1. Pfälzischer Merkur

FC Kaiserslautern: Eine Abwärtsspirale geboren aus WM-Wahn und Naivität

Merkur-Kolumne : Eine Abwärtsspirale geboren aus WM-Wahn und Naivität

Womöglich war ausgerechnet der größte Triumph der Vereinsgeschichte zugleich der Moment, in dem der Niedergang des 1. FC Kaiserslautern seinen Anfang nahm. Ein Niedergang, der dieser Tage – vorerst – endete.

Mit dem Antrag auf ein Insolvenzverfahren vor dem Amtsgericht Kaiserslautern.

Als Harry Koch, Ciriaco Sforza und Trainer Otto Rehagel 1998 die Meisterschale in den Himmel reckten, war dies nicht irgendein Titelgewinn. Die Roten Teufel hatten ein – so platt es klingen mag – Fußballmärchen geschrieben. Der Aufsteiger, der krasse Außenseiter hatte sie alle das Fürchten gelehrt. Sogar der große FC Bayern musste sich der kleinen Stadt aus der Pfalz beugen.

Doch verbunden mit dem Freudentaumel war ein Gesinnungswandel, der den FCK seiner größten Stärke beraubte. Der Fritz-Walter-Club, der bis dahin dafür bekannt war, seinen Gegnern die 90 Minuten auf dem Rasen zur Hölle zu machen und weitaus talentierte­re Teams leidenschaftlich in Grund und Boden zu kämpfen, wollte plötzlich kein Außenseiter mehr sein. Man wähnte sich auf Augenhöhe mit den Branchenriesen – und trat auch so auf. Klangvolle Namen wie der französische Weltmeister Youri Djorkaeff oder Paradiesvogel Taribo West, der zuvor für die Mailänder Clubs AC und Inter aufgelaufen war, wurden nach Kaiserslautern gelotst. Doch 2002 stellte sich heraus, dass das internationale Flair in der beschaulichen Pfalz unlauter erkauft worden war. Steuern in zweistelliger Millionenhöhe sollen am Finanzamt vorbei geschleust worden sein. Dabei ging es auch um verdeckte Gehaltszahlungen an eben West und Djorkaeff.

Zwei Jahre zuvor hatte sich in Zürich entschieden, dass die Fußball-WM 2006 in Deutschland stattfinden wird. Und das pfälzische Selbstbewusstsein war angesichts der noch nicht verblassten Eindrücke der deutschen Meisterschaft grenzenlos. Eine WM ohne die Pfalz? Unmöglich! Darin waren sich Landespolitik, Stadt und Verein mit erdrückender Mehrheit einig.

Dass der Weltverband Fifa sein Hochglanzprodukt nur in Fußball-Palästen austragen lassen wollte, sollte dabei kein Hindernis sein. Der Betzenberg wurde ausgebaut – dass die Kosten dabei um fast 30 Millionen Euro stiegen, wurde als Randnotiz abgetan. Die wenigen kritischen Stimmen, die zudem monierten, dass die Steigerung der Stadionkapazität auf fast 50 000 Plätze für ein Städtchen mit gerade einmal doppelt so vielen Einwohnern überdimensioniert sei, wurden vom damaligen Geschäftsführer Gerhard Herzog als „Nörgler“ abgekanzelt.

Doch die Nörgler hatten Recht. Eine Insolvenz des FCK, der sich wegen des Umbaus und Steuernachzahlungen in Geldnot befand, hatte bereits 2003 nur abgewendet werden können, weil die Stadt die Spielstätte über eine Stadiongesellschaft faktisch vom Verein erwarb.

Doch mit den damit fälligen Mietzahlungen tat sich für den FCK das nächste Problem auf. Als der Club 2006 in die zweite Liga abgestiegen war, zeigte sich, dass das Stadion nur bei hoher Auslastung rentabel war. Eine Überraschung war das nicht. Ob dieser Umstand im WM-Wahn zugunsten des WM-Standorts Kaiserslautern ignoriert wurde – oder aus einer Mischung aus Großmannssucht und Naivität der Glaube wuchs, der FCK sei quasi „unabsteigbar“, bleibt das Geheimnis der Entscheidungsträger.

Auch der kurzzeitige Wiederaufstieg (2010-2012) kaschierte kaum, dass das Stadion wie ein Klotz am Bein des Vereins hing, der sich bis heute in einer unseligen Abwärtsspirale befindet: Seit Jahren muss der FCK seine talentiertesten Eigengewächse verkaufen, um finanziell zu überleben. Der Verlust der spielerischen Qualität schlägt sich in den Ergebnissen nieder. Der sinkende Zuschauerzuspruch reißt größere Löcher in die Vereinskasse. Und das macht wiederum den Verkauf von Spielern notwendig. Willi Orban und Robin Koch – heute Nationalspieler – wurden genauso in die erste Liga verkauft wie Dominique Heintz, Marius Müller, Julian Pollersbeck und Jean Zimmer. Der nächste in der Reihe ist Lennart Grill, der kommende Saison das Trikot von Bayer Leverkusen trägt. 

Dass Entscheidungen der 90er und frühen 2000er Jahre angesichts der zahlreichen Possen, Fehler und Querelen der jüngeren Vergangenheit alleine für den Absturz des Vereins verantwortlich sind, greift zu kurz. Aber sie haben ihren Anteil. Und die Auswirkungen werden weiter spürbar bleiben. Auch wenn sich der Verein durch die Planinsolvenz – die wegen der Corona-Krise nicht vom DFB bestraft werden wird – eine Atempause verschafften kann. Unabhängig davon, dass der FCK für manchen Gläubiger, der nun leer ausgehen könnte, zum Roten Tuch wird und selbst treue Fans es sich zwei Mal überlegen werden, ob sie künftig eine Anleihe des Vereins zeichnen – die Probleme des Clubs sind nicht aus der Welt. Insbesondere das Thema Stadion verfolgt den Verein weiter. Auch wenn in der Drittklassigkeit weniger die zum wiederholten Male reduzierte Miete als die hohen Unterhalts- und Reparaturkosten belasten.

„Wir sind sanierungsfähig und sanierungswürdig“ bekundete FCK-Geschäftsführer Soeren Oliver Voigt nach dem Gang zum Amtsgericht. Letzteres würden zumindest FCK-Anhänger unterschreiben. Dass der Club auch sanierungsfähig ist, muss er hingegen erst beweisen. Spötter würden ihm wohl lediglich die Chance des Außenseiters einräumen. Eine Rolle, die der FCK einst gerne angenommen hat.