1. Pfälzischer Merkur
  2. Regionalsport

Sport-Interview: "Das Podium ist mein Minimalziel"

Sport-Interview : "Das Podium ist mein Minimalziel"

Der Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken fühlt sich in Topform und will bei der WM in London um die Medaillen mitspringen.

Die Vorbereitung verlief alles andere als reibungslos: Materialprobleme und Krankenheiten machten Raphael Holzdeppe immer wieder einen Strich durch die Rechnung. Länger als geplant musste der Zweibrücker Stabhochspringer kämpfen, bis er sein Ticket für die am Wochenende beginnende Leichtathletik-Weltmeisterschaften in London in der Tasche hatte. Pünktlich zum Saison-Höhepunkt fühlt sich der 27-Jährige aber topfit. Nach dem Titel 2013 und Silber 2015 ist Raphael Holzdeppe bereit, es erneut mit der starken internationalen Konkurrenz aufzunehmen.

Herr Holzdeppe, erst Ende Juni in Hof haben Sie die geforderte Norm für die anstehenden Weltmeisterschaften (5. bis 13. August) geknackt. Wie groß ist die Erleichterung, in London dabei zu sein? Warum sind Sie so schleppend in die Sommersaison gekommen?

Raphael Holzdeppe: Als es in dem Wettkampf endlich geklappt hat, war ich natürlich schon erleichtert. Aber eigentlich hatte ich nie wirklich die Ruhe verloren. Es war einfach ein bisschen schwierig am Anfang der Sommersaison. Zuerst sind mir Stäbe gebrochen, dann habe ich das Material gewechselt. Dann bin ich auch noch krank geworden und hab‘ ne Woche mit Fieber im Bett gelegen. Das alles hat mir den Saison­start so ein bisschen vermasselt gehabt, oder nach hinten verschoben.

Also kein Grund zur Panik?

Holzdeppe: Ich war die ganze Zeit über ruhig. Weil ich mir immer gesagt habe, ich muss es eigentlich nur schaffen, die Krankheit auszukurieren und gesund zu werden. Dann kommt der Rest von ganz alleine. Aber natürlich war ich schon froh, als es im ersten richtigen Wettkampf so gut funktioniert hat und ich die 5,70 Meter abhaken konnte.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihrer Vorbereitung auf die WM?

Holzdeppe: Durch die Krankheit zu Beginn des Sommers hatte ich etwa zwei bis dreieinhalb Wochen im Training verloren, die ich erstmal wieder aufholen musste. Allerdings ich hatte mir schon für den Anfang der Saison vorgenommen, höhere Höhen zu springen. Aber sowas kann man nicht vorhersehen und deshalb bin ich letzten Endes sehr zufrieden. Vor allem bin ich damit zufrieden, dass ich jetzt kurz vor der Weltmeisterschaft bei 100 Prozent bin. Genau wie ich es zu Beginn des Jahres zu diesem Zeitpunkt haben wollte.

Wie bewahrt man sich diese Topform, bis es am 6. August in die Qualifikation geht? Bleibt jetzt überhaupt noch Zeit, um Umstellungen vorzunehmen?

Holzdeppe: Nee, um irgendetwas zu verändern oder vielleicht noch ein paar Prozent rauszukitzeln, wäre es einfach viel zu kurz. Da hätten wir schon vor einem Monat anfangen müssen, gezielt darauf hinzutrainieren, bestimmte Faktoren zu verbessern. Die 100 Prozent habe ich jetzt, von daher liegt der Fokus darauf, nicht noch einmal krank zu werden oder sich zu verletzen.

Also war das Diamond League Meeting in Monaco die Generalprobe, oder ist vor der WM noch ein weiterer Wettkampf geplant?

Holzdeppe: Monaco war mein letztes Meeting vor den Weltmeisterschaften. Wenn ich meinen nächsten Wettkampf springe, dann wird das die Qualifikation in London sein.

2013 wurden Sie in Moskau Weltmeister, 2015 in Peking gewannen Sie Silber. Was haben Sie sich für diese WM vorgenommen?

Holzdeppe: Ich möchte zumindest wieder auf dem Podium stehen, das ist mein Minimalziel. Vor zwei Jahren bin ich Zweiter geworden, vor vier Jahren Erster, und meinen Titel hätte schon gerne wieder zurück. Ich weiß auch, dass bei mir die Form da ist, um dieses Ziel zu erreichen. Jetzt zählt es nur, gesund zu bleiben und dann entscheidet die Tagesform.

London scheint ohnehin ein gutes Pflaster für Sie zu sein, 2012 haben Sie hier Olympia-Bronze gewonnen. Nimmt man so etwas als zusätzliche Motivation mit oder blendet man das aus?

Holzdeppe: Wenn man es mitnimmt, dann in die Vorbereitung. Im Normalfall begutachtet man als Athlet ja zuerst einmal das Stadion, begutachtet die Anlage. Das kann ich mir in dem Sinne diesmal sparen, weil ich es von 2012 noch sehr gut kenne. An der Anlage und dem Stadion hat sich nichts verändert, außer, dass ein Rang abgebaut worden ist und jetzt weniger Zuschauer reinpassen. Wenn ich mich direkt auf die WM vorbereite, gehe ich natürlich nochmal durch: Wie war es 2012 in London, wie waren die Wege, wie war es im Stadion. Aber wenn ich dann tatsächlich im Wettkampf stehe, ist das alles ausgeblendet, was vor fünf Jahren war.

Wer sind für Sie die größten Konkurrenten im Kampf um die Medaillen?

Holzdeppe: Favorit von der Papierform her ist definitiv Sam Kendricks aus den USA. Der ist in dieser Saison schon sechs Meter gesprungen und ist den ganzen Sommer über auf sehr hohem Niveau auf den Meetings unterwegs. Aber auch die Polen Pawel Wojciechowski mit 5,93 Metern und Piotr Lisek, der bislang zwar nur 5,82 Meter gesprungen ist, aber in der Halle auch schon sechs Meter hat, gehören für mich zu den stärksten Startern. Und Renaud Lavillenie darf man natürlich auch nicht unterschätzen, der hat auch schon 5,87 Meter stehen.

Ist die Weltspitze in den letzten Jahren breiter geworden?

Holzdeppe: Breiter würde ich jetzt nicht sagen. Die Spitze war schon immer sehr, sehr breit mit sieben, acht Springern auf sehr hohem Niveau. Dabei hat vielleicht der eine Name den anderen ersetzt. Aber die Anzahl an Athleten, die diese Höhen springen, hatten wir in den letzten Jahren auch schon.

Mit Ihren 27 Jahren waren Sie schon bei zahlreichen Großereignissen dabei. Helfen Ihnen diese Erfahrungen im Wettkampf weiter?

Holzdeppe: Es ist natürlich von Vorteil, viele große Meisterschaften schon mitgemacht zu haben und die Abläufe zu kennen. Und gerade die Erfolge bestätigen mich darin, dass ich mittlerweile weiß, wie ich mich richtig auf eine Meisterschaft vorbereiten muss. Oder zumindest welche Weichen ich stellen muss, um erfolgreich abschneiden zu können. Ein junger Springer wie Armand Duplantis, der dieses Jahr schon 5,90 Meter gesprungen ist, wird mit diesen Gegebenheiten auch erst einmal zurechtkommen müssen. Da ist die spannende Frage: Was macht er als 17-Jähriger bei seinen ersten großen Meisterschaften bei den Aktiven? Er hat zwar die drittgrößte Höhe in diesem Jahr stehen, aber in London herrscht ein ganz anderer Druck. Dennoch muss man ihn natürlich auf der Rechnung haben. Ich werde versuchen, mein Ding durchzuziehen, um gegebenenfalls auf die Höhen der anderen Springer reagieren zu können.

Sie sind als einziger deutscher Stabhochspringer vom DLV für die WM nominiert worden. Warum springt die deutsche Elite der internationalen seit einiger Zeit nur hinterher?

Holzdeppe: Es war definitiv schwierig in den letzten Jahren. Bei einigen sind auch Verletzungsprobleme dazugekommen. Nach der Saison muss man einfach mal analysieren, woran es in diesem Jahr gelegen hat. In den letzten Jahren gab es auch immer mal Verletzungsschwierigkeiten, trotzdem hat man immer zwei oder drei Starter zu den Meisterschaften geschickt. Das wird man mit allen Athleten, Trainern und Bundestrainern aufarbeiten müssen, damit wir wieder dahin kommen, wo wir vorher waren.

Gibt es auf nationaler Ebene Leute, die in den kommenden Jahren auch international den Durchbruch schaffen können? Bo Kanda Lita Baehre hat mit seinen erst 18 Jahren eine starke Saison abgeliefert, ist Anfang Juli vor Ihnen Deutscher Meister geworden.

Holzdeppe: Absolut. Er ist sehr weit für sein Alter, was die körperlichen Voraussetzungen angeht. Aber er ist aber auch noch Schüler, macht nächstes Jahr sein Abitur. Wenn er das in der Tasche hat, wird er vielleicht den nächsten Schritt in Richtung Leistungssport gehen. Ansonsten sieht es beim Nachwuchs im Männer-Stabhochsprung tatsächlich etwas mager aus.

Würden Sie sich mehr Druck von der nationalen Konkurrenz wünschen?

Holzdeppe: Einerseits ist es schön, wenn man den Druck aus Deutschland verspürt und man weiß, man muss diese und jene Höhe springen, um sich überhaupt qualifizieren zu können. Auf der anderen Seite bin ich in den meisten Wettkämpfen ohnehin auf internationalen Meetings unterwegs. Aber natürlich wäre es schön, wenn ich wie 2012 und 2013 mit Malte Mohr und Björn Otto Partner an meiner Seite hätte, mit denen ich zu Meetings fahre und die Wettkämpfe bestreite und ich nicht immer als alleiniger deutscher Stabhochspringer auftauche.

Wer wird Sie zur WM nach London begleiten?

Holzdeppe: Mein Trainer wird mich natürlich begleiten, aber meine Familie wird diesmal zu Hause bleiben und das Ganze in Ruhe von der Couch aus im Fernsehen verfolgen. Fliegen werde ich allerdings nicht, sondern mit dem Zug fahren. Meine Stäbe werden ohnehin mit dem Auto vom DLV nach London gebracht, um auf der sicheren Seite zu sein, dass sie auch wirklich ankommen. Und es gibt einfach eine super Zugverbindung von Saarbrücken über Paris direkt bis nach London in die Stadtmitte rein. Im Endeffekt ist es für mich schneller, als wenn ich nach Frankfurt fahre, um von dort zu fliegen.

Mit Speerwerferin Christin Hussong ist eine weitere Athletin des LAZ Zweibrücken in London am Start. Werden Sie ihren Wettkampf verfolgen?

Holzdeppe: Wenn ich mich nicht irre, hat sie entweder ihre Qualifikation oder ihr Finale am selben Tag wie ich. An meinem Finaltag werden wir also definitiv zusammen im Stadion sein. Wenn ich da selber in Aktion bin, wird ihr Wettkampf vielleicht ein bisschen untergehen. Aber wenn ich Zeit habe, werde ich auf jeden Fall in ihrem Finale in der Speerwurfkurve sitzen.

Was trauen Sie ihr in London zu?

 Riesiger Jubel 2015: In Peking gewann der Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken als Titelverteidiger nach einem schwachen Jahr Silber.
Riesiger Jubel 2015: In Peking gewann der Stabhochspringer des LAZ Zweibrücken als Titelverteidiger nach einem schwachen Jahr Silber. Foto: dpa/Bernd Thissen

Holzdeppe: Ich denke, sie wird ganz gut werfen. Bei ihrer Generalprobe war sie gut drauf. Und auch schon bei den Deutschen hat sie gesagt, dass sie in sehr guter Form ist, nur im Wettkampf hat es dann nicht so geklappt. Es ist ja nicht ihre erste internationale Meisterschaft und soweit ich informiert bin, ist das Feld bei den Damen dicht zusammen.