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Wenn ein Berg zur Insel wird

Avranches. 20 Minuten lang dauerte das Schauspiel: Erstmals seit 1879 war der französische Klosterberg Mont-Saint-Michel vom Wasser umspült. Zu verdanken war es einer ungewöhnlich hohen Flut. Doch ein großes Restaurierungsprogramm soll sicherstellen, dass der Berg wieder regelmäßig zur Insel wird. Von SZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Das Schauspiel dauerte nicht lange, aber es war sehr eindrucksvoll: Meeresfluten umspülten in dieser Woche den Mont-Saint-Michel und machten ihn erstmals seit 134 Jahren komplett zu einer Insel. Dank einer besonders ausgeprägten Flutphase sah der berühmte Klosterberg am Ärmelkanal am Mittwochabend zur Zeit des Sonnenuntergangs für rund 20 Minuten endlich wieder so aus, wie ihn Postkarten gerne zeigen - zumindest solche, die am Computer bearbeitet wurden. In der Realität gab es das nämlich seit 1879 nicht mehr. Hunderte Schaulustige waren gekommen, um das rare Spektakel zu sehen, nachdem die ungewöhnlich hohe Flut angekündigt worden war.

"Das ist eine Minimal-Demonstration", erklärte allerdings Laurent Beauvais, Präsident der Region Basse-Normandie und zugleich Vorsitzender der Interessengruppe, die vor einigen Jahren umfangreiche Restaurierungsarbeiten angestoßen hat, um den Mönchsberg vor der kompletten Versandung zu bewahren und seinen maritimen Charakter zu bewahren. Beauvais verweist auf das Frühjahr 2015, wenn das mehr als 200 Millionen Euro teure Projekt fertiggestellt sein soll: Dann könnte der Mont-Saint-Michel wieder 50 bis 90 Mal pro Jahr komplett umspült werden. Ein derartiges Spektakel wäre dann keine großen Schlagzeilen mehr wert, sondern wieder gewöhnlich.

Die Großbaustelle am Klosterberg begann mit der Zerstörung eines 1879 fertiggestellten Staudammes, der dem Insel-Dasein der 1300 Jahre alten Abtei an der Grenze zwischen der Normandie und der Bretagne ein Ende gesetzt hatte. Weil er verhinderte, dass die natürliche Strömung die Sediment-Schichten abtrug, die die Flut in die Bucht spülte, wäre der Felsen in spätestens 30 Jahren mit dem Festland verbunden gewesen. Bis Ende 2014 soll der alte Damm komplett abgerissen sein. Ein neuer Gezeitendamm wird ihn ersetzen. Zugänglich wird der Mont-Saint-Michel über eine auf Stelzen errichtete Brücke, die ihn mit dem Festland verbindet. Gerade erst gab die EU-Kommission grünes Licht für eine Unterstützung von rund zehn Millionen Euro aus dem europäischen Fonds für regionale Entwicklung.

Umstritten ist das Projekt aber vor allem bei Anwohnern und den Geschäftstreibenden auf dem Mont-Saint-Michel, weil der alte Besucherparkplatz zerstört wurde und das Parken auf dem neu gebauten Areal nicht nur deutlich teurer wurde, sondern der Platz auch knapp drei Kilometer vom Klosterberg entfernt liegt. Shuttlebusse setzen Besucher 400 Meter vor dem Eingang ab - ein Unding für Menschen mit Gehbeschwerden, aber auch eilige Touristengruppen mit engem Zeitplan, monieren die Geschäftsleute. Weil zudem ein Pendler-Bus eigens für sie, der sie direkt am Fuß des Berges absetzte, gestrichen wurde, streikten sie kürzlich sogar. Einige Tage musste der Zugang für den Mont-Saint-Michel komplett geschlossen werden, bis es zu der Einigung kam, die Extra-Busse bis Ende Oktober fahren zu lassen. Auch für Touristen habe die umständlichere Anreise einen spürbaren Abschreckungseffekt, beklagen die Besitzer von Restaurants und Souvenir-Läden.

Demgegenüber argumentieren die Befürworter der Restaurierungsarbeiten, dass der Klosterberg wieder seinen natürlichen Charakter bekomme, auch weil das riesige Auto-Feld, das früher direkt unter ihm lag, entfernt wurde. Mit rund 2,5 Millionen Besuchern pro Jahr gehört der Mont-Saint-Michel, den die Unesco 1979 in ihre Weltkulturerbe-Liste aufnahm, zu den am stärksten frequentierten Sehenswürdigkeiten in ganz Frankreich - die historische Pilgerstätte ist heute vor allem Touristen-Magnet.