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Sport-Kolumne: Hotdogs statt Bratwurst

Sport-Kolumne : Hotdogs statt Bratwurst

In den USA ticken die Uhren ein wenig anders. Das wird nirgends so deutlich wie im Sport. Wie sehr sich ein Stadionbesuch zu Deutschland unterscheidet, hat Merkur-Redakteur Martin Wittenmeier bei einem Baseballspiel erfahren.

Die Amerikaner sind fasziniert von Baseball. Und kaum eine andere Sportart verkörpert so sehr den „American way of life“ wie der große Bruder des Brennballs, das viele während ihrer Schulzeit gespielt haben. In Deutschland kennen die meisten das Spiel kaum und langweilen sich beim Zuschauen, was kein Wunder ist. Die Spielregeln sind nicht einfach zu verstehen. Auch ist das Spiel so anders als andere Ballsportarten. Oft passiert nicht viel, die Spieler stehen herum, bis plötzlich in wenigen Sekunden alle losrennen und man den Überblick verliert. Im Vergleich zu einem Fußball-Bundesligaspiel ticken die Uhren hier nicht nur anders, sie ticken vor allem langsamer. Diese Erfahrung habe ich während meines USA-Urlaubes bei einem Spiel der Los Angeles Dodgers machen dürfen.

Es geht schon bei der Fahrt zum Stadion los und weiter bei der Einlasskontrolle. Eines fällt sofort auf: Die Amis haben Zeit. Während mein Kumpel und ich uns bemühen, rechtzeitig auf unseren Plätzen zu sein, um ja nichts zu verpassen, haben die meisten keine Eile ins Stadioninnere zu gelangen. Wozu auch?! Die Langsamkeit des Spiels bietet die Gelegenheit, sich physisch oder geistig mit etwas anderem zu beschäftigen. Etwa dem Essen (statt Bratwurst isst man hier Hotdogs; der berühmte Dodger Dog, ein labbriges Würstchen im Brötchen kostet etwa acht Dollar), dem entspannten Plausch mit Freunden und Familie oder auch einfach mal in der Nachmittagssonne wegzudösen. So ein Baseballspiel dauert schließlich ein Weilchen – an diesem Tag exakt 4:19 Stunden. Die, die es von den zahlreichen Fressständen doch vor dem ersten Inning (Spielabschnitt) auf ihre Sitze geschafft haben, dürfen nicht lange Platz nehmen. Denn zu jedem Baseballspiel gehört das Singen der amerikanischen Nationalhymne. Also wieder hingestellt und die Mütze vom Kopf genommen.

Danach wird es merklich ruhiger im riesigen Dodger-Stadion. Mit einem Fußballspiel hat das Ganze kaum etwas gemein. Bis auf ein gelegentliches „Let‘s go Dodgers“ gibt es keine Anfeuerung. Und auch keine Schmählieder auf die gegnerische Mannschaft. Zumal die Rockies ohnehin fast ohne Unterstützung auskommen müssen. Den weiten Weg von Colorado nach Los Angeles haben wohl nur ganz wenige auf sich genommen. Das ist aber auch nicht weiter schlimm, schließlich gibt es in einer Baseball-Saison ausreichend Gelegenheiten, ein Spiel seiner Lieblingsmannschaft zu verfolgen. Denn die 30 Klubs der Liga sind jeweils 162 Spiele in der regulären Runde zwischen Anfang April und Anfang Oktober im Einsatz. Danach gibt es natürlich noch die Post-Season, die Play-offs.

Pflichtprogramm beim Baseball: Das gemeinsame Singen der amerikanischen Nationalhymne. Foto: maw/Martin Wittenmeier

Mehrere Stunden plätschert alles vor sich hin. Am Ende gewinnen die Dodgers mit 12:6. Da waren die meisten aber schon gar nicht mehr im Stadion.