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„Der Fußball hat mein Leben gerettet”

„Der Fußball hat mein Leben gerettet”

In vielen Sportarten und Vereinen gibt es Unikate, die mit Leib und Seele dabei sind. Der Merkur stellt einige von ihnen vor. Im zwölften Teil: Ludwig Klein, der heute seinen 90. Geburtstag feiert und als Zweibrücker Torwartlegende noch immer eng mit dem Sport verbunden ist.

"Dass ich solche Handschuhe mal anhaben würde, hätte ich nicht gedacht. Da bekommt man gleich wieder Lust, sich in den Kasten zu stellen", frotzelt Ludwig Klein, als er ein paar moderne Torwarthandschuhe zur Anprobe bekommt. Ludwig Klein, der heute seinen 90. Geburtstag feiert, gehört zu den besten Schlussmännern der Zweibrücker Fußballgeschichte. Wahrlich, von der Statur her ist er groß gewachsen, hat scheinbar kein Gramm zu viel auf den Rippen und ist mit großen Händen ausgestattet. Damit hat "de kleine Lui", wie er bis heute noch gerufen wird, das Gardemaß für Torhüter. Sein Spiel ist auch bei den Mitgliedern des Zweibrücker Fußball Senioren Clubs (Gemischte Gruppe aus allen Zweibrücker Fußballvereinen) in Erinnerung geblieben. "Er war ein über die Landesgrenzen hinaus als grundsolider, sehr guter Torwart bekannt", sagt Kurt Werle über Klein. Karl Koyne, der ebenfalls dem Club ehemaliger Kicker angehört, geht sogar soweit, zu sagen: "Ludwig ist der beste Zweibrücker Keeper nach dem Krieg."

Krieg ist ein Stichwort, das Ludwig Klein oft benutzt, wenn er von den alten Zeiten spricht. Nach einer erfolgreich abgeschlossenen Ausbildung zum Dreher im Jahre 1944, bei der traditionsreichen nicht mehr existierenden Zweibrücker Hoch- und Tiefbaufirma Oltsch, wurde der gebürtige Wattweiler noch im gleichen Jahr von der Wehrmacht verpflichtet. Bei einem Einsatz in Bollendorf an der Sauer, nahe der luxemburgischen Grenze, geriet Klein schließlich Anfang 1945 in britische Kriegsgefangenschaft. Bis zu seiner Entlassung am 20. April 1948 war Ludwig Klein, den die Engländer wegen seiner dürren und großen Statur nur "Picco" oder "Picollo" nannten, hauptsächlich im Arbeitslager in Brook House in England. Im Camp "Haywards Heath" traf er auf einen britischen Offizier, der Fußballbegeisterung zeigte. So ergab sich, dass sich nach der Tagarbeit bei den Gefangenen eine Fußballmannschaft entwickelte. Auf einem ehemaligen Kricketplatz wurde an den Samstagen gegen andere Lagermannschaften gespielt. "Der Fußball hat mein Leben gerettet", betont Klein rückblickend auf diese Zeit.

Was dem Rentner neben den Erlebnissen in der Kriegszeit bisweilen ebenso im Gedächtnis haften geblieben ist, ist das Aufeinandertreffen mit der Torwartlegende Bernd Trautmann, der in den Lagerspielen oft sein Gegenüber war. Klein spielte sogar einmal für die Kriegsgefangenen-Auswahl gegen Südengland.

Ludwig Klein ist als das älteste von vier Kindern in einer Landwirtsfamilie aufgewachsen. Er habe eine bodenständige Einstellung mitbekommen. Daher sei es ihm damals nicht schwergefallen, zahlreiche Angebote englischer Clubs auszuschlagen, um nach der Kriegsgefangenschaft wieder in seine Heimat zurückzukehren und als Vertragsspieler beim TSC Zweibrücken anzuheuern. "Hinter dem Tor haben immer die Mädchen gestanden, aber nicht wegen des besseren Überblickes auf das Spiel, sondern weil sie dem Modellathleten Ludwig zusehen wollten", erinnert sich Kurt Werle lachend zurück. Wenn Not am Mann war, zog es ihn als pfeilschnellen rechten Außenverteidiger auch weiter vor aufs Spielfeld. Die Mädels an der Seitenlinie hätten ihm immer "Ludwig, Ludwig, Ludwig" zugerufen, wenn er zu einem Laufsolo ansetzte - und sogar die eine oder andere geschlagene Flanke direkt ins Tor versenkte. In seiner Zeit am Wattweiler Berg, von 1948 bis 1953, erlebte er seine Glanzzeit in der höchsten deutschen Amateurklasse, der 2. Division, heute vergleichbar mit der 2. Bundesliga. Das Endspiel um die deutsche Amateurmeisterschaft 1952 gegen Fulda, das 0:1 verloren ging, gehört zu seinen besonderen sportlichen Momenten. Ebenso Freundschaftsspiele gegen damalige Spitzenmannschaften aus Schweden, die aufgrund historischer Verbindung zur Rosenstadt ausgetragen wurden. Nach Querelen beim TSC wechselte der als tadelloser und fairer Sportsmann bekannte Jubilar dann an den Hornbachstaden zu den Vereinigten Bewegungsspielern. Dort blieb die Torwartlegende für sechs Spielzeiten bis 1959 im Kasten.

Die deutsche Fußballmannschaft des Gefangenlagers Brook House mit Torwart Ludwig Klein aus Ernstweiler (kniend Mitte). Foto: Privat Foto: Privat

Im Kreise seiner Familie, mit Sohn Norbert, sowie seiner Ehefrau Gisela, mit der er bereits seit 66 Jahren verheiratet ist, feiert Ludwig Klein heute sein Wiegenfest, zudem sich sicherlich auch der ein oder andere Weggefährte aus Fußballerzeiten dazugesellen wird.