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Handball: Amelie Berger ist nach schwieriger Zeit zurück

Comeback der Zweibrücker Handballerin : Amelie Berger kann wieder „befreit aufspielen“

Die Handballerin aus Zweibrücken steht wieder auf dem Feld. Sie hat sich nach ihrem Kreuzbandriss im Februar sowie ihrer Kündigung bei Borussia Dortmund im September, die ein Beben im deutschen  Frauen-Handball nach sich zog, zurückgekämpft. In ihrem ersten Pflichtspiel für ihren neuen Club HSG Bensheim/Auerbach erzielte sie auch gleich ihren ersten Treffer.

Dass Ruhephasen und Zeit zum Durchschnaufen in ihrem Sportlerleben rar gesät sind, das kennt Amelie Berger kaum anders. Die Belastung, die sie in den vergangenen Monaten durch die Reha nach ihrem Kreuzbandriss sowie die Umstände ihrer Trennung von Borussia Dortmund erlebt hat, war allerdings nochmal eine ganz andere als die der vergangenen Jahre durch Einsätze in Bundesliga, Champions League und Nationalmannschaft. An Aufgeben hat die 23-Jährige dabei nicht denken wollen. Und so hat sie sich nicht nur zu einem mutigen Schritt entschieden, sondern sich auch sportlich zurückgekämpft. Am vergangenen Wochenende gab Berger ihr Comeback. Bei ihrem ersten Pflichtspieleinsatz für ihren neuen Verein, Bundesligist HSG Bensheim/Auerbach, konnte die Rechtsaußen rund zehn Minuten mitmischen – und erzielte auch gleich ihr erstes Tor.

„Wenn man wieder auf dem Feld steht, dann merkt man natürlich, warum man sich so zurück arbeitet.“ Über Monate mit harter, schweißtreibender Reha. „Es ist einfach ein super Gefühl, wieder mit seinen Mädels auf dem Platz stehen zu können.“ Den ersten Bewährungstest hat damit auch das lädierte Knie bestanden. Berger, die sich den Kreuzbandriss im linken Knie im Februar im Training in Dortmund zugezogen hatte, ist mit der Entwicklung seit der anschließenden Operation in Köln vollauf zufrieden. „Vor allem bin ich auch ziemlich frei im Kopf“, betont sie und fügt an: „Bei meinem Tor zum Beispiel bin ich über das Knie abgesprungen, obwohl es nicht mein Sprungbein ist. Im Normalfall springe ich mit rechts ab. Da nicht. Das hat mir einfach gezeigt, dass die Verletzung nicht mehr im Kopf drin ist und ich befreit aufspielen kann“, ist Berger erleichtert. „Natürlich ist es nochmal etwas anderes als in der Reha. Dort liegt der Fokus auf einer einzigen Aufgabe. Beim Handballspiel kommen so viele Eindrücke dazu. Du weißt nicht, wie der Gegner läuft, was der Torhüter macht. Da werde ich noch ein paar Trainingseinheiten brauchen, um das alles wieder richtig einschätzen zu können. Ich denke, das ist ganz normal.“

Etwas überrascht sei Berger von der Atmosphäre am Sonntag beim 27:30 gegen Buxtehude gewesen. „Es waren über 1000 Zuschauer in der Halle. Das hatte ich schon lange nicht mehr in der Bundesliga“, erzählt die Linkshänderin, die 2015 vom Heimatverein SV 64 Zweibrücken zum Nachwuchs des TSV Bayer Leverkusen gewechselt, über Bietigheim-Bissingen im vergangenen Jahr dann bei Borussia Dortmund gelandet war. Von wo es sie Ende September nach Bensheim zog. „Da war echt eine tolle Stimmung in der Halle. Es waren auch viele Freunde und Familie da, um mich zu unterstützen – das war echt schön.“

Und dieser starke Rückhalt der Familie sei „auf jeden Fall“ auch in den vergangenen, so nervenzehrenden Wochen und Monaten – rund um ihren Weggang aus Dortmund – sehr wichtig gewesen. „Ich muss meiner Familie wirklich ein großes Kompliment machen. Wie die da immer hinter mir stehen und mich unterstützen“, betont Berger, die vor rund fünf, sechs Wochen bei den Bensheimerinnen ins Mannschaftstraining eingestiegen ist. „Ich habe viele von den Mädels davor schon gekannt, aus der Jugendnationalmannschaft, aus der Leverkusener Zeit. Wenn es natürlich auch anders ist, nach fünf Jahren wieder zusammen mit ihnen auf dem Feld zu stehen“, erklärt die 23-Jährige, die sich bei den Flames „auf jeden Fall sehr gut“ aufgehoben fühlt.

Gerade nach der turbulenten Zeit um ihre fristlose Kündigung beim BVB. Zusammen mit ihrer Teamkollegin Mia Zschocke hatte sich Berger zudem an die unabhängige Beratungsstelle für „Anlauf gegen Gewalt“ im Sport gewandt – und mit den Anschuldigungen gegen Trainer André Fuhr ein schweres Beben ausgelöst. Zahlreiche Spielerinnen haben sich gemeldet, die nach eigenen Angaben psychisch unter den Trainingsmethoden des ehemaligen Coaches gelitten hatten. Von Machtmissbrauch in übelster Form ist die Rede, der Spiegel schrieb von Psychoterror und Systemversagen (wir berichteten).

Nach diesem Schritt sei bei Berger ganz klar eine Last abgefallen. Für sie sei es nun gut, wieder Handball spielen, nach vorne blicken zu können. Wenn das Thema „natürlich“ auch noch nicht abgehakt ist und sie weiterhin begleiten wird. „Ich habe ziemlich viel positives Feedback bekommen für den Mut und den Einsatz. Das hat mir gezeigt: Wir haben das Richtige gemacht. Wir haben – wahrscheinlich vielen hunderten – Mädels das Leben vereinfacht. Diese Rückmeldungen haben Kraft gegeben“, erzählt sie. „Aber das wird wohl trotzdem noch eine harte Saison, weil man natürlich immer wieder darauf angesprochen wird und auch im Hintergrund noch Sachen laufen.“ Wie beispielsweise die Aufarbeitung durch den Deutschen Handballbund (DHB). „Es ist klar, dass wir da immer wieder herangezogen und erzählen werden, wie das alles war.“ Und doch will die Psychologie-Studentin, die im Sommer ihre Bachelor-Arbeit schreibt, den Hauptfokus wieder auf das Sportliche richten.

Etwas mehr Entspannung zieht nach dem Umzug nach Bensheim Anfang dieser Woche – mit Freund Luis sowie ihrem Australian Shepherd Balu – auch in den Alltag ein. „Das war ein bisschen stressig am Montag und Dienstag.“ Aber nach dem Kisten Schleppen und Einrichten kann Berger auch dort nun ein bisschen runterkommen. „Davor habe ich die ersten acht Wochen bei einer Mitspielerin geschlafen und teilweise im Hotel“, erzählt die Rechtsaußen, die nun nur noch 200 Meter von der Halle weg wohnt. „Die Spitze kann ich sogar sehen“, sagt sie lachend. Durch den Wohnortwechsel von Dortmund nach Bensheim ist auch der Weg zur Familie im rund 130 Kilometer entfernten Zweibrücken wieder „entspannter zu fahren“.

Über die Weihnachtstage dort groß zu verweilen, ist aber nicht drin. Denn eine echte Winterpause steht nicht an. Vielmehr sei die EM-Zeit im November für die Nicht-Teilnehmenden diese Ruhephase gewesen. „Zwischen den Jahren haben wir zwei Spiele. Volles Programm also“, erklärt die Nationalspielerin, die mit der EM in diesem Jahr erstmals seit langer Zeit ein Großereignis aufgrund ihrer Verletzung verpasst hat. Im September 2018 hatte die Zweibrückerin mit gerade mal 19 Jahren gegen Russland ihr Debüt in der A-Nationalmannschaft gegeben und danach bereits zwei Europa- (2018 und 2020) und zwei Weltmeisterschaften (2019 und 2021) mit der DHB-Auswahl bestritten. „Wir waren auch während meiner Verletzung im engen Austausch, auch mit der medizinischen Abteilung. Das Risiko und die Belastung wären bei der EM aber noch zu hoch gewesen, wo ja viele Spiele in kurzer Zeit sind. Da haben wir gemeinsam entschieden, dass es zu früh käme“, erklärt Berger, dass sie auch beim Nationalteam weiter im Check-up sei. Nach der EM habe Bundestrainer Markus Gaugisch angerufen und sich bei ihr nach dem Stand der Dinge erkundigt. Und um den Jahreswechsel herum stünden nun Kurzlehrgänge an. „Je nachdem, an welchem Standort das ist, könnte es sein, dass ich da auch wieder dabei bin – und im Februar ist dann schon wieder die WM-Quali“, freut sich Amelie Berger auf die kommenden sportlichen Herausforderungen, die ihren Terminkalender wieder füllen werden.