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Kolumne Ballgefühl(e): Glücklos vs. Glücksspieler

Kolumne Ballgefühl(e) : Glücklos vs. Glücksspieler

Ich frage mich schon seit dem allerersten Tag der Weltmeisterschaft in Russland, wer außer einem Chefredakteur, der damit beim Brainstorming vermutlich allenfalls seine vorgeblichen rhetorischen Finessen dokumentieren wollte, ernstlich auf die Idee kommen kann, eine Kolumne – wie die gerade von Ihnen gelesene – mit dem Titel ,,Ballgefühl(e)“ zu überschreiben?

Ich frage mich schon seit dem allerersten Tag der Weltmeisterschaft in Russland, wer außer einem Chefredakteur, der damit beim Brainstorming vermutlich allenfalls seine vorgeblichen rhetorischen Finessen dokumentieren wollte, ernstlich auf die Idee kommen kann, eine Kolumne – wie die gerade von Ihnen gelesene – mit dem Titel ,,Ballgefühl(e)“ zu überschreiben?

Ballgefühl(e) – das klingt nach Emotion, nach Verbundenheit. Es suggeriert, dass derjenige, der in die Tasten haut, mit dem Ball per Du ist. Und ein wenig mag es sogar vorgaukeln, dass der Namensgeber Ahnung hat. Ja, ich denke, das hat den Redaktionsverantwortlichen wohl verleitet, just diesen Titel bei der Taufe der Kolumne zu wählen! Da bezaubert und betört schon allein die Wortwahl. Da schimmern sie durch – poetisch formulierte Sentenzen aus den fantasievoll gewaltigen Sphären der Fußballkunst zwischen Flügelflitzern und Bananenflanken. Da ist alles nur noch ein einziges Schwingen. Ballgefühl(e), das klingt nach allem. Nur nicht nach – Desaster.

Und doch ist es genau das: Nach Ende der Vorrunde liegt eben jener kluge Kopf im redaktionsinternen Tipp aussichtlos abgeschlagen auf einem der letzten konkret: dem allerletzten Platz im Ranking. Von Ballgefühl ist längst keine Rede mehr, dafür lodert die doppelte Portion Wut und Scham. Auch darüber, dass all das Wissen, was in ihm schlummert, so vergeblich in die Tipps reingelegt wurde: Testspielergebnisse, Aufstellungen, Können der Kicker, taktische Finessen, das Know-how von der Dreier- bis zur Vierer- oder gar Fünferkette mit dem doppelten Sechser auf der Position des Achters – alles verpufft. Die Titelträger in chronologischer Reihenfolge, die Laktatwerte der TV-Kommentatoren, der Gockelfaktor von CR7 sowie die Körbchengröße der von ihm gecasteten Leihmutter – alles Wissen ist so wertlos.

Drum steht nun ein radikaler Schnitt an: Spätestens mit Beginn der K.o.-Runde werden die ,,Ballgefühl(e)“ eingemottet. Es gibt nur noch zwei Wege, die das Klettern in der Tabelle ermöglichen können: Entweder der mutige Tipper setzt einfach auf die Mannschaft mit der schönsten Flagge und macht es also genau so wie eine nervtötende Werbung im Fernsehen vermittelt. Da sagen marketingtechnisch kluge Köpfe (aus der Kreditwirtschaft) im eigentlich ungewinnbaren Duell gegen den schier übermächtigen Branchenprimus doch auch: ,,Machen wir das mit den Fähnchen!“

Oder aber der fußballtheoretisch so außerordentlich gebildete und in der Vorhersage von Ergebnissen (richtigen natürlich!) so gestählte Sportkamerad verlässt sich auf die Wissenschaft und die von ihr zu Tage geförderten Erkenntnisse: Demnach gewinnt nämlich in der Vielzahl der Fälle das Team in den roten Trikots. Kein Wunder: Steht diese Farbe doch für eine besondere Art der Aggressivität, weshalb sich der Gegner fast automatisch in die Hosen macht, wenn er rote Hemdchen über der Brust des Kontrahenten sieht. Sagen die Psycho-Experten.

Wohl an, so wird es also gemacht!

Einziges Dilemma auf dem Weg zum Thron des Wettkönigs. Die Fifa müsste im Rahmen weitreichender Reformen anlässlich eines eiligst einberufenen Not-Councils nur noch schnell entscheiden, dass immer eines von zwei Teams ein rotes Trikot tragen muss. Dürfte eigentlich – so lehrt die jüngste Vergangenheit – kein großes Problem sein, da doch die ehrwürdigen Gralshüter des Weltfußballs auch sonst für jeden Schwachsinn offen sind. Und da hinter der revolutionären Trikotmasche sogar der schnöde Mammon lockt – im konkreten Falle winken dem Tippkönig bei uns 60 Euro – sollte das geldgeile Fifa-Konsortium um Gianni Infantino die Idee flugs durchwinken!