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Interview der Woche: "Die Runde wird kein Selbstläufer"

Interview der Woche : "Die Runde wird kein Selbstläufer"

Oberliga-Handballerinnen des SV 64 Zweibrücken wollen mit starker Heimbilanz die nötigen Punkte für den Klassenverbleib holen.

Noch immer makellos ist die Bilanz der Oberliga-Frauen des SV 64 Zweibrücken nach fünf Spieltagen. Gleichauf mit der HSG Hunsrück liegen die Löwinnen an der Tabellenspitze. Vor einem Jahr sah es dagegen richtig düster aus für die Mannschaft von Trainer Rüdiger Lydorf, die nach einigen Verletzungssorgen fast bis zum Saisonende um den Klassenverbleib bangen musste. Deshalb ist Lydorf froh, mit seinem breiten Kader wieder mehr rotieren und junge Spielerinnen aus der A-Jugend Schritt für Schritt an die erste Mannschaft heranführen zu können. Titelkandidaten sind für ihn aber andere Teams.

Herr Lydorf, Ihre Mannschaft ist sensationell in die Oberliga-Saison gestartet. Nach fünf Spielen führt man ungeschlagen die Tabelle an. Kommt das für Sie auch so überraschend?

Rüdiger Lydorf: Na klar, auch wenn die Tabelle nach fünf Spieltagen noch nicht so aussagekräftig ist. Das wir jetzt mit 10:0-Punkten gestartet sind, ist natürlich super und zeigt auch, dass es innerhalb des Teams funktioniert. Aber die Runde wird kein Selbstläufer. Das hat das letzte Jahr gezeigt.

Damals hatte Ihre Mannschaft große Anlaufschwierigkeiten und lag zum selben Zeitpunkt auf einem Abstiegsplatz. Was war da los?

Lydorf: Wir mussten in der Vorbereitung erstmal schauen, dass wir die letzte Saison aus den Köpfen der Mädels kriegen. Da hatten wir mit Lucie Krein und Anne Wild, die uns zu Beginn enorm gefehlt hatte, zwei wichtige Spielerinnen ersetzen müssen. Als Anne dann zurück kam, lief es etwas besser, aber auch nie so richtig rund. Vor Weihnachten hatten wir zwar fünf, sechs Spiele gewonnen und jeder dachte, jetzt ist der Knoten geplatzt. Aber mit einer Niederlage war wieder alles dahin. Dann kam die Abstiegsangst zurück und man hat gemerkt, dass die Mädchen ziemlich verkrampft sind. Die Angst hat schon stark gehemmt. Als wir zwei Spieltage vor Saisonende den Klassenerhalt sicher hatten, hat die Mannschaft ganz anders aufgespielt.

Vieles war also offensichtlich einfach Kopfsache. Macht sich die mentale Komponente im Frauen-Handball stärker bemerkbar, als bei den Männern?

Lydorf: Ich glaube schon. Männer können das vielleicht besser ausblenden. Aber auch für mich als Trainer war das eine extrem harte Zeit. Als Spieler kann ich jede Woche mein Bestes geben – manchmal läuft es halt einfach scheiße. An der Seitenlinie bin ich von vielen Faktoren abhängig, die ich nicht beeinflussen kann.

Wie wichtig war es, nach der Zittersaison eine gute Vorbereitung hinzulegen?

Lydorf: Enorm wichtig. Bis auf die Spiele gegen Drittliga-Teams haben wir keinen Test verloren. Das war einfach wichtig fürs Selbstvertrauen, um zu zeigen: Hey, wir können gewinnen, wir haben ne‘ gute Mannschaft. Davon profitieren wir jetzt auch zu Beginn der Runde.

Wurden die Trainingsinhalte umgestellt im Vergleich zum Vorjahr?

Lydorf: Da eigentlich immer mehrere Spielerinnen gleichzeitig in Urlaub waren, haben wir sehr viel und intensiv in Kleingruppen gearbeitet. Auch im athletischen Bereich – in den Gegenstoß reingehen und zu verteidigen – wurde deutlich zugelegt, was uns in den ersten Saisonspielen zu Gute gekommen ist. Da haben wir bislang nur drei, vier Gegenstoßtreffer bekommen, aber bestimmt schon zehn oder zwölf selbst erzielt.

Welche Gründe gibt es noch für den guten Saisonstart?

Lydorf: Unsere Torhüterinnen haben in den letzten Spielen richtig gut gehalten. Das macht im Handball super viel aus, wenn du jemanden hast, der zwei, drei Bälle hält, die man nicht halten muss. Das gibt den Mädels zusätzlich Sicherheit. Dazu war Lucie Krein gerade in den ersten drei Partien bärenstark.

Auf welche Spielerinnen kommt es besonders an?

Lydorf: Ich muss sagen, dass wir in der Breite doch relativ gut aufgestellt sind. Wir hatten Spiele, in denen Lucie unentbehrlich war, in anderen waren es Levke Worm und Katharina Koch. Aber es ist schon so, dass wir viel rotieren können. Wenn eine einen schwächeren Tag hat, springt eine andere für sie in die Bresche. Das ist ganz, ganz wichtig, denn es gibt keinen Spieler, der alle 26 Partien auf einem Niveau spielen kann. Wenn jeder seine Form hat, gibt es bei uns wenig Leistungsabfall.

In welchen Bereichen kann Ihr Team noch zulegen?

Lydorf: Ich denke, unsere Abwehr kann noch mehr. Es gibt Phasen, in denen wir gute Ballgewinne haben, aber da könnten wir mitunter noch konsequenter spielen. Und im Tempo nach vorne geht immer mehr. In der Vorbereitung haben wir gegen die Bundesliga-Mannschaft von Bayer Leverkusen gespielt. Da hat man gesehen, was an Spielgeschwindigkeit und Passgenauigkeit möglich ist. Die passen teilweise härter, als wir aufs Tor werfen (lacht). Damit können wir uns natürlich nicht messen, aber für die Mädels war das eine tolle Erfahrung. Wann hat man schon mal die Gelegenheit, gegen Nationalspielerinnen anzutreten?

Was nimmt man aus einem solchen Spiel mit?

Lydorf: Es ist einfach wichtig zu sehen, dass die Abläufe funktionieren. Auch gegen eine Mannschaft, die unendlich stärker ist und uns mit 40:11 geschlagen hat. Das gibt, wenn man es richtig annimmt, Selbstbewusstsein. So paradox es sich anhört: Sie haben „nur“ 40:11 gegen uns gewonnen. Vor ein paar Wochen in der 1. Liga haben die einen Gegner auch mit zwölf Toren geschlagen und das ist die gleiche Klasse. Da haben die Mädels gesehen, dass sie auch Handball spielen können.

Welche Ziele haben Sie sich für die laufende Runde steckt?

Lydorf: In der Vorbereitung haben wir eigentlich wenig darüber gesprochen, was unser Saisonziel ist. Mir ist es wichtig, dass wir in den Heimspielen eine stabile Leistung bringen. Letztes Jahr hatten wir da überhaupt keine Konstanz drin. Wir haben auswärts ein paar Spiele gewonnen, dann zuhause ein paar. Aber alle Teams, die mit uns um den Klassenerhalt gekämpft haben, waren auswärts komplett scheiße, haben aber fast alle Heimspiele gewonnen – egal welcher Gegner gekommen ist. In dieser Liga macht es viel aus, wenn du deine Heimspiele gewinnst. Auswärts holst du immer mal zwei, drei Siege. Das ist dann schon die halbe Miete, um wenigstens einen Platz im sicheren Mittelfeld zu belegen. Deshalb war es so wichtig, dass wir die ersten vier Heimspiele schon mal gewonnen haben und hoffentlich auch noch nachlegen können. Wir wollen so schnell wie möglich genügend Punkte holen, um in der Rückrunde gar nicht erst in den Abstiegsstrudel zu geraten. Diesen Flow, den wir derzeit haben, wollen wir beibehalten. Interessant wird es, wie die Mannschaft reagiert, wenn wir mal wieder ein Spiel verlieren.

Gibt es Nachwuchsspielerinnen im Verein, die den Sprung in die Oberliga schaffen können?

Lydorf: In dieser Runde hatten wir eigentlich auf allen Positionen schon eine A-Jugendliche dabei. Pauline Hartfelder rückt im Moment fast jedes Spiel in die erste Mannschaft, weil unsere etatmäßige Linksaußen erkrankt ist. Auf der rechten und linken Angriffsseite, am Kreis und auf Linksaußen haben wir zwei bis drei A-Jugendliche, die uns weiterhelfen können und auch in der Vorbereitung eine gute Figur gemacht haben. Kim Pfeifer war im ersten Spiel dabei, Anna-Lena Frank hat in Bretzenheim überzeugt. Da gibt es einige, die den Sprung schaffen können.

Welche Teams gehören für Sie zu den Meisterschaftsanwärtern?

Lydorf: Schwierig. Die Leistungsdichte dieses Jahr ist brutal. Du musst jedes Wochenende 110 Prozent geben, um zu gewinnen. Ich denke, dass Hunsrück, die mit uns an der Spitze liegen, eine sehr große Rolle spielen werden. Die waren letztes Jahr schon ein starker Aufsteiger und haben sich auf den Positionen, auf denen es noch gefehlt hat, verstärkt. Außerdem sind die super heimstark. Mainz-Budenheim II will unbedingt hoch. Da ist immer schwierig zu sagen, wer von der ersten Mannschaft in den Kader rückt. Die haben das jetzt auch schon zwei Spiele praktiziert und Zweitliga-Spielerinnen runtergezogen. Die sind ein echtes Überraschungs-Ei.