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Muaythai-Boxen: „Einfach für ein paar Stunden in den Tunnel“

Muaythai-Boxen : „Einfach für ein paar Stunden in den Tunnel“

Muaythai-Trainer Alexander Reiter spricht über die Faszination der Kampfsportart und die Bedeutung der Anerkennung durch das IOC.

Muaythai-Boxen hatte in Deutschland lange einen schlechten Ruf, noch vor 20 Jahren waren kaum Vereine zu finden, die diesen Kampfsport anboten. Das hat sich gewandelt, im vergangenen Dezember hat die Sportart sogar die Anerkennung durch das Internationale Olympische Komitee erhalten. Alexander Reiter eröffnete 2013 gemeinsam mit seiner Frau Xenia das Muang Gularb Gym in Zweibrücken, mittlerweile ein eingetragener Verein. Der 34-jährige Vorsitzende und Trainer spricht über die Faszination des Sports, die Entwicklung im Verein und die Bedeutung, bald auch olympisch sein zu können.

Herr Reiter, Muaythai ist nicht die populärste Sportart in Deutschland, wie sind Sie dazu gekommen?

Alexander Reiter: Ich habe als 14-Jähriger mit Karate angefangen, nach dem schwarzen Gürtel wurde es mir aber zu langweilig (lacht). Dieser Semikontakt macht mit 14 oder 15 noch Spaß. Aber mit 19 oder 20, da will man es wissen. Muaythai war damals, als ich 14 war, einfach noch nicht so verbreitet. Karate und Kickboxen ja, aber die ersten Muaythai Gyms kamen so um die Jahrtausendwende, allerdings noch weiter weg. Damals musste man schon rund 100 Kilometer fahren. Ich wollte aber einfach zum Vollkontakt. Mittlerweile findet man schon im Umkreis von 20 Kilometern immer einen Muaythai-Club.

Wie sehen Sie die Entwicklung in Ihrem Verein, seit Sie das Muang Gularb 2013 gegründet haben?

Reiter: Wir haben mittlerweile rund 70 Mitglieder. Am Anfang hat es natürlich ein bisschen gehapert, bis man den Bekanntheitsgrad hat, aber mittlerweile läuft es. Vor allem auch im Bereich für Jugendliche und Kinder. Seit Juni haben wir ein Kinder-Wettkampfteam. Das sind acht- bis zehnjährige Kids, die am 4. November in Bacharach auch ihren ersten Kampf haben. Das läuft sehr positiv, die Kinder sind sehr ehrgeizig und wollen alles am liebsten genauso gut wie die Erwachsenen machen. Vor allem unserer Jugendlichen Eric Stickelmeier und Michael Stabel sind die Vorbilder. Zu ihnen schauen die Kleinen auch im Training auf.

Ab wie vielen Jahren würden Sie empfehlen mit dem Muaythai-Sport zu beginnen?

Reiter: Bei uns geht es ab sechs Jahren. Wobei das noch recht jung ist. Optimal ist es bei den Achtjährigen, die sind schon richtig weit. Bei den Sechsjährigen ist es vom Verständnis und der Physis noch schwieriger. Wobei es natürlich Ausnahmen gibt, deshalb bieten wir es auch schon ab sechs an. Da muss das Training aber viel spielerischer sein, damit es den Kids nicht langweilig wird. Bei den Wettkämpfern, auch den Achtjährigen, sieht das anders aus. Die sind dann schon auch eine Stunde fokussiert. Da wundert man sich selbst manchmal, wie gut die das mitmachen. Natürlich muss man auch dort im Training mixen, damit es Spaß macht. Früher als mit sechs Jahren sollte man mit dem Vollkontakt-Sport nicht beginnen. Wobei bei den Kindern alle Aktionen am Kopf auch noch nicht erlaubt sind, das heißt, es geht nur zum Bauch, den Beinen, zum Körper und natürlich auch mit vollem Schutz, damit wirklich nichts passiert.

Was muss ein guter Muaythai-Boxer mitbringen?

Reiter: Ehrgeiz! Das ist das wichtigste. Die körperlichen Voraussetzungen kommen mit der Zeit im Training. Aber Hauptsache ist, der Kopf ist dabei.

Sind Sie selbst noch im Ring aktiv?

Reiter: Nein, nur noch als Trainer. Als wir das Muang Gularb eröffnet haben, habe ich mit Wettkämpfen aufgehört. Im Training macht man natürlich noch mit, aber für mich ist es wichtig, dass die Jungs gut werden. Ich hatte meine Chance, ich habe meine Kämpfe gemacht – aber ich bin langsam aus dem Alter raus (lacht), jetzt dürfen die Jungen ran.

Würden Sie sagen, dass es eine Altersgrenze nach oben gibt?

Reiter: Zum Spaß geht es natürlich länger. Es sind bei uns derzeit Sportler dabei, die bis 45 Jahre alt sind. Als Freizeitsport kann man Muaythai natürlich machen, solange man sich fit genug fühlt, aber als Leistungssport ist es irgendwann vorbei.

Unter den 70 Mitgliedern sind sicher nicht nur Wettkampfsportler, an wen richtet sich das Angebot?

Reiter: Der Anteil der Wettkampfsportler ist ein geringer. Rund 90 Prozent sind Freizeitsportler. Im Durchschnitt haben wir zehn aktive Wettkämpfer. Es sind Frauen und Mädchen, Kinder, Jugendliche und Erwachsene dabei. Es gibt Sportler, die wollen es auch mal im Kampf ausprobieren, gehen einmal in den Ring, wissen dann, wie es ist, dann ist es aber auch gut. Von denen, die wirklich Woche für Woche hart trainieren, die hoch hinaus wollen und regelmäßig auf Wettkämpfe gehen, hat man wirklich wenige. Es gibt aber sogar Leute, die kommen, weil sie körperliche Probleme haben – an Rücken oder Knien.

Muaythai wäre dazu – ganz ehrlich – nicht die erste Sportart, die mir dazu einfallen würde.

Reiter: Eigentlich nicht, nein. Am Anfang, bei den ersten Sportlern mit Knieproblemen, habe ich selbst gezweifelt. Die wollten aber unbedingt ausprobieren, ob es geht. Dann haben wir mit ihnen ein Trainingsprogramm gemacht. Und oh Wunder, es funktioniert wirklich einwandfrei und sie sind seit ein paar Jahren immer noch alle dabei und haben sogar eine Besserung der Leiden gespürt

Ist es vor allem der Fitnessgedanke, der die Menschen zu Ihnen bringt oder spielt auch der Selbstverteidigungsgedanke eine Rolle?

Reiter: Ab und zu schon, aber es steht nicht im Vordergrund. Wir bieten es an und machen auch immer mal wieder mit unseren Sportlern ein Selbstverteidigungstraining. Aber grundsätzlich ist es der Ausgleich zum Alltag, den die Menschen suchen, sich einmal voll auszupowern und für ein paar Stunden den Kopf frei zu bekommen vom Beruflichen und Alltäglichen. Es ist schön, für ein paar Stunden einfach mal an nichts anderes zu denken. So war es auch bei mir selbst. Ich war einfach weg, in dem Tunnel. Danach hat man den Kopf frei und es geht einem einfach auch besser, wenn man nicht so voll geladen ist mit Sorgen.

Ihre Frau Xenia ist die zweite Vorsitzende des Muang Gularb. Es ist also ein gemeinsames Projekt?

Reiter: Ja, es geht auch nur zusammen. Wir sind beide berufstätig, der Sport ist immer „nur“ ein paar Stunden abends möglich. Ob Training, Buchhaltung oder Werbung, das muss alles nebenbei laufen (lacht). Am Anfang haben wir das ein bisschen unterschätzt. Jetzt, wo es immer besser läuft, kommt auch immer mehr hinzu, auch die Wettkämpfe werden häufiger. Mittlerweile haben wir Kämpfer, die den Ehrgeiz und das Verständnis haben. Die muss man natürlich fördern. Das beste Beispiel ist Michael Stabel, der gleich bei seinem ersten Start in diesem Jahr deutscher Meister geworden ist. Das macht natürlich auch stolz, und man vergisst, all das, was man dafür machen musste. Das ist wie mit kleinen Kindern, bei denen man die schlaflosen Nächte vergisst, wenn sie einen anlächeln.

Was macht für Sie die Faszination am Muaythai-Boxen aus?

Reiter: Das die Sportart einzigartig ist. Jeder Kämpfer für sich. Ich habe vorher Karate trainiert und wir sind alle 50 in die gleiche Richtung gelaufen, haben alle 50 gleich gekämpft, alle gleich gelacht. Hier ist jeder individuell, jeder hat seinen eigenen Stil. Jeder Kämpfer ist anders und geht ganz individuell mit den Möglichkeiten um.

Ende 2016 hat des Muaythai die Anerkennung durch das IOC erhalten. Ein wichtiger Schritt?

Reiter: Sehr wichtig. Vor 20 Jahren hätte niemand geglaubt, dass das mal passiert. Das ist ein Erfolg. Muaythai war früher immer verrufen. Es hatte den Ruf, dass es nur eine Straßenschlägerei ist Aber das ist nicht so. Es ist sicherlich nicht ungefährlich, aber es gibt Regeln, es gibt Schutzausrüstung und Kampfrichter. Eigentlich ist alles wie beim Boxen, nur, dass auch Knie, Ellbogen und Kicks dabei sind. Mittlerweile hat sich der Ruf gebessert und es ist schön, dass man das IOC überzeugen konnte, dass es doch anders ist.

Es ist sicher auch für das Ansehen des Sports von Bedeutung?

Reiter: Ja, und auch für den Versuch der Muaythai-Vereine, in die einzelnen Landessportbünde zu kommen, Zuschüsse beantragen zu können. Wenn Kämpfer heute auf Welt- oder Europameisterschaften fahren, müssen die Vieles selbst zahlen. Mittlerweile werden vom Deutschen Muaythai-Bund Reisekosten übernommen, aber Hotel und Verpflegung muss man selbst tragen. Momentan können die Muaythai-Sportler noch an den World Games teilnehmen. In drei Jahren hoffen wir, die vollständige Anerkennung durch das IOC zu bekommen. Dann kann der Verband den Antrag stellen, ins olympische Programm aufgenommen zu werden. Wir müssen uns bis dahin behaupten.

Ein Schnuppertraining ist beim Muang Gularb, was Rosenstadt Gym bedeutet, möglich. Die Trainingszeiten für Freizeitsportler sind montags und mittwochs von 18.30 bis 20 Uhr sowie freitags von 19.30 bis 21 Uhr. Fortgeschrittene und Wettkämpfer trainieren montags und mittwochs von 20 bis 21.30 Uhr sowie freitags von 19.30 bis 21 Uhr. Kindertraining findet freitags von 18 bis 19 Uhr statt. Weitere Informationen gibt es bei Alexander Reiter, Tel. (0176) 96 04 07 39 oder auf der Homepage www.muang-gularb-gym.de.

Dieses Gespräch führte
Svenja Hofer.