1. Pfälzischer Merkur

1. FC Kaiserslautern-Fan de Behler: Matzes Daily Madness bei YouTube

Porträt eines großen Anhängers der Roten Teufel: Mathias de Behler : „Das ist meine Liebe“ – Fast blinder Fan fiebert bei FCK-Spielen mit

Mathias de Behler sieht seit seiner Geburt an sehr schlecht – und verlässt sich auf die Klänge der Fans. Seit er das erste Mal auf dem Betzenberg war, lässt ihn die Westkurve nicht mehr los. Seine Liebe zum FCK teilt er auf YouTube.

Tausende Menschen stehen um ihn herum, dicht an dicht gedrängt. Vor, hinter, neben ihm. Sie singen, lachen, schreien, grölen. Auch er. Ein herber Geruch von Hopfenmalz zieht ihm in die Nase, das nicht nur literweise fließt, sondern auch manchmal, wenn es der Spielverlauf eben erfordert, durch die Lüfte fliegt. Aus Freude, aus Wut. Betzenberg, Westkurve, Block 8.1.

Sobald Mathias de Behler im Fritz-Walter-Stadion steht, dann sieht er mehr denn je mit den Ohren, der Nase. Leise und laute Momente werden lauter, Emotionen emotionaler. Alles intensiver. Behler, der seit seiner Geburt an einer schweren Augenkrankheit leidet, ist fast blind. Er beschreibt es so: „Du nimmst einen Karton und hältst ihn vor dein Gesicht. Für das linkes Auge stichst du ein Loch, für das rechte Auge drei Löcher mit einer Stecknadel hinein. Durch diese Löcher sehe ich.“ Der 33-Jährige erkenne deshalb, wenn er im Stadion steht, „maximal noch die Strafraumgrenze“. Und das auch nur, weil er seinen Platz direkt hinter dem Tor hat.

Somit verlasse sich der in Schifferstadt geborene und dort wohnhafte Vorderpfälzer auf die Klangkulisse der Westkurve. Jubeln die Fans, dann jubelt auch er. Beschweren sie sich, kann es gut sein, dass auch er sich echauffiert. Und stimmen die Anhänger zum Gesang an, dann singt auch er mit. „Es ist so unglaublich leicht nachzuvollziehen, was da gerade auf dem Feld passiert“, versichert de Behler.

  Kontraprogramm Westkurve: Matze sieht sehr wenig – in etwa so, wie auf dem unteren Bild. Das Foto oben zeigt einen uneingeschränkten Blick.
Kontraprogramm Westkurve: Matze sieht sehr wenig – in etwa so, wie auf dem unteren Bild. Das Foto oben zeigt einen uneingeschränkten Blick. Foto: Mathias de Behler
 Ausblick von der Westkurve, Block 8.1
Ausblick von der Westkurve, Block 8.1 Foto: Behler

Hat der Gegner eine gute Chance? Ist der FCK nahe am gegnerischen Tor? Wo befindet sich in diesem Moment der Ball? „Ich ziehe diese Informationen aus der Spannung der Menschen.“ Wie ein Seismograph gäben die Fans Auskunft über den Spielverlauf. De Behler könne jedem nur empfehlen, mal für fünf Minuten die Augen zu schließen. Den Reaktionen zu lauschen. „Das“, hält er fest, „ist ein wenig so, als wäre man auf Drogen. Macht süchtig“.

Der Fußball-Fan erinnert sich zurück. An seinen ersten Besuch auf dem Betzenberg, damals mit acht Jahren: 11. Mai 1996, Bundesliga, 33. Spieltag, gut gefüllte Hütte. Hansa Rostock gastierte an einem der traditionsreichsten Punkte der Pfalz – und unterlag dem FCK vor knapp 38 000 Zuschauern nach einem Doppelpack von Pavel Kuka mit 0:2. „Schon damals war für mich faszinierend, was neben dem Spielfeld passiert. Die Fans, die Leidenschaft, der Enthusiasmus, die Hingabe. Diese gesamten Emotionen, die haben mich sofort gefangen genommen, bis heute nicht mehr losgelassen. Und sie werden es nie“, sagt de Behler: „Das ist unbeschreiblich. Pures Adrenalin.“ Damit ergeht es ihm wohl wie vielen Fans, die die Arena als ihr Wohnzimmer beschreiben, in der Dauerkarte eine Art Haustürschlüssel sehen.

Dass der Stadionbesuch aktuell aufgrund der Corona-Pandemie flachfällt – das schmerze ihn sehr. Natürlich. „Ich vermisse es“, sagt er. De Behler macht aus seinen Gefühlen keine Mördergrube. Corona riss viele Fans aus ihren Gewohnheiten, auch ihn. Da sind zuallererst natürlich die Heimspiele, das „geile“ und emotionsgeladene Erlebnis Betzenberg. Aber auch den Auswärtsreisen, die immer etwas von einem Abenteuer für ihn haben, blickt er voller Vorfreude entgegen. Und voller Ungeduld. „Mit Freunden morgens um halb eins am Bahnhof stehen, damit man den Auswärtsbus kriegt, quer durch die Nation reisen, das fehlt so unglaublich.“

Vieles habe er in all den Jahren erlebt. Triumphe und Rückschläge, Auf- und Abstiege, Siege und Niederlagen. Eine bewegte Historie für den Verein, eine bewegende Zeit für ihn. Doch wenngleich Vieles stets unstet war, ist der FCK bis heute eine der „stärksten Konstanten“ in seinem Leben. „Der Klub begleitet mich gefühlt schon immer; seitdem ich denken kann“, sagt de Behler: „Wenn ich meine Familie außen vorlasse, dann steht der FCK definitiv an erster Stelle.“

Es sind Sätze, die nach Fußball-Romantik klingen. Nach einem Gefühl, das im eiskalten Millionen-Business wenigstens die Fans noch garantieren. Bewahren. Menschen, die keine horrenden Ablösesummen verlangen, damit sie einen Verein unterstützen. Sondern es tun, weil sie es tun wollen. Mit Leibe und Seele. Egal, was kommt. Oder wie er sagt: „Immer wieder ist man enttäuscht. Immer wieder tut es weh. Immer wieder ist man frustriert. Immer wieder leidet man. Aber es ist nun mal der FCK. Meine große Liebe.“

Manchmal fragten ihn Leute, warum er weiterhin einem Klub die Daumen drücke, der doch nur deshalb noch als Traditionsverein firmiert, weil er Tradition im Mist bauen hat. Dann lehnt sich de Behler zurück und stellt den irritierten Menschen fast schon philosophisch eine Gegenfrage: „Würdet ihr euch von eurem Kind abwenden, nur weil es Scheiße macht? Nein. Denn nur weil das so ist, liebt man sein Kind nicht weniger. Wenn es ihm schlecht geht, dann ist man da. Punkt.“ Für den Vorderpfälzer befindet sich der FCK aktuell quasi in der „Pubertät, und da läuft eben nicht alles nach Plan. Bei mir war das nicht anders“.

Natürlich hat er bei diesem Vergleich in erster Linie die sportlich brenzlige Lage im Hinterkopf: Aktuell rangieren die Lautrer in der dritten Liga auf einem Abstiegsplatz. Drei Punkte vom rettenden Ufer entfernt. Und das sechs Spieltage vor Schluss. „Ich glaube weiter daran, dass wir die Klasse halten“, beteuert de Behler. Doch auch wenn das Worst-Case-Szenario tatsächlich einträfe und die Roten Teufel in der kommenden Spielzeit erstmals in der Regionalliga Südwest spielen müssten, „bleibe ich selbstverständlich dem FCK treu. Spieler kommen und gehen – doch die wahren Fans, die bleiben. Egal in welcher Liga“.

 Nostalgie pur: Der damals achtjährige Mathias de Behler (links) mit FCK-Mütze und FCK-Schal 1996 bei seinem ersten Besuch auf dem Betzenberg. Der FCK gewann mit 2:0 – stieg am Ende der Saison aber dennoch ab.
Nostalgie pur: Der damals achtjährige Mathias de Behler (links) mit FCK-Mütze und FCK-Schal 1996 bei seinem ersten Besuch auf dem Betzenberg. Der FCK gewann mit 2:0 – stieg am Ende der Saison aber dennoch ab. Foto: Mathias de Behler

Es ist de Behlers spürbar ehrliche und so tief gehende Verbundenheit zu den Roten Teufeln, die ihn 2011 veranlassten, einen YouTube-Kanal unter dem Namen „Matze Daily Madness“ zu erstellen. Und natürlich, wie sollte es anders sein, liefert er hauptsächlich Videos über den FCK. Seinen FCK. Im Laufe der Zeit fand sein Kanal immer mehr Beachtung. Mittlerweile haben 27 200 Menschen „Matzes täglichen Wahnsinn“ abonniert, knapp elf Millionen Mal wurden seine Videos angeklickt. Vielleicht ist er damit einer der bekanntesten unbekannten FCK-Fans in Deutschland.

Ein Grund für diese Aufmerksamkeit, die ihm die Menschen entgegenbringen, liegt wohl auch an seiner authentischen Art. „Ich würde nie auf die Idee kommen, mich zu verstellen, denn das würde mir überhaupt nicht gefallen. Ich bin so, wie ich bin – das bleibt so“, sagt der 33-Jährige: „Wenn das den Leuten gefällt, dann freut mich das umso mehr.“ Und ja, „Matze“, wie ihn alle nennen, kommt gut an. So schreibt etwa ein Fan: „Matze lebt den FCK total. An seiner Hingabe, seinem Einsatz und seiner Leidensfähigkeit könnte sich manch einer der Profis mehrere Scheiben abschneiden. Allein schon wegen ihm hätte der FCK den Wiederaufstieg in die 2. Liga verdient.“ Ein Fan aus Leipzig hält fest: „Sehr sehr schönes Video! Das lässt uns Fußballromantikern schon die ein oder andere Träne verdrücken!“

 In seinen emotionsreichen, mitunter zu Tränen rührenden Filmen nimmt de Behler die Zuschauer zu den Partien seines Herzensvereins mit. Lange Zeit ging es in die Arena – egal, ob der FCK daheim oder auswärts spielte. Nun, seit der Corona-Pandemie und solange bis Stadionbesuche wieder möglich sind, verfolgt der Fußball-Enthusiast die 90 Minuten auf dem Sofa. In seinem mit Betzeschals und Rotem-Teufel-Maskottchen dekorierten Wohnzimmer. De Behler, Mütze, Lautern-Shirt, viele FCK-Tattoos, sitzt dabei nur wenige Zentimeter vom TV-Gerät entfernt. So kann er das Spiel auch wirklich sehen. „Mit den Geisterspiel-Streams will ich den Leuten in der schweren Zeit Fußball-Feeling nach Hause bringen“, klärt er auf.

Was dem positiv-verrückten Vorderpfälzer absolut gelingt. So jubelt, flucht, schweigt er je nach Spielverlauf und Laune. Oder zündet sich eine Zigarette an, wenn ihm der Stress mal wieder zu Kopf steigt. Stets mit dabei ist seine Frau Bella, die meist ruhig dasitzt, während ihr Mann seinen Emotionen freien Lauf lässt. „Auch wenn sie es nicht zugeben mag, hat sie gewisse Sympathien für den FCK. Ich kenne sie“, versichert der 33-Jährige mit einem Augenzwinkern. „Aber natürlich ist das überhaupt kein Vergleich zu mir.“

Vorbildhaft emotional, wenn auch in leicht abgeschwächter Form, gibt sich de Behler nun auch während des einstündigen Gesprächs. Ganz so, wie es die Fans von den Spielern eben verlangen. In den vergangenen Jahren jedoch nicht mehr allzu häufig sahen. Natürlich denkt er da zurück an die gute alte Zeit. Etwa an FCK-Legende Fritz Walter, dessen Konterfei er sich auf seinen linken Oberarm hat tätowieren lassen. „Der Schlüssel zum Erfolg ist Kameradschaft und der Wille, alles für den anderen zu geben“, soll der „große Fritz“ einst gesagt haben. Für Fans wie de Behler gehört dieser Satz durchaus zum Lebensmotto. Zum Lebensgefühl. Das ist gerade dann zu sehen, zu hören, wenn sie dicht an dicht gedrängt in der Westkurve stehen.

De Behler kennt das aus nächster Nähe – und bekommt Gänsehaut, sobald er daran denkt. Der 33-Jährige will endlich zurück in seinen Block 8.1. Endlich wieder mit den Ohren hören. Hopfenmalz riechen. Bierduschen aus Freude kassieren. Wer weiß, vielleicht regnet es auch am Tag der Rückkehr? 

Es hätte etwas Magisches. Auch das ist Betzenberg.