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Flammeninferno
„Wie nach einem Atombomben-Abwurf“

Santa Rosa. Flammeninferno verwüstet Kalifonien. Mindestens 21 Menschen kommen ums Leben, viele werden noch vermisst.

Brad Hoffman steht vor dem Nichts, doch seinen Humor hat er noch nicht verloren. „Darf ich Ihnen die Eingangstür zu meinem zweistöckigen Haus zeigen?“, sagt der Kalifornier mit einem leicht gequältem Lächeln. Dabei blickt er auf eine graue Mondlandschaft aus verbogenem Metall, Aschebergen und verkohlten Holzbalken. „Es ist schwer, überhaupt noch etwas zu erkennen“, meint der Hobby-Musiker. „Das hier könnten meine Trommeln sein, dort die Reste meines neues Motorrads.“


Hoffman zählt zu den Tausenden Menschen, die in dem Flammeninferno von Santa Rosa und den benachbarten Weinbautälern Napa und Sonoma ihr ganzes Hab und Gut verloren haben. Seine Freundin greift vorsichtig in die noch warme Asche, auf der Suche nach Andenken: ein Porzellanteller, ein paar Silberlöffel, viel mehr ist nicht zu retten. „Wie Hiroshima“, sagte Phoebe Vernier mit leiser Stimme – durch ihre Atemschutzmaske hindurch. „In Deutschland gab es eine schwere Verwüstung im Krieg, doch wir hier kennen so etwas nicht.“ Personal Trainer Jack Dixon lebt ebenfalls in der zerstörten 175 000-Einwohner-Stadt: „Die Häuser sind weg, sie sind wie Staub“, sagt er. Auch er fühlt sich wie in einem Kriegsgebiet: „Es sieht aus, als wäre eine Atombombe abgeworfen worden.“

So weit der Blick reicht, ist das Coffey-Park-Viertel mit Hunderten Häusern dem Erdboden gleichgemacht. Nach Schätzungen der Behörden haben die Brände in Nordkalifornien mehr als 2000 Gebäude zerstört.



„Wir schliefen, als die Polizei an die Tür klopfte“, sagt Hoffmans Nachbar Ray Perez. Es habe stark nach Rauch gerochen, und sie hätten sofort das Haus verlassen müssen, erzählt der Familienvater. Zum Packen war keine Zeit mehr. „Alles ist weg“, murmelt er und schaut dabei über das schwelende Chaos aus Stahl und Asche. Fast alles: „Die vier Goldfische im Gartenteich haben überlebt, das ist wirklich ein Wunder“, sagt Perez mit tränenerstickter Stimme.

Überhaupt grenzt es an ein Wunder, dass in dieser verwüsteten Nachbarschaft nur ein Todesopfer zu beklagen ist. Die schweren Brände in Nordkalifornien haben mindestens 21 Menschen das Leben gekostet – das ist die vorläufige Bilanz am Dienstagabend (Ortszeit). „Das ist erst der Anfang“, warnt Feuerwehrsprecher Jerry Fernandez. „Wir gehen Vermisstenmeldungen nach, die Brände sind weiter außer Kontrolle.“ Eine derartige Verwüstung habe er in seinen 30 Jahren bei der Feuerwehr nicht gesehen. Über 100 Menschen wurden verletzt, mehr als 100 vermisst und 20 000 in Sicherheit gebracht.

Nach Angaben der Behörden wüteten weiterhin mindestens 17 Brände. Die Feuerwehr erklärte aber, sie habe dank abnehmendem Wind und kühlerem Wetter „über Nacht gute Fortschritte gemacht“. Angefacht wurden die Brände unter anderem durch sogenannte Santa-Ana-Winde, die mitunter eine Geschwindigkeit von mehr als 90 Stundenkilometern erreichten. Es handelt sich hierbei um ein meteorologisches Phänomen, das trockene Winde aus dem Bergland östlich der kalifornischen Küste bringt.

Es wird noch Tage oder Wochen dauern, bis die Brände gelöscht sind. Doch für viele beginnt jetzt schon die harte Wirklichkeit des Wiederaufbaus. „Ich habe meinen Antrag für den Feuerschaden bei der Hausversicherung schon eingereicht“, erzählt Brad Hoffman. Will er das verkohle Grundstück neu bebauen? „Ich weiß es nicht“, sagt er zögerlich. Hoffman ist skeptisch, ob aus Washington schnelle Hilfe kommt. US-Präsident Donald Trump hatte am Dienstag erklärt, die Bundesregierung sei an der Seite der Kalifornier. Über die Behörde für Katastrophenmanagement (FEMA) sollen Zuschüsse an die Betroffenen fließen. „Ich kann nur hoffen, dass noch Gelder übrig sind“, meint Hoffman. „Wir haben jüngst so viele Katastrophen in den USA gehabt, nun sind die Kassen vermutlich leer.“