Finale im DFB-Pokal Funkels Glaube an das eine Prozent

Kaiserslautern/Berlin · Für Trainer Friedhelm Funkel braucht es ein „Wunder“. Für den in Kaiserslautern geborenen Sänger Mark Forster eine „kosmische Fügung“. Und für die zehntausenden FCK-Fans in Berlin schlicht eine Sensation. Der 1. FC Kaiserslautern fordert am Samstag im Finale des DFB-Pokals den deutschen Meister Bayer Leverkusen heraus.

Der scheidende FCK-Trainer Friedhelm Funkel steht unter der Westtribüne des Fritz-Walter-Stadions. Im Hintergrund ist ein Graffiti zu sehen, das den DFB-Pokal zeigt. Wenn Kaiserslautern an diesem Samstag gegen Leverkusen gewinnt, muss sich Funkel nicht mit einem Wandgemälde begnügen, sondern kann die echte Trophäe in die Höhe stemmen.

Der scheidende FCK-Trainer Friedhelm Funkel steht unter der Westtribüne des Fritz-Walter-Stadions. Im Hintergrund ist ein Graffiti zu sehen, das den DFB-Pokal zeigt. Wenn Kaiserslautern an diesem Samstag gegen Leverkusen gewinnt, muss sich Funkel nicht mit einem Wandgemälde begnügen, sondern kann die echte Trophäe in die Höhe stemmen.

Foto: dpa/Uwe Anspach

Vielleicht schaut so ein Fußball-Wunder ja in jeder Dekade mal vorbei. Etwa zehn Jahre ist es schließlich her, dass der 1. FC Kaiserslautern schon einmal einen überraschenden Sieg im DFB-Pokal feierte. Der damalige Gegner: Bayer Leverkusen. Am 12. Februar 2014 war es der Norweger Ruben Jenssen, der die Roten Teufel in der BayArena mit seinem Tor in der Verlängerung zum 1:0-Erfolg – und damit ins Halbfinale des Wettbewerbs schoss.

An diesem Samstag (20 Uhr/ARD und Sky) stehen sich die Mannschaften erneut im DFB-Pokal gegenüber. Diesmal im großen Finale in Berlin. Schon 2014 gehörte Leverkusen zur erweiterten Spitze in der 1. Bundesliga (Rang vier am Saisonende). Und schon damals spielte der FCK zweitklassig. Und dennoch: War der Erfolg der Pfälzer vor zehn Jahren eine große Überraschung, wäre er nun eine handfeste Sensation. Ohne Niederlage in der Liga wurde Bayer 04 in dieser Spielzeit deutscher Meister. Dass der italienische Club Atalanta Bergamo am Mittwoch im Finale der Europa League gegen die Rheinländer (3:0) unter Beweis stellte, dass Leverkusen nicht vollkommen unverwundbar ist, dürfte die Aufgabe für den FCK am Wochenende nicht einfacher machen. „Wenn nicht Triple, dann Double. Wir haben immer noch die Chance, die fast perfekte Saison zu spielen“, sagte Bayers Mittelfeld-Stratege Granit Xhaka nach dem geplatzten Titel-Traum trotzig.

Derlei Bekundungen hätte es freilich gar nicht gebraucht, um abzustecken, wer als turmhoher Favorit in das Pokalfinale geht. Es sei ein „Duell David gegen Goliath, größer kann es nicht sein“, sagte Lauterns Sport-Geschäftsführer Thomas Hengen: „Die Jungs haben gar nichts zu verlieren.“

 Friedhelm Funkel weiß, wie man den Pokal gewinnt und was man damit anstellen kann – siehe 1985 mit Bayer Uerdingen.

Friedhelm Funkel weiß, wie man den Pokal gewinnt und was man damit anstellen kann – siehe 1985 mit Bayer Uerdingen.

Foto: imago images/Kicker/Eissner, Liedel/via www.imago-images.de

Auf dem Feld wird voraussichtlich der deutsche Meister dominieren. Auf den Rängen und rund um das Olympiastadion wird das anders aussehen. Aus der Pfalz kommt es regelrecht zur Völkerwanderung: Bis zu 50 000 Lautern-Fans werden in der Bundeshauptstadt erwartet, obwohl nur 24 000 Karten verkauft werden durften. Der zweimalige Pokalsieger (1990/1996) könnte als erst fünfter unterklassiger Verein in den Europapokal einziehen und als zweiter Zweitligist den Pokal in die Höhe strecken (nach Hannover 96/1992). Das Spiel sei für „jeden von uns ein Karriere-Highlight“, sagte FCK-Kapitän Jean Zimmer. Er gab aber zu: Gegen die „momentan konstanteste Mannschaft in Europa“ werde das „ein richtiges Brett“ und die Chancen seien realistisch gesehen „eher gering“. Ob Sieg oder Niederlage – gefeiert wird am Sonntagnachmittag auf dem heimischen Stitfsplatz sowieso.

Lauterns Trainer Friedhelm Funkel hat in seiner langen Karriere als Spieler und Übungsleiter viel erlebt. Die Unterstützung der FCK-Anhänger lässt aber auch den 70-Jährigen staunen. „Wenn man sich vorstellt, dass viele Fans nach Berlin fahren, obwohl sie keine Möglichkeit haben, ins Stadion zu kommen, dann ist das schon unglaublich“, sagte Funkel. Auch der Pokalheld von 2014, Ruben Jenssen, sagte dieser Tage dem „Kicker“: „Was uns die Fans damals für einen Kick gegeben haben, das war der Wahnsinn. Die mehr als 4000 Menschen aus Kaiserslautern waren so viel lauter als der gesamte Rest im Leverkusener Stadion. Diesen Vorteil wird der FCK auch jetzt in Berlin haben“. Der Norweger riet den aktuellen FCK-Spielern: „Habt keine Angst, genießt es, ihr habt nichts zu verlieren. So ein Spiel macht einfach nur Spaß.“

  Etwa 50 000 Anhänger der Roten Teufel werden ihr Team nach Berlin begleiten – auch wenn längst nicht alle von ihnen Karten für das Endspiel haben.

Etwa 50 000 Anhänger der Roten Teufel werden ihr Team nach Berlin begleiten – auch wenn längst nicht alle von ihnen Karten für das Endspiel haben.

Foto: IMAGO/HMB-Media/IMAGO/Uwe Koch

Doch egal, wie die Partie endet – für Friedhelm Funkel wird sie drei Monate nach seinem überraschenden Trainer-Comeback ein „wunderschöner Abschied“. Auf Funkels Erfahrungsschatz und seinem Ruf als „Pokalspezialist“ ruht aber auch die kleine Hoffnung, dass die Roten Teufel das Unmögliche am Samstag doch irgendwie möglich machen. „Wir wissen, dass wir eine ganz kleine Außenseiterchance haben“, sagte Funkel. Von 100 Versuchen werde der lange abstiegsbedrohte Zweitligist „einmal“ gegen Bayer gewinnen: „Und das ist hoffentlich am Samstag“.

Sowohl als Spieler als auch als Trainer stand er bereits je zweimal im Endspiel. „Der hat alles erlebt. Der weiß, wie man solche Spiele bestreitet“, schwärmte Mittelfeldspieler Marlon Ritter. Der Trainerroutinier gebe dem Team „Selbstvertrauen“ für solch große Duelle, ergänzte Zimmer.

 Vor zehn Jahren gewann der FCK durch ein Tor von Ruben Jenssen (rechts) schon einmal als Außenseiter im Pokal gegen Leverkusen.

Vor zehn Jahren gewann der FCK durch ein Tor von Ruben Jenssen (rechts) schon einmal als Außenseiter im Pokal gegen Leverkusen.

Foto: dpa/Marius Becker

Er werde seinem Team „vielleicht den einen oder anderen Ratschlag“ geben, kündigte Funkel an. Dabei werde er weniger auf seine beiden Endspiel-Pleiten als Trainer der Underdogs MSV Duisburg und Eintracht Frankfurt (jeweils gegen Meister Bayern München) eingehen. Vielmehr will Funkel den sensationellen 2:1-Erfolg als Spieler von Bayer Uerdingen aus dem Jahr 1985 gegen die damals schier übermächtigen Bayern als Motivationshilfe in seinen Ansprachen nutzen.

„Wir hatten damals keine Chance, sind aber trotzdem Pokalsieger geworden. Vielleicht wiederholt sich Geschichte“, orakelte der 70-Jährige. Allerdings räumte der gebürtige Neusser Funkel vor seinem fünften Pokalendspiel ein, dass er – trotz des Sensations-Erfolges mit Uerdingen gegen die Bayern – „noch nie mehr Außenseiter als in diesem Spiel“ am Samstag gegen Leverkusen gewesen sei: „Wenn es damals eine riesengroße Überraschung und Sensation war, dann brauchen wir jetzt ein Wunder“, sagte er.

Funkel glaubt, dass die Chance auf einen Pokal-Triumph ein Prozent beträgt. Ehemalige Lauterer sehen es ein klein wenig optimistischer. Axel Roos stand bei beiden bisherigen Pokalerfolgen der Pfälzer auf dem Rasen. „Es wäre auf jeden Fall eine typische FCK-Geschichte. Fast abgestiegen in die dritte Liga – und dann Pokalsieger werden“, sagte der 59-Jährige im „Kicker“-Interview. „Es macht den FCK einfach so besonders, dass auch aktuell in der zweiten Liga über 40 000 Menschen alle zwei Wochen den Berg hochrennen.“ Diese Fan-Masse könne auch jetzt „noch mal den Kick geben“.

Der in Kaiserslautern geborene Sänger Mark Forster drückt seinem Verein indes ebenfalls fest die Daumen, glaubt aber, dass „eine kosmische Fügung“ nötig sein wird, um die Trophäe in die Pfalz zu holen.

Friedhelm Funkel wollte unterdessen auch nicht jene Trainer vergessen, die ebenfalls ihren Anteil daran hatten, dass der FCK am Samstag nach den Sternen greift. Auch Dirk Schuster und Dimitrios Grammozis waren mit dem Team in dieser Saison im Pokal erfolgreich.

Schuster und Grammozis mussten den Verein aber verlassen. Und auch Funkel wird nach der Saison gehen. Nachdem er den Verein zum Klassenverbleib in der 2. Liga geführt hat, könnte er sich nun in seinem letzten Spiel in der Pfalz unsterblich machen. Die Hoffnungen beruhen auf dem Glauben an das eine, schmale Prozent. Und darauf, dass das Fußball-Wunder am Samstagabend mal wieder im Olympiastadion von Berlin vorbeischaut.

Gewinnt der FCK den DFB-Pokal, wird die Trophäe übrigens erstmals in Zweibrücken auf pfälzischem Boden sein. Nach dem Abflug am Donnerstagnachmittag wird die FCK-Mannschaft auf dem Triwo-Flugplatz Zweibrücken auch landen – und zwar am Sonntag gegen 13.30 Uhr. Für Fans wird es allerdings nicht viel zu sehen geben. Seitdem der Flugplatz auch als Kfz-Teststrecke genutzt wird, versperren Sichtschutzwände den Blick auf das Gelände.

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