Stärke. Und er hat ein sehr gutes Grundlagenniveau - mit zunehmender Rennlänge wird er eher besser als schlechter. Seit ich ihn betreue, habe ich noch kein Rennen gesehen, bei dem Felix hinten Plätze verloren hat. Zudem ist Felix absolut nervenstark. Als Titelverteidiger am Start zu stehen, in der Woche vorher zu lesen, dass er der haushohe Favorit ist, und dennoch standzuhalten und cool zu bleiben, ist bewundernswert. Da ist er schon echt ein alter Hase. Als Sie vor fünf Jahren begonnen haben, mit dem Mörsbacher zu arbeiten, haben Sie diese Entwicklung erwartet?

Walzer: Puh, das weiß man nie. Es hätte ja sein können, dass er in eine komische Gesellschaft reinkommt und nur noch Party macht. Die Voraussetzungen bei Felix waren da - dass er so mit durchzieht, hätte ich kaum erwartet. Ich mache ihm nun seit fünf Jahren tagtäglich die Trainingspläne und gehe davon aus, dass er genau das macht, was wir planen. Da bin ich schon überrascht, es ist nicht selbstverständlich, dass jemand dem Sport in seinem Leben alles unterordnet. Einige fragen sich mit 18, 19: "Warum mache ich das überhaupt? Ich werde nie so viel Geld damit verdienen, dass ich nie mehr arbeiten muss!" Da muss ich sagen: Hut ab. Es gibt echt schönere Sportarten als sich bei Minusgraden durch Schlamm und Eis zu quälen, auf die Schnauze zu fliegen und immer wieder aufzustehen.

Felix gilt als Allrounder, fährt auf Straße wie Querfeldein. Steht in naher Zukunft eine Spezialisierung an?

Walzer: Es hängt sehr viel von der U 23 - einer Durchgangszeit - ab. Felix fährt nun ab diesem Jahr bei dem rheinland-pfälzischen Kuota-Continental-Team ein sehr gutes Straßenprogramm, wo er sich auch beweisen kann. Wenn jemand die Fähigkeiten hat, Radcross zu fahren und nicht zu den absoluten Weltklasse-Straßenfahrern gehört, dann sollte er auch beim Cross bleiben. Ich denke, nach dem Jahr können wir dann mehr sagen, wo die Reise hingeht. Ich bin aber auch der Meinung, dass Felix ein sehr guter Straßenfahrer ist. Ich glaube aber, dass ihm Cross mehr Spaß macht, die kurze Strecke eher seinem Naturell entspricht.

Wenn Sie den Sportler Felix Drumm mit drei Worten beschreiben müssten, welche wären das?

Walzer (lacht): Ui! Er ist ein konzentrierter Sportler, ist fleißig, macht oft mehr als er soll und er ist ehrgeizig. Obwohl man ihm das manchmal nicht so anmerkt.

Muss man diese Eigenschaften mitbringen, um den Sprung in die Spitze zu schaffen?

Walzer: Man muss ein Wettkämpfer sein. Das ist Felix. Das heißt nicht, dass er unfair ist und kratzt und beißt, aber der Ehrgeiz ist immer zu spüren.

Der Radsport hat in den vergangenen Jahren unter einigen Dopingskandalen gelitten. In diesem Jahr steigt die ARD wieder in die Live-Übertragung der Tour de France ein. Begrüßen Sie diese Entwicklung?

Walzer: Ja auf jeden Fall. Ich bin da ja unmittelbar betroffen, da ich für eine Fahrradfirma arbeite. Wir haben zwei absolute Topmannschaften unter Vertrag, die wir ausstatten. Daher kann ich das nur begrüßen. Auch für den deutschen Radsport , dass die endlich wieder aus der Talsohle kommen. Man muss mit dem Radsport kein Mitleid haben. Die Situation, dass man den Sport nur noch mit Doping verbindet, hat er sich selbst zuzuschreiben. Auf der anderen Seite ist die Berichterstattung so was von einseitig gewesen - bis zum heutigen Tag. Das ZDF steigt ja nicht in die Übertragung mit ein mit der Begründung: Sie wüssten nicht, ob der Radsport genug macht im Anti-Doping-Kampf. Sie bringen aber Biathlon, wo im letzten Jahr zehn Leute überführt worden sind. Gehen Sie mal in die Fußgängerzone und fragen dort nach - ich wette, dass die Leute dort mehr gedopte 100-Meter-Sieger nennen können als gedopte Tour-de-France-Sieger. Es ist keine Rechtfertigung für den Radsport , da ist vieles schiefgelaufen, beim Verband, den Sportlern und Funktionären. Aber, dass man das Ganze so einseitig auf den Radsport ausgemacht hat und andere Sportarten, in denen nicht mal richtig kontrolliert wird, so puscht, obwohl klar, ist, dass dort unter diesen Umständen keine Dopingfälle auftauchen können, ist unbegreiflich. Aber ich will mich nicht wieder aufregen. Natürlich begrüße ich, dass die ARD wieder einsteigt, das ist essenziell für den ganzen Radsport - vom Schülerrennen bis hin zum Weltranglisten-Ersten.

Der Imageschaden hat sich also bis ganz nach unten durchgezogen?

Walzer: Das ist runtergegangen bis ganz unten. Mein Vater ist ja schon seit Jahrzehnten ehrenamtlich im Radsport tätig. Das ist so weit gegangen, dass die Frauen, wenn sie vor einem kleinen Heimrennen zum Metzger gegangen sind und gefragt haben, ob sie wieder eine kleine Prämie spenden - fünf Ringe Lyoner -, dass die weggeschickt wurden. Da wurde gesagt: Holt euch die bei Erik Zabel und Jan Ulrich!

Glauben Sie, dass der Radsport heute sauberer ist als vor den Skandalen?

Walzer: Im Radsport hat ein ganz klares Umdenken stattgefunden. Ich bin voll im Tagesgeschäft, die Jungs drehen an jedem Schräubchen, um auf normalem Weg schnell zu sein und nicht durch die schnelle Ampulle. Man merkt es auch am Sponsorengebaren. In den Verträgen steht drin: Ein Fall und man ist weg. Die Teammanager sind absolut sensibilisiert. Dass da immer noch welche rumtricksen, ist klar. Das wäre so, als wenn es von heute auf morgen keine Steuerhinterziehung, keinen Versicherungsbetrug mehr gäbe. Das bekommt man nicht raus, der Mensch ist einfach nicht ehrlich. Das wird man in keiner Sportart zu 100 Prozent verhindern können. Man muss aber das Maximum machen, um die Schlupflöcher immer weiter zuzuziehen. Es gibt keine Sportart, die mehr macht im Anti-Doping-Kampf als der Radsport .

Nun steht in drei Wochen die U 23-WM für Felix Drumm an. Wie ist dort die Zielsetzung?

Walzer: Wir werden jetzt bis zur WM voll durchziehen. Wenn bei Felix in den kommenden Wochen alles gut läuft, dann ist ein Platz unter den ersten 20 drin. Einen Spitzenplatz darf man noch nicht erwarten, dafür sind die Cross-Nationen zu stark.

Welche mittelfristigen Ziele stecken Sie und Felix Drumm sich für die Zukunft?

Walzer: Nach der Crosssaison steht erstmal Urlaub an. Dann wird Felix Ende März die ersten Straßenrennen fahren. Wenn er noch mal gut durch den Sommer kommt - der wichtig ist als Vorbereitung auf den Winter - und ein ein bisschen besseres Programm hat, dann wird bei der darauffolgenden Cross-WM, dem letzten bei der U 23, auch ein Top-Ten-Platz möglich sein. Danach machen wir uns Gedanken, wohin die Reise geht.