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Terror in Neuseeland
„Dies verändert für immer, wie Neuseeländer über ihre Heimat denken“

Neuseelands Bevölkerung steht unter Schock, nachdem Terroristen Dutzende Menschen in Christchurch niedergeschossen haben. Öffentliche Gebäude und Schulen wurden abgeriegelt. Premierministerin Jacinda Ardern sprach von einem der „dunkelsten Tage“ des Landes. Von Barbara Barkhausen

Dutzende Menschen sind am Freitag in Christchurch während mehrerer Schießereien in Moscheen ums Leben gekommen. Lokale Medien sprechen derzeit von bis zu 30 Toten. Vier Verdächtige – drei Männer und eine Frau – sind in Polizeigewahrsam, doch weitere Täter sind womöglich noch auf freiem Fuß. Polizeikommissar Mike Bush bezeichnete die Situation „als sehr ernst” und warnte die Menschen am Freitagnachmittag, in ihren Häusern zu bleiben. Schulen und öffentliche Gebäude wurden bis kurz vor 18 Uhr abgeriegelt.


Premierministerin: „Einer von Neuseelands dunkelsten Tagen“

Premierministerin Jacinda Ardern bat die Neuseeländer in einer Pressekonferenz, den Anweisungen der Polizei zu folgen, auch wenn dies bedeute, „dass manche Familien vorübergehend getrennt seien“. „Dies ist einer von Neuseelands dunkelsten Tagen“, sagte Ardern. Die Attacke sei ein bisher „beispielloser Gewaltakt“. Sie betonte, dass viele Einwanderer betroffen seien, die in den Moscheen ihr Freitagsgebet sprachen. „Sie sind Teil von uns.“ Die Attentäter hingegen seien es nicht.



Noch ist unklar, wer die Täter sind. Im Internet kursierte ein Video, das den vermeintlichen Angreifer zeigen soll, der die Attacke über eine Kamera an seinem Helm wohl über 17 Minuten lang live gestreamt hat. Darin soll zu sehen sein, wie der Attentäter bei der Al Noor-Moschee in Christchurch vorfährt, sein Auto parkt und mit einer Waffe in die Moschee hineingeht. Bereits im Eingang soll er ein erstes Opfer niedergeschossen haben.

Video des Attentats zirkulierte im Internet

Der Schütze war mit mindestens einer halbautomatischen Schusswaffe bewaffnet, wobei weiße Nachrichten auf die Waffe und Munition geschrieben waren. Das Video – falls authentisch – zeigt, wie der Mann wahllos auf Menschen in der Moschee einschießt.

Der Mann, der in dem Video behauptet, der Attentäter zu sein, hat zudem ein 74-seitiges Manifest online gestellt, in dem er sich als weißen, 28 Jahre alten, in Australien geborenen Mann bezeichnet. Er beschreibt die Motivation für seinen Angriff als anti-islamisch, betont aber, dass er damit auch ein grundsätzliches Zeichen gegen Immigration setzen wolle. Er habe eine normale Kindheit ohne große Probleme gehabt, aber wenig Interesse an Schule gehabt und habe nicht studiert. „Ich bin nur ein normaler weißer Mann aus einer normalen Familie“, schreibt er darin. Er empfinde keinen Hass gegen Muslime in ihrer Heimat, aber gegen diejenigen, die andere Länder „einnehmen” würden und gegen Menschen, die zum Islam konvertierten. Er wolle den Angriff überleben, wisse aber, dass die Wahrscheinlichkeit hoch sei, dass er selbst auch ums Leben komme.

Christchurch ist unter Schock

Die neuseeländische Polizei hat die Authentizität des Videos bisher nicht bestätigt, unklar ist auch, ob der Mann unter den Verdächtigen ist, die bereits gefasst wurden. Neben der Al Noor-Moschee wurde auch eine weitere Moschee in Christchurch angegriffen. Die Explosion mehrerer Autobomben konnte anscheinend noch rechtzeitig verhindert werden.

Die Bürgermeisterin von Christchurch, einer Metropole auf der neuseeländischen Südinsel mit 350.000 Einwohnern, sagte, sie sei „geschockt“. „Ich hätte nie erwartet, dass so etwas in Christchurch, geschweige denn in Neuseeland, passieren könnte.“ Ein Bürger aus Christchurch, den der Guardian nur als Mike bezeichnete, sagte der Zeitung, er habe Angst und sei entsetzt. „Dies verändert für immer, wie Neuseeländer über ihre Heimat denken.“ Christchurch erholt sich nach wie vor von einem verheerenden Erdbeben 2011, bei dem fast die gesamte Innenstadt verwüstet und 185 Menschen getötet wurden.

Neuseelands letztes Massaker, bei dem 13 Menschen sowie der Attentäter starben, ereignete sich 1990 in Aramoana in der Nähe von Dunedin. 2016 hatte ein Waffenexperte jedoch gewarnt, dass sich eine Tragödie wie die in Aramoana wiederholen könne, da nicht bekannt sei, wer 95 Prozent aller Schusswaffen im Land besitze, nachdem es kein zentrales Register gebe.