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Bonn/Karlsruhe: Organspende erfordert genaue Aufklärung

Bonn/Karlsruhe : Organspende erfordert genaue Aufklärung

Wenn Spender nicht ausreichend über Risiken informiert wurden, haben sie ein Recht auf Schadenersatz, urteilte das BGH.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat es getan. Und auch der frühere DGB-Chef Michael Sommer: Sie haben ihren Ehefrauen eine Niere gespendet. Für Sommer (67) nach eigener Aussage eine Selbstverständlichkeit, die aber nicht nur aus Selbstlosigkeit, sondern auch aus Eigeninteresse geschah: „Sie leben mit einem Menschen zusammen, den Sie lieben, und Sie sehen ihn permanent leiden. Sie sehen, wie es gesundheitlich Stück für Stück bergab geht“, sagte er vergangene Woche im „Spiegel“-Interview. Auch die Alternative, die Dialyse, würde für alle Beteiligten eine ungeheuere Anstrengung bedeuten. Dazu sei gekommen, dass er sich als damaliger DGB-Vorsitzender bei jeder Dienst­reise Gedanken darüber gemacht habe, ob er seine Frau Ulrike (61) allein lassen könne.

Doch solche Lebendspenden können riskant sein. Andere Spender haben da schlechte Erfahrungen gemacht. Ralf Zietz zum Beispiel. 2010 spendete der Unternehmer aus Thedinghausen seiner Frau eine Niere. „Ich wollte meine Frau wiederhaben und unser Leben“, erinnert sich der heute 54-Jährige im Magazin „stern“. „Und es wurde einem auch suggeriert, dass das funktioniert.“

Zietz ist seit der Operation nicht mehr der Alte: Er ist chronisch erschöpft und vergesslich. Nachmittags schaut er manchmal nur aus dem Fenster. Die Ärzte hätten wider besseres Wissen Risiken verschwiegen. Hätte ihm damals jemand gesagt, dass er mit solchen Einschränkungen rechnen muss, hätte er nicht gespendet, sagt er heute. Deshalb ist er vor Gericht gezogen.

Gestern hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe dem Unternehmer und einer weiteren Klägerin, die ihrer Mutter eine Niere gespendet hatte, ein Recht auf Schadensersatz und Schmerzensgeld zugesprochen – und damit auch Grundsätzliches zur Aufklärung bei Organspenden festgezurrt. Bei mangelhafter Aufklärung hätten Patienten Anspruch auf Entschädigung, entschied der BGH.

690 Organe wurden 2018 nach einer Lebendspende transplantiert, davon 638 Nieren und 52 Lebern. Der rechtliche Rahmen ist streng: Das Gesetz erlaubt die Lebendspende nur unter engen Verwandten und einander sehr nahe­stehenden Menschen, etwa Eltern, Kindern, Geschwistern und Partnern. Und das auch nur dann, wenn der Spender voraussichtlich nicht über das Operationsrisiko hinaus gefährdet oder über die unmittelbaren Folgen der Entnahme hinaus gesundheitlich schwer beeinträchtigt wird. Zwang, psychische Abhängigkeit oder finanzielle Anreize dürfen keine Rolle spielen – was eine Kommission in jedem Einzelfall überprüft.

Aus Sicht von Zietz wird die Lebendspende dennoch weithin verharmlost. Er hat deshalb mit anderen die „Interessengemeinschaft Nierenlebendspende“ gegründet. „Wir möchten die Nierenlebendspende nicht abschaffen“, heißt es auf der Homepage. „Wir halten sie für einen in Ausnahmefällen gangbaren Weg.“ Dennoch sind die Warnungen deutlich: „Die Quote der spürbar gesundheitlich beeinträchtigten Spender ist hoch“, heißt es. „Bis zur Hälfte der Nierenlebendspender erkrankt durch die Spende.“ Etwa an chronischer Erschöpfung, Konzentrations- und Gedächtnisproblemen oder Blutveränderungen, die zu Herz- und Kreislauferkrankungen bis hin zur Demenz führen könnten.

Schlechte Erfahrung haben die Kritiker mit Medizinern und Versicherungen gemacht. Ständig gebe es Streitigkeiten über die Kostenübernahme von Folgeoperationen, auch über Lohnfortzahlungen und Reha-Kosten. Die Kläger zeigten sich nach dem Urteil „glücklich, dass nun ein Schlussstrich gezogen werden“ könne. Die Ehefrau des Spenders betonte, künftig werde es für Angehörige „einfacher, Nein zu sagen“. Richterin Vera von Pentz versteht das Urteil als Stärkung des Systems der Organspende. Spender müssten sich darauf verlassen können, dass die im Transplantationsgesetz festgeschriebenen Vorgaben in der Praxis umgesetzt würden. Nur so könne „die Bereitschaft der Menschen zur Organspende langfristig gefördert werden“.