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Keine Zunahme häuslicher Gewalt in Rheinland-Pfalz trotz Corona-Krise

Entgegen Befürchtungen : Keine Zunahme häuslicher Gewalt in Rheinland-Pfalz trotz Corona-Krise

Laut Polizei ist es in der Pandemie nicht zu mehr Gewalt in den Familien gekommen. Dennoch wurden im ersten Halbjahr fast 5000 Übergriffe gezählt – meist gegen Partnerin oder Partner.

(dpa) 4843 Opfer häuslicher Gewalt hat die Polizeiliche Kriminalstatistik für das erste Halbjahr 2020 in Rheinland-Pfalz erfasst. Das waren 16 Erwachsene und Kinder mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres und 41 weniger als in den ersten sechs Monaten 2018, wie Innenministeriumssprecherin Sonja Bräuer in Mainz sagte.

Eine Zunahme der Gewalt während des „Lockdowns“ in der Corona-Zeit hat es danach nicht gegeben. Experten hielten aber eine zeitversetzte Zunahme für möglich, sagte ein Sprecher des Familienministeriums.

Von den 4843 Opfern häuslicher Gewalt im ersten Halbjahr waren die meisten (3640) Frauen und Mädchen. Fast drei Viertel waren Opfer von Körperverletzung. In 12 Prozent der Fälle ging es um Bedrohung und bei 172 Opfern (3,6 Prozent) um die sexuelle Selbstbestimmung.

In den allermeisten Fällen (4121) war die Partnerin oder der Partner das Opfer der Gewalt. 689 Mal richtete der Tatverdächtige die Gewalt gegen sein Kind, die meisten von ihnen (305) waren jünger als 14 Jahre – 33 Mal war ein Enkelkind das Opfer.

„Die Frauenunterstützungseinrichtungen verzeichnen seit zwei bis drei Wochen einen deutlichen Anstieg der Beratungs- und Unterstützungsanfragen im Vergleich zu der Zeit von März bis Mai“, sagte der Sprecher des Familienministeriums, Dietmar Brück. Der Beratungsbedarf liege damit vielerorts wieder in etwa auf Vorjahresniveau. Vereinzelt meldeten Einrichtungen auch einen deutlichen Anstieg. Die Situation müsse genau beobachtet werden.

Die Anfragen bei den Frauennotrufen seien gestiegen, sagt Sylvia Fink, Leiterin der Liga der Freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz. Der Beratungsbedarf sei genauso wie bei den Kinderschutzdiensten höher. Das habe aber auch daran gelegen, dass einige Jugendämter schlechter erreichbar gewesen seien.

Möglicherweise ist der erwartete deutliche Anstieg häuslicher Gewalt aber tatsächlich ausgeblieben. Strikte Ausgangssperren wie etwa in Spanien habe es ja nicht gegeben, sagte Brück. Bundes- und Landesregierung hätten zudem mit finanziellen Hilfen für eine Milderung von Existenzängsten gesorgt. „Wir beobachten die Entwicklung genau, um gegebenenfalls reagieren zu können.“

(dpa)