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Landtagswahl: Wahlkampf im Lockdown geht nur im Studio

Rheinland-Pfalz : Wahlkampf im Lockdown geht nur im Studio

Die Pandemie zwingt die Spitzenkandidaten für die Landtagswahl ins Internet. Statt auf Marktplätze geht es immer mehr in Wahlstudios.

Malu Dreyer (SPD) sitzt auf einem grau-melierten Sessel und plaudert mit ihrem Gast auf einem riesigen beigen Sofa. Flauschiger Teppich, Stehlampe, Regal, Tischchen, stylische Deko: Die rheinland-pfälzische SPD setzt bei ihrem Wahlstudio auf „gemütliche Wohnzimmer-Atmosphäre“. Christian Baldauf hat in seinem Studio die Wahl: Im Repertoire sind ein Bartisch mit zwei Hochstühlen, eine Sitzecke mit zwei Sesseln aber auch ein Schreibtisch. Immer dabei bei der CDU: ein Greenscreen, auf dem Bilder und Filme eingespielt werden.

Im Corona-Lockdown präsentieren sich die beiden aussichtsreichsten Bewerber für das Amt des Regierungschefs via Internet. Haustürwahlkampf, Infostände, Auftritte in Hallen oder auf Marktplätzen sind wegen der Infektionsgefahr derzeit unmöglich. Die Spitzenkandidaten der drei anderen im Landtag vertretenen Parteien FDP, Grüne und AfD nutzen dieses Format ebenso.

„Die Wahlstudios richten sich primär an die eigene Anhängerschaft“, sagt Politikwissenschaftler Uwe Jun von der Universität Trier. „Damit versuchen die Spitzenkandidaten aufzufangen, dass sie ihre eigene Anhängerschaft gerade nicht mobilisieren können.“

Ministerpräsidentin Dreyer kann dem Wahlkampf aus dem Studio in der SPD-Geschäftsstelle sie aber auch etwas abgewinnen, obwohl ihr der persönliche Austausch mit Bürgern auf den Marktplätzen der Region fehlt. „Bei der ersten Sendung waren über 150 Menschen live zugeschaltet.“ Ihr Gast war Matthias Gibhardt aus Altenkirchen – er steht auf Platz 43 der Landesliste für den Landtag. „Ich finde, wir sind ganz gut ins Gespräch gekommen und auf diesem Weg in die Wohnzimmer unserer Leute.“

Ruth Greb aus dem Wahlkreis Rhein-Hunsrück (Listenplatz 33) war auch schon zu Gast, weitere Kandidaten sollen folgen. „Natürlich ist jeder Wahlkreis anders – aber meine programmatische Botschaft gilt ja fürs ganze Land“, sagt Dreyer. Das Publikum sei auch viel größer als angenommen: „Natürlich kann das ja immer auch nachgehört und geteilt werden.“ Und die Sozialdemokraten könnten die Aufzeichnungen jetzt auch im Wahlkampf nutzen. „Die Streams von den Veranstaltungen erreichen auch nach Ende des Events noch viele tausend Menschen.“

„Ein digitaler Auftritt kann keinen persönlichen Kontakt komplett ersetzen, aber ich bin froh, dass wir in einer Zeit leben, in der wir zumindest so einen Kompromiss finden können“, sagt Christian Baldauf. „So schwierig ein Wahlkampf in Pandemiezeiten ist, er bietet auch die Chance, die Digitalisierung in Rheinland-Pfalz endlich voran zu treiben.“ Der Oppositionsführer ist überzeugt: „Ich glaube, wir werden gestärkt aus dieser Zeit herausgehen.“

Tiefgrüne Wand, Holzregal, Blumen: Anne Spiegel von den Grünen hatte schon Parteichef Robert Habeck, mehrere Direktkandidatinnen und -kandidaten sowie die Fraktionsvorsitzende der Grünen/EFA im EU-Parlament, Ska Keller, in ihrem Studio zu Gast. „Es ist wichtig, dass wir über digitale Wege auch in diesen Pandemie-Zeiten die Möglichkeit haben mit Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch zu kommen“, sagt die grüne Spitzenkandidatin. Die nach eigenen Worten eigentlich „darauf brannte, im Land unterwegs zu sein“.

„Das ist natürlich eine ganz andere Art Wahlkampf zu machen. Für uns ist es wichtig Gespräche auch vor Ort zu führen und auch diejenigen Menschen zu erreichen, die nicht im Netz unterwegs sind“, sagt Spiegel. Und ist zugleich überzeugt: „Wir sind uns sicher, dass es trotz der erschwerten Bedingungen ein guter Wahlkampf wird!“

Weiße Stehtische, weißes Regal mit Weinflaschen, bunte Hocker und jede Menge Wörter: So sieht das „Schmitt Studio“ der FDP-Spitzenkandidatin aus. „Die ersten Reaktionen zeigen, dass es richtig war, rechtzeitig auf ein professionelles und corona-konformes Format zu setzen“, sagt Daniela Schmitt. Sie diskutiert auch mit den Wahlkreiskandidaten ihrer Partei, aber auch anderen Gesprächspartnern und will dabei auch Bürger mit einbeziehen.

„Bei der ersten Sendung waren über 150 Menschen live zugeschaltet“, sagt Ministerpräsidentin Dreyer. Jetzt sind täglich weitere Sendungen geplant. Foto: dpa/Andreas Arnold

Auch die AfD spricht ihre Wähler und Anhänger über das Internet an: Aus ihrem in Blau gehaltenen Streaming-Studio gibt es jetzt im Wahlkampf Themen-Talkrunden, Latenight-Shows sowie Sendungen, zu denen die komplette Führung der Bundespartei und der Bundestagsfraktion eingeladen sind. Moderator Fabian Schütz sagt, es solle locker zugehen und ein ähnliches Gefühl wie am Infostand oder in der Halle erzeugt werden.

(dpa)