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Am Montag Trainingsauftakt beim SV 64 Zweibrücken

3. Handball-Liga : Aus dem Märchenwald in die Trainingshalle

Am Montag steigt der SV 64 Zweibrücken in die Vorbereitung auf die neue Saison in der 3. Handball-Liga ein. Für den Aufsteiger ist es eine „zweite Chance“, weiß Trainer Stefan Bullacher, der in der Abgeschiedenheit des Pfälzer Waldes neue Kraft getankt hat.

Bewusst hat Stefan Bullacher die Abgeschiedenheit gesucht. Der Trainer des Handball-Drittligisten SV 64 Zweibrücken wanderte in der vergangenen Woche drei Tage lang mit dem Rucksack durch den Pfälzer Wald. Auf dem Weg von Zweibrücken bis nach Bad Dürkheim legte er 107 Kilometer zurück und erklomm dabei fast 4000 Höhenmeter.

In eine „Märchenwelt“ sei er abgetaucht, habe traumhafte Natur fernab der Straßen und Ortschaften erlebt. Rehe, Hasen und viele andere Tiere seien seine ständigen Begleiter gewesen, erzählt der 51-Jährige. Und ergänzt lachend: „Nur auf die Begegnung mit einer Schlange hätte ich lieber verzichtet.“

Nur um der sportlichen Betätigung Willen habe Bullacher die weite Wanderung aber nicht auf sich genommen. Er habe seine Akkus wieder aufladen müssen, sagt er. Und erklärt: „Als Trainer ist man emotional rund um die Uhr gefordert. Viele Erwartungen laufen bei dir auf. Dabei geht es nicht nur um den sportlichen Erfolg, die Sponsorenakquise, das Zuschauerinteresse, die sportliche Ausrichtung oder die Kaderplanung. Du wirst auch täglich mit den Hoffnungen und Wünschen der Spieler und auch ihres Umfelds konfrontiert. Als Trainer trifft man ständig Entscheidungen und muss selbst damit klarkommen, dass diese für dich und andere Konsequenzen haben – und zwar nicht immer nur positive.“

Sich dieser Verantwortung zu stellen, sei nicht immer einfach – und habe Spuren hinterlassen, ergänzt Bullacher: „Die abgelaufene Saison war in dieser Hinsicht sehr anstrengend und ich habe bewusst die Einsamkeit und Stille gesucht.“

Und die selbst auferlegte Pause – für den Kopf, nicht für den Körper – hat Bullacher gut getan. Er hat von seiner Wanderung mehr mitgebracht als Blasen an den Füßen. „Ich wollte Ruhe finden, mir Gedanken machen, meine Grenzen erfahren – und natürlich das Ziel in Bad Dürkheim erreichen – das hat alles geklappt. Jetzt ist die Energie für das Abenteuer 3. Bundesliga da.“

Und dieses Abenteuer nimmt am kommenden Montag seinen Anfang, wenn der SV-Coach seine Spieler zur ersten Trainingseinheit in der Ignaz-Roth-Halle bittet. Zwei neue Gesichter darf der Übungsleiter dann begrüßen. Tim Götz vom Drittligisten TV Hochdorf, den Bullacher während seiner Zeit als Übungsleiter bei den Württembergern (2016-2017) bereits trainiert hat. Und Torwart Alex Dörr vom Ligakonkurrenten und Stadtrivalen VTZ Saarpfalz.

Ansonsten vertraut Bullacher jenem Kader, der nach einer bärenstarken letzten Saison mit nur einer Niederlage den Aufstieg aus der Oberliga geschafft hatte. Für die Spieler ist die kommende Runde auch eine Art „Zweite Chance“: „Wir haben bis auf wenige Ausnahmen den gleichen Kader, der 2017 als Letzter aus der 3. Liga abgestiegen ist. Heute ist dieses Team nicht nur älter – sondern auch reifer. Viele Persönlichkeiten haben sich positiv entwickelt. Sie verdienen eine neue Chance auf die 3. Liga“, erklärt Bullacher, der die Tragweite dieser zweiten Gelegenheit aufzeigt: „Wir haben die Möglichkeit, aus dem Schatten der Vergangenheit zu treten. Die Jungs wollen ihre Geschichte neu schreiben. Dieser gemeinsame Antrieb ist ein großer Vorteil.“

Voll zur Sache gehen wird es im ersten Training am Montag aber noch nicht: „Nach drei Monaten Pause werden wir uns zunächst akklimatisieren. Der Körper muss sich an die sportartspezifischen Bewegungen gerade in der Halle erst wieder gewöhnen. Um dabei verletzungsfrei zu bleiben, werden wir die Intensität langsam steigern“, sagt Bullacher. Wegen der Grundfitness seiner Spieler mache er sich ohnehin keine Gedanken: „Die Jungs waren in Eigenregie sehr fleißig. Wir haben eine mündige, zielorientierte und verantwortungsbewusste Mannschaft, die sich gut vorbereitet hat.“

Zumal die Trainingssteuerung erst dann richtig anlaufen könne, wenn der Saisonstart und der Spielmodus der Dritten Liga abschließend geklärt sind. Denn eine komplette Runde mit allen Mannschaften wäre für die Spieler aufgrund des verspäteten Saisonstarts körperlich bedeutend anspruchsvoller als eine Teilung der Liga in Staffeln, die mit weniger Saisonspielen einher ginge. Der Deutsche Handball Bund habe angekündigt, Saisonstart und Spielmodus Mitte Juli festzulegen, weiß Bullacher. „Darauf können wir auch kurzfristig reagieren.“

Nun brennt der 51-Jährige auf den Saisonstart und die Arbeit mit seinem Team. „Ich glaube, mir geht es so wie allen anderen Menschen in Deutschland, die während der Corona Krise ihren Tagesablauf verloren haben. Jetzt sind alle Reparaturen am Haus erledigt, vom Keller bis zum Dachgeschoß sind alle Zimmer aufgeräumt und der Garten ist bis in den letzten Winkel kultiviert. Jetzt darf ich endlich wieder zum Training mit den Jungs – das ist wunderbar.“

Die Akkus waren leer: Stefan Bullacher, Trainer des Handball-Drittligisten SV 64 Zweibrücken, hat seinem Kopf in der Stille des Pfälzer Waldes eine Pause gegönnt. Traumhafte Natur fernab der Straßen habe er auf seiner dreitägigen und über 100 Kilometer langen Wanderung erlebt Nur auf die Begegnung mit einer Schlange hätte er lieber verzichtet. Foto: Stefan Bullacher

Und wenn die Akkus im Laufe einer anspruchsvollen Saison dann doch einmal zur Neige zu gehen drohen? Dann wird sich Stefan Bullacher womöglich erneut den Rucksack auf die Schulter schnallen und in der Abgeschiedenheit des Pfälzer Waldes neue Kraft tanken.