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Nach der Flutkatastrophe: Weihnachten im Ahrtal

Flutkatastrophe : Angst, Trauer, Hoffnung: Weihnachten im Ahrtal

Der Aufbau im Ahrtal geht voran. Zur dunklen und kalten Jahreszeit kommt jedoch lähmende Bürokratie. Das erste Weihnachten nach der Flutkatastrophe ist für viele schwierig.

(dpa) Bernd Gasper hat Angst vor Weihnachten. „Dieses Jahr feiern wir zum ersten Mal allein“, sagt seine Frau Brigitte. Nach der Flutkatastrophe vor rund vier Monaten lebt die seit Generationen im Ahrtal verwurzelte Familie verstreut. Ihre Häuser in Altenahr-Altenburg sind abgerissen oder unbewohnbar.

Dem Ehepaar fehlt der vertraute, enge und selbstverständliche Kontakt zu seinen beiden Söhnen und den Enkeln, zu seinen Geschwistern und deren Familien sowie den Freunden im Ahrtal. „Die Treffen sind jetzt immer mit viel Fahrerei verbunden“, sagt Brigitte Gasper.

Bernd Gaspers älterer Bruder Gerd blickt mit sehr gemischten Gefühlen auf Weihnachten und die Tage bis zum Jahreswechsel: „Da müssen wir durch.“ Er wartet auf einen Sachverständigen, der die Mauern seines vollständig entkernten Hauses auf Öl und andere Schadstoffe untersuchen soll. „Eigentlich wollte er diese Woche kommen – ist er aber nicht“, sagt der 80-Jährige. „Wenn im Mauerwerk keine Schadstoffe sind, geht es weiter, sagt der Architekt.“ Und wenn doch? Gasper zuckt mit den Schultern. „Das weiß ich nicht.“

Tim Himmes aus Schuld wartet schon seit Monaten auf das Gutachten seines Sachverständigen. Ohne das könne er den Antrag auf Wiederaufbauhilfe bei der Investitions- und Strukturbank (ISB) nicht abschließen, sagt der 21-Jährige. Dabei hat schon die Pandemie seine Schaustellerfamilie schwer getroffen.

Das Warten, die Bürokratie, das ständige Telefonieren, E-Mail-Schreiben und Nachhaken macht den Menschen zu schaffen. „Da ist man abends fertig“, sagt Brigitte Gasper. Um den Antrag auf Wiederaufbauhilfe bei der ISB zu stellen, seien sie einen Monat lang ein- bis zweimal pro Woche zum Info-Point gefahren. „Ein normaler Mensch kann da nicht durchblicken“, sagt Bernd Gasper.

Alle ihre Fragen konnten aber auch die Berater am Info-Point nicht beantworten. „Da sitzt einer und soll sich nach drei Tagen Crash-Kurs mit dem Bankgeschäft auskennen“, berichtet Brigitte Gasper. Endlich habe alles im Online-Antrag auf Grün gestanden, aber dann noch die Post-ID gefehlt. „Jetzt warten wir wieder.“

In der Flutnacht vom 14. auf den 15. Juli hat sie ihre 90 Jahre alte Mutter verloren und versteht nicht, „warum die Kirchenglocken nicht im gesamten Ahrtal geläutet haben“, nachdem die Wassermassen ganze Häuser weggerissen hatten. Dieses Signal hätten die Menschen verstanden und sich retten können, auch ihre Mutter, ist die 65-Jährige überzeugt. „Sie war noch total fit.“

Der Stromversorger, bei dem sie das Haus ihrer Mutter nach dem Abriss abmelden wollte, habe einfach nicht verstanden, dass es keinen Zählerstand mehr gebe, weil das Haus nicht mehr existiert, berichtet Brigitte Gasper. Er habe irgendwann aufgelegt. „Was soll ich da jetzt machen?“

Tim Himmes erzählt vom geplanten Weihnachtsmarkt an der Kirche in Schuld und schwärmt von einem privat organisierten Weihnachtswichteln für Kinder und Jugendliche im Tal. Er ist zuversichtlich, gemeinsam mit seinen Eltern und Schwestern zu Hause Heiligabend feiern zu können.

Das von der Flut verwüstete Erdgeschoss des Elternhauses hat der 21-Jährige gemeinsam mit Helfern entkernt, Laminat verlegt und die Wände gestrichen. Das Wohn- und Esszimmer ist fertig eingerichtet. Ein Holzofen sorgt für Wärme. „Ganz trocken war das alles noch nicht, aber die Eltern wollten es unbedingt so.“ Gerade hat er 20 Meter Abwasserrohr wieder an die Kanalisation angeschlossen, wartet auf eine Rüttelplatte für den dabei umgegrabenen Vorgarten und freut sich über die Sonnenblumen, die verstreut im Ahrtal zwischen den schwer beschädigen Häusern wachsen.

„Die Leute, die das mitgemacht haben, werden das nie vergessen. Jedes Mal, wenn ich Wasser höre oder Regen, kriege ich Krämpfe“, sagt Tims Mutter unter Tränen. „Ohne meine Kinder hätte ich das nicht geschafft.“ Sie habe angefangen zu malen, um mit dem Erlebten fertig zu werden.

Bernd Gasper spürt die traumatischen Erlebnisse und ihre Folgen mittlerweile körperlich. „Die ganze Sache hat mich krank gemacht“, sagt der 69-Jährige. „Die Flut hat uns ja nicht nur Haus, Hab und Gut genommen, sondern auch den Ort“, erzählt der umtriebige Rentner, der mit seinem Verein „Steinbeißer“ viele Jahre Spenden gesammelt und so manches im Ort gestaltet hat – etwa einen in der Region gefragten Spielplatz, von dem nichts mehr übrig ist. Ohne eine bezahlbare Elementarversicherung, ist er überzeugt, verlassen die Leute das Tal.

Trotzdem. Das Ehepaar Gasper möchte zurück in seinen Heimatort. Nur wohin? Ihr Haus steht auch nicht mehr. Untergekommen sind sie im rund 20 Kilometer entfernten Wachtberg bei Bonn im Haus eines Arbeitskollegen von Brigitte Gaspers Bruder. „Die Leute dort sind sehr nett zu uns und helfen uns auch“, sagt Bernd Gasper. „Wohl fühlen wir uns da, aber das ist keine Heimat.“

„Ich baue nicht mehr auf“, sagt der 69-Jährige. Die hochwasserangepassten Auflagen an der Stelle, wo sein Elternhaus stand, machten einen ganz anderen Baustil notwendig, erlaubten keine Wohnräume im Erdgeschoss mehr. „Ich werde ja älter und baue doch nichts mehr auf, wo man so viele Treppen laufen muss.“

Neu bauen und dann verkaufen sei auch keine Alternative. „Wer will das denn jetzt kaufen?“, fragt Gasper. Die Katastrophe werde zwar vielleicht in einigen Jahren vergessen sein. „Aber ich stelle da nichts hin, was fünf Jahre unbewohnt steht.“ Die Gemeinde habe zudem Interesse an dem Grundstück, um eine Abbiegerspur für die Busse einzurichten, die zum Schulzentrum und zum Altenheim fahren.

Zunächst will sein Neffe Thorsten auf dem Grundstück seines abgerissenen Elternhauses zwei Container aufstellen, für ein Büro und ein Lager. Denn: „Mein Kälte-Klimabetrieb ist weggeschwommen“, berichtet der 45-Jährige. Der Klimatechniker und Feuerwehrmann hat auch sein Fachwerkhaus aus dem Jahr 1791 in Mayschoß verloren, konnte mit seiner Familie aber in dem Ort in eines der wenigen Häuser umziehen, die die Flut verschont hat.

Eine Rückkehr nach Altenahr-Altenburg sei für ihn und seine Frau vielleicht 2023 möglich, sagt Bernd Gasper. Eine Option sei das Haus eines seiner Söhne. Vorausgesetzt dieser baut mit seiner Frau neu – etwas höher, weiter weg vom Wasser. Die Eigentümer seines vorübergehenden Wohnsitzes in Wachtberg machten glücklicherweise keinen Druck, „und wir haben dort jetzt sogar eine richtige Küche“, freut sich der 69-Jährige. „Viele andere müssen jetzt wieder irgendwo ausziehen und sich in den Wintermonaten eine neue Wohnung suchen.“